Der Wolf an der Krippe ...
Heute möchte ich euch, liebe Schwestern und Brüder, eine Geschichte erzählen. - Eine Weihnachtsgeschichte, die ich gerne habe, und auch gerne - immer wieder einmal - erzähle:
Es war einmal ein Wolf. Er lebt in der Gegend von Bethlehem. Die Hirten wissen um seine Gefährlichkeit und sind immer bestrebt, ihre Schafe vor ihm in Sicherheit zu bringen. Immer muss einer Wache halten, denn wenn der Wolf hungrig ist, kann er böse werden.
Der Wolf hat mitbekommen, dass da etwas Besonderes in der Luft lag, in jener Nacht. Er beobachtet, wie die Hirten sich aufmachen. Er schleicht ihnen nach. Beim Stall angekommen versteckt er sich und wartet.
Als die Hirten wieder weg waren und alles still geworden war, drückt er die Tür auf und zwängt sich hinein in den Stall. Er blickt um sich. Er sieht Josef und Maria, die friedlich und tief schlafen. Auch der Ochs und der Esel liegen im Stroh.
Vorsichtig nähert er sich der Krippe. Er stützt sich mit seinen Vorderpfoten auf den Rand der Krippe - und schaut dem Kind ins Gesicht. - Das Kind strahlt ihn an, es scheint keine Angst zu haben vor den Wolfsaugen, dem zottigen Fell, dem bleckenden Gebiss...es lächelt ihn an, sanft und liebevoll. -
So etwas hat der Wolf noch nie erlebt. Irgendwie bewegt sich etwas in ihm. Und als das Kind mit seinem Händchen ihn auch noch zärtlich streichelt, da bekommt sein raues Wolfswesen einen Riss. Es wird ihm warm, ums Herz. Gefühle, die er nie gekannt hat, durchströmen ihn, machen sich breit in ihm.
Als der Wolf sich nach einer Weile - verwundert über das, was mit ihm geschehen war - zum Gehen wendet, bleibt ein Strohhalm von der Krippe in seinem struppigen Fell hängen.
Noch viele Tage - so erzählt die Legende - sei der Wolf wie verwandelt gewesen.
Solange dieser Strohhalm von der Krippe in seinem Fell steckte, konnte er keine Mordgedanken haben, er wollte keinem anderen Tier etwas zuleide tun, er konnte nicht töten, ja, nicht einmal beißen oder kratzen.
Mit diesem Strohhalm war die Erinnerung an das Wunder seiner "Heiligen Nacht" an ihm hängen geblieben. Die Erinnerung an das Kind, dessen Blick und dessen Berührung sein ganzes Wesen von Grund auf verändert hat.
Es war ein "Strohhalm von der Krippe" im Fell des Wolfes hängen geblieben.
Solange dieser Strohhalm in seinem Fell steckte, konnte er keine Mordgedanken haben, konnte keinem anderen etwas zuleide tun, konnte nicht töten, ja, nicht einmal beißen oder kratzen.
Liebe Schwestern und Brüder!
Möge auch an uns so ein Strohhalm hängen bleiben, ein "Strohhalm aus der Krippe". Als Erinnerung, manchmal auch als Mahnung: damit wir nicht vergessen und nicht verlieren, welche wunderbare, heilsame, verwandelnde Kraft von der "Heiligen Nacht" und dem "Kind in der Krippe" ausgeht.
Heuer war so vieles anders zu Weihnachten.
Vielleicht bleibt gerade deswegen mehr "hängen" an uns, von dem Zauber der "Heiligen Nacht".
Ich wünsche es mir und uns allen.