"Wäre Maria hart geblieben, wäre uns Weihnachten erspart geblieben"
Liebe Menschen, die ihr vielleicht - wie ich - nach dem Ort sucht, wo Gott wohnt:
"Wäre Maria hart geblieben, wäre uns Weihnachten erspart geblieben." (Spruch-Postkarte)
Und ich frage mich: Hätte Maria überhaupt eine Chance gehabt, hart zu bleiben?
Diese zugegebenermaßen provokante Frage stellt sich mir, nachdem ich beim mehrmaligen Lesen des Evangeliums immer wieder an dieser einen Stelle im Vers 35 hängenbleibe, wo der Engel Marias Frage, wie sie denn schwanger sein könne, wo doch sie und Josef noch nicht verheiratet waren, beantwortet mit: "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten."
Erlaubt mir, liebe Schwestern und Brüder, meine Assoziationen zu dieser Formulierung darzustellen. Dunkel wird es da, wenn die eine große Kraft ihren Schatten über eine junge Frau wirft. Gewaltvoll wirkt diese Szene auf mich, beherrschend. Stelle ich mir vor, ich wäre diese junge Frau, der vom Engel diese Prophezeiung überbracht wird, hätte ich Angst. Wie sieht dieser Heilige Geist aus? Wie fühlt sich die Kraft des Höchsten an, wenn sie einen Schatten über mich legt, wenn sie mich überschattet, wenn sie sich über mich stellt?
An diesem Punkt komme ich beinahe nicht weiter beim Verfassen dieser Predigt. Auch Andreas weihe ich ein in meine Bedenken. Er bringt mir mehrere Bibelübersetzungen. In allen, die Wert darauf legen, der griechischen Urfassung des Lukasevangeliums möglichst treu zu bleiben, kommt das Wort "Schatten" vor.
Weitere Recherchen bringen Licht ins Dunkel, machen den Schatten also hell (ein Wortspiel, gemerkt?): In unserem Sprachgebrauch ist der Schatten in den überwiegenden Fällen etwas Dunkles, der Ort, wo das Licht nicht hingelangt. Im Hebräischen aber beinhaltet das Wort auch den Aspekt des Glänzens und Schimmerns, das von einer reflektierenden Oberfläche ausgeht. Das Verb "überschatten" kann auch im Alten Testament gefunden werden und bedeutet dort, dass die leuchtende Wolke Gottes jemanden einhüllt.
Eine Übersetzung, die meine negativen Assoziationen am ehesten zu nehmen imstande ist und dabei der Originalversion treu bleibt, ist in der Bibel in gerechter Sprache zu finden:
»Die heilige Geistkraft wird auf dich herabkommen und die Kraft des Höchsten wird dich in ihren Schatten hüllen."
Auf einmal kommt etwas Warmherziges in diese Szene. Wir dürfen uns vorstellen, dass diese Kraft des Höchsten, die Kraft Gottes wie eine warm gefärbte Wolke einen schützenden Mantel um Maria legen wird. Die Kraft Gottes ist nicht etwas, was einen dunklen Schatten wirft, vielmehr etwas, was schützt und warm hält, beherbergt. Und zugleich befruchtend wirkt. Denn dort, wo die Heilige Geistkraft oder der Heilige Geist auf einen herabkommt, dort wird einem eine besondere Lebenskraft zuteil, die sich aus der göttlichen Kraft nährt.
Also gibt Gott Maria eine Herberge, durch die Gnade, die er ihr zuteil werden lässt, durch die Zusage, die er ihr gegenüber ausspricht. Und zugleich kann sie so Wohnung für Gott werden. Sie darf den menschgewordenen Jesus in der Zeit der Schwangerschaft in sich wachsen lassen, wird ihn und seine Bewegungen immer mehr spüren, bis sie ihn schließlich zur Welt bringen wird - in einem Stall nach einer langwierigen Herbergsuche. Der Sohn Gottes, der Sohn des Höchsten, so wird er genannt werden, wird von der Suche nach einer Herberge nicht so viel mitbekommen, denn zu diesem Zeitpunkt ist seine größte Heimat der Bauch seiner Mutter. In ihrem Körper ist er geborgen, wie Maria in der leuchtenden Wolke. Maria gibt also Gott eine Herberge.
Das Thema des Wohnens, der Geborgenheit schenkenden Behausung und Ummantelung zieht sich durch die heutige Lesung und dann durch das Evangelium in einer ganz besonderen Dynamik:
Wer ist denn nun auf Herbergsuche? Gott ist auf Herbergsuche. Das glaubte David zumindest. Also wollte er für ihn ein Haus bauen. Doch welche Botschaft von Gott wurde ihm dann durch Natan, dem Propheten, übermittelt? "Ich bin überall mit dir gewesen, wohin du auch gegangen bist." Also wird David gesagt: Sorge dich nicht um mein Haus. Ich wohne dort, wo du bist. Und weiter sagt Gott: "Ich will meinem Volk Israel einen Platz zuweisen und es einpflanzen, damit es an seinem Ort sicher wohnen kann und sich nicht mehr ängstigen muss und schlechte Menschen es nicht mehr unterdrücken wie früher...Ich verschaffe dir Ruhe vor allen deinen Feinden". Hier spricht der Herr wie ein Vater zu seinem kleinen Kind. "Ich gebe dir einen sicheren Platz, du musst keine Angst haben, ich passe auf dich auf. Ich gebe dir einen Zufluchtsort, ich bin dein Zufluchtsort." Ein Bild taucht da in mir auf. Eine Mutter/ein Vater drückt ihr Kind, das sich vor fürchtet oder weint, an sich, umfängt es sanft mit ihren Armen, bildet in dieser Umarmung einen Ort der Geborgenheit für ihr/sein Kind.
So macht es auch Gott. Der Herr baut dir, du Kind Gottes, ein Haus. Er schenkt dir seine immerwährende Umarmung, die eine Umarmung der Geborgenheit ist.
Mit den Worten der Lesung wird uns ganz klar verdeutlicht: Es ist nicht Gottes Bedürfnis, ein Haus zu bekommen, in dem er wohnen kann. Es ist vielmehr ein menschliches Bedürfnis, einen sicheren Wohnort zu haben. "Nun verkündet dir der Herr, dass der Herr dir ein Haus bauen wird."
Nicht Gott ist der Schutzbedürftige. Wir sind die Schutzbedürftigen! Bis hierher zumindest.
Denn: Um uns Menschen noch näher zu kommen, um uns seine Zusage noch klarer zu machen, um nicht ewig der Erhabene, vom menschlichen Treiben und Leiden im Endeffekt doch Unberührte zu bleiben, begibt er sich im Lukasevangelium selbst auf Herbergsuche. Er entsendet einen Engel zur auserwählten Maria, der ihr sagen wird, welche Aufgabe sie haben wird als Magd des Herrn. Es bedarf nun eines Raumes der Geborgenheit, in dem das zarte Leben Gottes Kindes in aller Ruhe heranwachsen kann. Gott braucht den Mutterschoß der jungfräulichen Maria.
Als Frau, die schon mehrere Kinder bekommen hat, ist mir dieses wunderbare Gefühl, ein Kind in sich zu tragen, es wachsen und sich bewegen zu spüren, und ihm schließlich den Weg in die Welt zu ermöglichen, bekannt. Es gibt wohl nichts Ergreifenderes. Es ist immer wieder ein Wunder, es ist gewaltig.
Gemerkt? Das Wunder von Schwangerschaft und Geburt ist gewaltig. Auch hierin kommt Gewalt vor. Die Gewalt, die über Maria kam, dieser Heilige Geist, und die Kraft des Höchsten, die sie überschattete, versinnbildlichen diese Gewalt des "gewaltigen" Wunders der Menschwerdung.
Maria ist das Urbild und Vorbild des Glaubens. Mit ihrem Ja zu ihrer Aufgabe, die ihr von Gott und seinem Engel zugestanden und zugesagt wird, einem Ja, das nicht nur blauäugig war - schließlich hatte Maria nachgefragt, wie denn das gehen soll, dass sie als Jungfrau schon schwanger sein könne - mit ihrem Ja zeigt sie uns den Weg. Maria sagt uns:
Wenn du Gott in dir wohnen lassen willst, lass dich vom Heiligen Geist aufsuchen. Lass dich von der Wolke der Kraft des Höchsten, von Gottes Präsenz einhüllen. Nimm den großen Schatten über dir als das Dach wahr, das dir Schutz und Behausung bietet. Wohne also du in Gott, finde deine Heimat in ihm. Und dann sag Ja.
Dann wird Gott in dir wohnen wollen, du wirst Begnadeter / Begnadete sein. Du wirst dem zarten Leben der Menschwerdung Schutz und Nahrung bieten. Das Leben in dir wird wachsen, Ruah, Pneuma, der Heilige Geist oder Gottes Geistkraft (-wie auch immer man Gottes Atem nennen möchte) wird dir und dem Gotteskind eine starke Lebenskraft verleihen. Und dann, ja dann wird Gott durch dich geboren werden.
Es ist durchaus eine gewaltige Zusage. Und es ist ein gewaltiger Schritt, den Gott auf uns zugegangen ist.