Lesen oder hören wir die Worte Jesajas über den von Gott Erwählten, können wir aufhorchen. Gott habe seinen Geist auf einen gelegt, der den Völkern das Recht bringt. Nicht der ist von Gott gesandt, der das Recht unter den Völkern bricht, weil er seines als das des Stärkeren behauptet, sondern der das Recht bringt und achtet. Wer das Recht achtet – auch das Menschenrecht, das Selbstbestimmungsrecht, das Völkerrecht – in dem lebt Gottes Geist und auf ihm ruht sein Gefallen.
Und es bleibt aktuell bei Jesaja: der von Gott Erwählte schreit nicht und lärmt nicht, lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen, auch nicht auf X , Tik tok oder Telegram. Er teilt der Welt nicht lautstark mit, was ihm schon wieder für Blödsinn eingefallen ist. Nein, der von Gott Erwählte schreit und lärmt nicht. Das Geschrei ist nicht eine Stimme, nicht ein Ton Gottes.
Und dann noch besser: das geknickte Rohr zerbricht er nicht. Ein Gottgesandter gibt niemandem den Todesstoß, macht nicht noch auch das letzte schlecht oder kaputt, woran ein Mensch sich noch anhalten und aufrichten könnte. Auf dem Geknickten herum zu trampeln - das Wort hat im Deutschen spätestens seit Jahresbeginn eine neue Bedeutung bekommen - ist doch das Letzte, was einer tun könnte, in dem noch ein Funke Anstand und Charakter ist.
Auch den glimmenden Docht löscht er nicht aus. Zerdrückt nicht den letzten Funken zwischen seinen nassen Fingern, befördert mit seinen Kugeln und Bomben nicht die letzten Lebensregungen ins Jenseits. Nein, ein Gesalbter Gottes bringt wirklich das Recht – und dieses Kriterium allein schon entlarvt alle Scharlatane und Psychopathen an der Macht.
Aber Jesaja ist immer noch nicht fertig mit uns: Der Gottgesandte wird selbst nicht geknickt und er verglimmt nicht, bis er auf Erden das Recht begründet hat. Aber genau da werden wir stutzig: Ist es nicht die Erfahrung aus der Geschichte, dass gerade solche Menschen immer beseitigt werden, völlig geknickt und ausgelöscht, damit sie nicht durchsetzen können, was Gott will, sondern damit das herrscht und bleibt, was die Gottlosen wollen.
Und in diese Schar der Geknickten und Ausgelöschten reiht sich Jesus ein: der Geliebte Gottes, an dem er sein Wohlgefallen hat, wie wir gerade im Ev gehört haben. Musste er nicht dasselbe erleiden: ausgelöscht werden, bevor er ans Ziel kam und seine Sendung vollenden konnte?
Am Ende des Mt Evangeliums nach der Verurteilung des Pilatus sitzt Jesus im Praetorium des Statthalters wie ein Faschingskönigsnarr ausgestattet mit einem Purpurmantel, einer Krone aus Dornen und was hat er in der Hand? ein Schilfrohr als Königszepter! Kein geknicktes Rohr, sondern ein gerades, heiles, ganzes. Pilatus weiß natürlich nicht, was er hier darstellen lässt und die Soldaten wissen auch nicht, was sie hier mit ihm spielen. Aber der Evangelist hat es wahrscheinlich durchschaut: Was zuerst nach Spott ausschaut, wird zum Symbol dafür, wie er gewesen ist, dass er die geknickten Rohre nicht gebrochen, die daniederliegenden Menschen nicht niedergetrampelt, sondern aufgerichtet hat. Er selbst am Ende, andere aber aufgerichtet.
Für die Christen des Anfangs war es immer sehr wichtig, für das, was mit Jesus geschehen ist, Spuren zu finden in der hebräischen Bibel, im sogenannten Alten Testament. Und die Entdeckung vom Erwählten Gottes, der nicht lärmt und schreit, der das Recht bringt und den glimmenden Docht nicht löscht und das geknickte Rohr nicht zerbricht, ist eine der großartigsten Spuren, die Christen im Alten Testament von ihm gefunden haben.