Vitamin G - Heiliger Geist
Schriftstellen:
Lesung aus der Apostelgeschichte 2,1-11.
Aus dem Heiligen Evangelium nach Johannes 20,19-23.
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
Damit unser menschliches Immunsystem funktionieren kann brauchen wir Vitamine, die in den verschiedenen Nahrungsmitteln vorhanden sind. Wenn wir zu wenig Vitamine zu uns nehmen, tritt ein Vitaminmangel auf, der zu verschiedenen Krankheiten führen kann. Und heute, liebe Brüder und Schwestern, feiern wir das Pfingstfest, das Fest des Heiligen Geistes. Zu Pfingsten schenkt uns Gott ein ganz wichtiges Vitamin. Es ist das Vitamin G, das Vitamin Geist. Nicht der Zeitgeist und nicht der Ungeist, sondern Gottes Heiliger Geist, ist das Vitamin, das wir als glaubende Menschen brauchen. Vitamin G soll keine Mangelware unseres Lebens sein, weil uns sonst die Dynamik und Bewegungsfähigkeit abhandenkommt. Was bewirkt nun Vitamin G?
Erstens: Eine Wirkung ist der Blick für das Unfassbare. Es gibt Situationen in unserem Leben, die lassen sich mit dem Verstand nicht fassen, die lassen sich auch nicht in Worte kleiden. Das ist Pfingsten. „Alle gerieten außer sich und sind erfüllt vom Heiligen Geist,“ haben wir in der Apostelgeschichte gehört. Der Heilige Geist will uns offen machen für das Unfassbare. Er verweist uns dahin, dass wir nicht alles im Griff haben, sondern, dass Gottes Geist die Welt im Griff hält. Diese Unfassbarkeit will uns bewahren, dass wir uns ein vorschnelles Bild von Gott oder den Menschen machen. Die Unfassbarkeit, der wir uns wirklich immer großer Ehrfurcht nähern dürfen, lässt deutliche Muster und Einordnungen wie ,,die Ausländer, die Muslime, die Arbeitslosen etc.“ erst gar nicht aufkommen. Der Geist Gottes macht uns fähig darüber zu staunen, dass wir Menschen ein unfassbares Bild des großen Gottes sind, der seinen Heiligen Geist in uns hineingelegt hat. Wir leben heute in einer Zeit, in der viele Bilder auf uns einströmen, die uns gefangen nehmen. Wir übernehmen schnell irgendwelche Vorstellungen und übertragen sie auf die Personen neben uns. Ein Beispiel möchte ich nennen. Das erste Bild, das wir heute von einem Menschen haben verdanken wir dem Ultraschall. Es ist der Blick des Arztes auf heranwachsendes Leben bei der vorgeburtlichen Untersuchung. Nicht die Eltern blicken zuerst auf das Kind, sondern die Augen des Arztes, der nach Fehlern, Schwächen und Defiziten sucht. Ja, und wenn zu viel Defizite da sind, soll das Kind nach der unseligen Fristenlösung des Jahres 1975 gar nicht zur Welt kommen. Es ist nicht der Blick einer unfassbaren Liebe, sondern das Unfassbare soll fassbar werden, soll in den Griff genommen werden. Wir brauchen den Blick fürs Unfassbare müssen nicht alles erklären, denn dort, wo alles erklärt wird, da staunt niemand mehr. Es braucht den Blick für das Unfassbare und den Unfassbaren Gott.
Zweitens: Und so ist bei Vitamin G noch eine Sache wichtig. Vitamine können vom Körper nicht lange gespeichert werden, sie müssen immer wieder neu zugeführt werden. So ist es auch mit dem Geist Gottes. Er muss täglich neu hereingelassen werden, er muss täglich an mir wirken dürfen. Vitamin G ermöglicht uns, dass wir auf Sendung bleiben nicht auf Sitzung, weil wir sonst im wahrsten Sinn des Wortes sitzen bleiben. Das ist heute ein Problem unserer Kirche, dass die Sitzungskultur, so wichtig sie ist, die Sendungskultur stark einschränkt. Wir brauchen die Überzeugung, dass wir hier vor Ort, die Sendung haben das Evangelium unter die Leute zu bringen. Und das nicht durch große Worte, sondern durch ein überzeugendes Leben, indem wir Ausstrahlung haben. Wir brauchen die Ausstrahlung täglich neu. Der Glaube lebt von der Ausstrahlung und vom Weitersagen. Warum bin ich Christ, was lässt mich glauben und hoffen? Was gibt mir der Glaube innerlich? Was uns heute oft fehlt ist die Ausstrahlung. Wir leugnen Gott zwar nicht, aber rechnen tun wir auch nicht wirklich mit ihm. Es ist zwar kein Gott mehr zum Fürchten, aber richtig zum Verlieben auch nicht. Wir brauchen Leidenschaft, tiefe Leidenschaft für diesen Gott, die uns Feuer und Flamme sin lässt, um im Bild der Lesung zu bleiben. Wer Vitamin G regelmäßig einnimmt, der wird sich vom Geist Gottes leiten lassen. Er wird nicht beim Jammern und bei der Gleichgültigkeit stehen bleiben, sondern auf Sendung bleiben und sich in Gottes Mission einklinken.
Drittens: Und dann wird durch Vitamin G die Überwindung jeglicher, innerer Distanz möglich. Vor Corona waren wir es gewohnt, dass wir uns in öffentlichen Räumen oft sehr nahe gekommen sind: öffentliche Verkehrsmittel, Geschäfte, weitere öffentliche Räume etc. Man war mit vielen Menschen oft auf sehr engen Raum beieinander und war innerlich dennoch total distanziert. Das geht auch umgekehrt: Nehmen wir zwei Menschen, die einander lieben. Die aber im Augenblick voneinander getrennt sind, vielleicht sogar tausende Kilometer. Und dann kann es sogar mal sein, dass nicht einmal Handykontakt möglich ist, weil die Technik nicht funktioniert. Doch trotz solcher Distanz sind sie sich nahe, fragen sich, was der andere tut, sehen ihn vor sich, ja führen im Geist sogar Gespräche miteinander. Die Beispiele zeigen, dass man räumlich ganz nahe beieinander sein kann, aber doch vollkommen vom anderen weg bzw., dass man weit vom Anderen weg sein kann, aber sich letztlich doch sehr nahe sein kann. Was schafft diese Nähe, die physikalisch und wissenschaftlich nicht messbar ist? Es ist der Heilige Geist. Er ist das Zwischen, das die Glaubenden verbindet. Er überbrückt Distanzen. Er macht, dass wir zueinander gehören, als Christen in Ostafrika, Europa und Asien. So entsteht Kirche als „internationales Gottesvolk.“ Man kann ein Stück weit an unserem Leben ablesen, inwieweit Vitamin G wirkt, im Blick auf überwundene Distanzen, bzw. Distanzen, die es stets neu zu überwinden gilt.
Liebe Brüder und Schwestern!
Wir brauchen Vitamin G, wir brauchen den Heiligen Geist Gottes. Er schenkt uns den Blick für den Unfassbaren, den nicht wir im Griff haben, sondern, der uns im Griff hat Er hilft uns, dass wir auf Sendung bleiben mit der guten Ausstrahlung Gottes. Er ist das Verbindende in der Kirche, das Distanzen überwinden will. „Komm Heiliger Geist, erfülle die Herzen deiner Gläubigen und entzünde in ihnen das Feuer deiner Liebe.“ Amen.