Es reicht! - Für alle! ... und sie aßen und wurden alle satt
Die Speisung der Fünftausend – so ist unsere heutige Bibelstelle herkömmlich überschrieben. Oft wurde sie schon gelesen und offenbar genauso oft nicht gelebt, denn nach wie vor gibt es viele Menschen, die auf dieser Welt nicht oder noch nicht satt werden können. Ja mehr noch: Hunderttausend Menschen werden täglich durch Hunger ermordet.
Dass das nicht so sein müsste, davon handelt unsere heutige frohe Botschaft. Denn die Fülle ist uns grundsätzlich geschenkt, sie gut zu verteilen ist uns aufgetragen, damit alle Menschen leben können. Weltweit. Dann wird das Reich Gottes lebendig, wenn alle an der Fülle des Schöpfers teilhaben können und gemeinsam dasselbe Brot essen können.
Am Fronleichnamstag wird Jesus in der Gestalt des Brotes in der Monstranz sichtbar gemacht. Brot ist Leben. Das muss uns immer wieder gezeigt werden. Wir ehren den Leib des Herrn in der Gestalt des Brotes, als Zeichen, dass er uns Nahrung und Stärkung für unser Leben ist. Lebendig machen wir diesen Leib, wenn wir das Wunder des Teilens in unserem Alltag leben.
Aber die Leute erfuhren davon und folgten ihm. Er empfing sie freundlich, redete zu ihnen vom Reich Gottes und heilte alle, die seine Hilfe brauchten.
Die Botschaft hat berührt, die Praxis Jesu und der Jünger und Jüngerinnen zeigt ihre Wirkung. Sie sammelt Menschen und setzt sie in Bewegung. Die Leute eilen Jesus nach. Jesus redet zu ihnen vom Reich Gottes, weckt Sehnsüchte nach diesem Reich des Lebens, ja mehr noch, in seiner Zuwendung lässt er dieses Reich anbrechen für die Menschen, die sich darauf einlassen. Er lässt die Nähe Gottes spürbar werden, in ganz konkreter Zuwendung für die, die seine Hilfe brauchen. Statt Lehrreden lebt Jesus eine neue Praxis, ein neues Tun.
Als der Tag zur Neige ging, kamen die Zwölf zu ihm und sagten: Schick die Menschen weg, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen, dort Unterkunft finden und etwas zu essen bekommen; denn wir sind hier an einem abgelegenen Ort.
Die Jünger sind Realisten. Es wird spät, die Leute werden Hunger haben. Sie schlagen vor, die Menge wegzuschicken, damit sie sich Verpflegung organisieren können. Dass die Menschen aber gerade hier bei Jesus sind, weil sie zu Hause nicht satt werden können, ihre Lebensverhältnissen sie ungesättigt lassen, spielt in den Überlegungen der Jünger keine Rolle. Und genau hier hakt Jesus ein.
„Gebt ihr ihnen zu essen!“ Werdet selber aktiv! Nehmt eure Verantwortung wahr für das Reich Gottes.
Jesus spielt den Ball den JüngerInnen zurück. Er wehrt sich gegen das Wegschicken. Denn gerade das ganz Grundsätzliche, nämlich das Essen, will gemeinsam erledigt werden. Und dazu braucht es offenbar neue Überlegungen, wie das gehen kann, dass alle essen können. Der herkömmliche Markt, die Marktwirtschaft der damaligen Zeit, war dazu offenbar nicht in der Lage.
Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische. Wir müssten erst weggehen und für all diese Leute Essen kaufen.
Was ist vorhanden? Was ist da? Denn es ist immer etwas da. Jesus fordert einen anderen Weg ein als den bisher vertrauten. Dieser Weg fordert persönlich, nimmt jede und jeden in die Verantwortung für die Gemeinschaft. Jesus ermuntert und ermutigt zur Eigenverantwortung. Er macht nicht das Geld oder den Markt dafür zuständig, dass die Frage des Hungers gelöst wird. Jesus will die eigenen Kräfte freisetzen. „Gebt ihr ihnen zu essen!“
Wo Menschen zusammen sind, gibt es immer bestimmte Sachen und Gaben, die es ermöglichen, mit der Lösung eines Problems anzufangen. Was ist vorhanden? Wir haben zumindest fünf Brote und zwei Fische. Das wäre ja schon mal ein Anfang. Was da ist wird verteilt.
Und dennoch: Die JüngerInnen verharren auf der Ebene des Kaufens. Sie bleiben in der gesellschaftlich dominierenden Logik. Wenn man Brot haben will, braucht man Geld. Es kommen ihnen keine anderen Ideen in den Sinn.
Das Wunder der Brotvermehrung ist das, was auch heute noch Millionen Menschen sehnsüchtig erwarten. Dieser Hunger nach Brot ist leiblich zu verstehen, kann aber in mancherlei anderer Gestalt daherkommen, als Suche nach Arbeit, nach Wohnung, Kleidung, nach Beziehung und Nähe.
Auch wir sind vielfach noch gefangen in einem alten, herkömmlichen Denken, das in der Vereinzelung hängen bleibt. Jede und jeder muss schauen, dass er oder sie irgendwie durchkommt. Da ist keine Rede von Neu- und Umverteilung des vorhandenen Reichtums, wie zum Beispiel Arbeitszeitverkürzung in Form von Arbeit teilen.
Das Wunder der Brotvermehrung ist eine Lektion des Teilens. Dass Menschen ihren Hunger stillen können, darin zeigt sich der gütige und lebensspendende Gott.
Blicken wir daher auf die Fülle, die uns geschenkt ist. Es ist genug für alle da! Der Blick ermöglicht uns einen besseren Umgang mit begrenzten Ressourcen. Niemand wird zu kurz kommen, wenn als oberstes Prinzip gilt, das Vorhandene so zu verteilen, dass es für alle reicht.
Jesus beschreitet einen Weg, bei dem nicht jede und jeder einzelne für sich alleine sorgen muss.
Wir haben … gemeinsam
Das je eigene einzubringen in die Gemeinschaft, nicht mehr, aber auch nicht weniger, darum geht es Jesus. Was kann mein Beitrag sein? Was habe ich zu geben, einzubringen in die Gemeinschaft? Darüber soll sich jede und jeder vergewissern.
Jesus ermutigt, ins Gespräch zu kommen, einander im Blick zu haben, Ängste abzubauen, Vertrauen aufzubauen und dann gemeinsame Wege zu begehen.
Es waren etwa fünftausend Männer. Sagt ihnen, sie sollen sich in Gruppen zu ungefähr fünfzig zusammensetzen.
Eine alternative ökonomische Ordnung kommt in Gang, die sich nicht an der Kaufkraft sondern an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Auch sie will organisiert werden und so hören wir, dass die Menge geordnet wird. Ohne Nüchternheit, Arbeit und Einsatz geht nichts, auch nicht im Reich Gottes. Kleinere, überschaubare Gruppen - Tischgemeinschaften braucht es als Voraussetzung, dass alle satt werden können. Mit wem sitze ich zusammen, mit wem teile ich mein Brot, mein Leben, meinen Alltag? Teilen ist die Perspektive Jesu. Teilt was ihr habt. Geschwisterlichkeit soll Grundlage eures Zusammenseins sein. Gebt von dem, was ihr eigentlich im Stillen für euch selbst bestimmt habt euch und denen, die es brauchen.
Jesus nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete sie und brach sie. Dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten.
Es geht um eine neue Praxis des Miteinanders, die wir erst entwickeln müssen und so einander zum Segen, zum Heil werden können. Wenn wir unser Leben teilen, werden wir zum Segen. So wie es Bert Brecht formulierte: Brot wird erst zum Leben, wenn es geteilt wird.
Das ist letztendlich der große Segen, wenn alle das verstehen und mitmachen. Es gibt nur eine Welt.
Und alle aßen und wurden satt. Als man die übriggebliebenen Brotstücke einsammelte, waren es zwölf Körbe voll.
Wo Gemeinschaft entsteht ändert, sich die Umgebung. Zwölf Körbe bleiben übrig: Lasst uns fantasieren, was das alles sein kann: ein gestärktes Miteinander, ein besseres Aufeinander schauen, neue Perspektiven für unsere Lebenswelten, ein besseres Arbeitsklima, die Gewissheit, dass solidarisches Leben möglich ist, das Ende des Hungers, der Arbeitslosigkeit …
Leben wird mehr, wenn wir es teilen. „Gebt ihr ihnen“ ist ein hoher Anspruch an unsere Solidarität, letztlich eine Grundentscheidung, ob wir dem jesuanischen Weg trauen. Denn nur dann gibt es das versprochene „Happy End“: und sie aßen alle und wurden satt.
Text
Oft denken die Menschen zusammen in die gleiche Richtung
Das Denken führt dann manchmal in eine Sackgasse
Querdenken wir in verschiedene Richtungen,
dann haben wir den Kopf frei für das Wesentliche.