Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin
Besinnung
Herr Jesus Christus, du setzt dich mit Zöllnern und Sündern gemeinsam zum Mahl an einen Tisch. Gleichzeitig anerkennst du die Gerechtigkeit jener Menschen, die daran Anstoß nehmen.
Lehre uns deine gelassene Toleranz.
Stille – V/A Lehre uns , Herr, deinen Willen zu tun (GL 170,1)
In deiner Heimatstadt Nazareth kannst du keine Wunder wirken und du staunst über den Unglauben deiner Landsleute. Auch wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass unsere besten Absichten vereitelt werden und wir auf Ablehnung stoßen.
Lehre uns, weder mit Verbitterung noch mit Revanche darauf zu antworten.
Stille – V/A Lehre uns , Herr, deinen Willen zu tun (GL 170,1)
Scharf greifst du die Schriftgelehrten und Pharisäer an. Aber deine Polemik führt niemals dazu, das dennoch Gute zu übersehen: „Alles, was sie euch sagen, tut und bewahrt es, aber nach ihren Werken richtet euch nicht.“
Lehre uns, zu unterscheiden zwischen dem, was tatsächlich zu bekämpfen, und dem, was dennoch anzuerkennen ist.
Stille – V/A Lehre uns , Herr, deinen Willen zu tun (GL 170,1)
Gegen einen rabiaten Nationalismus erzählst du deine Geschichte vom barmherzigen Samariter. Das Mitglied eines religiös und rassisch verachteten Volkes kann ein unvergängliches Beispiel dessen sein, was Gott von dem Menschen verlangt, der einem anderen Menschen begegnet, der in Not ist.
Lehre uns, beispielhaftes Verhalten bei Menschen anderer Völker und Religionen zur Kenntnis zu nehmen.
Stille – V/A Lehre uns , Herr, deinen Willen zu tun (GL 170,1)
Du erzählst von einem Weinbergbesitzer, der einen unfruchtbaren Feigenbaum aushauen lassen will. Der Gärtner aber bittet um ein weiteres Jahr Geduld.
Zur Toleranz gehört auch das Anbieten neuer Chancen zur Bewährung.
GL 170, 1 + 2 im Wechsel von Kantor und Gemeinde singen.
Predigtvorschlag
Bei schönem Wetter sind alle Menschen tolerant. Jeder strahlt, ist zuvorkommend und lässt dir sogar bei der Supermarktkassa den Vortritt, wenn du nur ein paar wenige Sachen im Wagerl hast. Wenn das Wetter grau in grau ist und es aus allen Rohren schüttet, ist es schnell vorbei mit der Toleranz. Die Leute werden grantig, unduldsam und sie sind darauf aus, ihren Platz um fast jeden Preis zu behaupten. Ist „Toleranz“ eine Funktion der Wetterlage?
Wer in einer „besseren Gegend“ wohnt, kann leicht Toleranz predigen. Man bleibt unter sich und schaut auf die anderen aus sicherer Distanz. Man schaut nicht am anderen vorbei, auch nicht von ihm weg, er taucht erst gar nicht auf im eigenen Gesichtsfeld, er kommt im Bekanntenkreis nicht vor. Wer in einer Gegend mit vielen AusländerInnen wohnt, wird unausweichlich konfrontiert. Sie sind anders, leben anders, hören andere Musik, gestalten ihre Beziehungen anders, beten anders, kleiden sich anders und in ihren Wohnungen riecht es anders.
„Ich tu mich schwer mit den verschleierten muslimischen Frauen in ihren langen Kleidern.
Beim Einkaufen sind sie anmaßend und frech, drängen dich einfach zur Seite“, sagt eine Frau.
„Die anzüglichen Blicke meines muslimischen Nachbarn, wenn ich ihn im Stiegenhaus treffe, gehen mir auf die Nerven“, ergänzt eine andere.
„Wenn es so weitergeht, wird der Halbmond in unseren Schulklassen bald das Kreuz verdrängen“, befürchtet der Schuldirektor.
Ist „Toleranz“ eine Funktion der Wohngegend?
„Multikulti gibt es nicht“ titelte DER STANDARD in der Ausgabe vom 28.8.2004. Zitiert wird der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, ein Deutscher türkischer Herkunft, mit dem Satz:
„Die Multikulti-Gesellschaft ist eine Lüge, eine Illusion, es gibt sie nicht. Ich sage immer, Multikulturalismus ist die friedliche Koexistenz von Speisekarten.“
Sozialbiologen und Verhaltensforscher bestätigen das. Wir sind darauf geeicht, dem Anderen und mehr noch dem Fremden mit Misstrauen oder gar mit Feindseligkeit zu begegnen. Das ist unser stammesgeschichtliches Erbe. Das sitzt tief in uns drinnen. Wir gewinnen unsere individuelle und auch kollektive Identität zunächst auf dem Weg von Abgrenzung und Ausgrenzung. „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin“. So zu denken wie der Pharisäer im Evangelium betet, ist natürlich. Achten wir morgen darauf, wie wir reden, wenn wir uns in einem Kreis von Gleichgesinnten wähnen. Wir werden es hundertfach bestätigt finden. „Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher“ – oder auch wie dieser Arbeitskollege, der in seiner Freizeit für die Zeugen Jehovas missioniert, oder jene Dame mit dem schrillen Outfit, dieser Esoteriker mit seinen tachionisierten Algen, jene „Freikirchlerin“ mit ihren seichten Lobliedern, „evangelische Pastoren, die ihre Ehefrauen umbringen“ (Volksanwalt Stadler), katholische Pfarrer, die Kinder sexuell missbrauchen.
Den Dialog und eine produktive Auseinandersetzung zu suchen sowie das Miteinander zu wagen, ist uns gerade nicht angeboren. Es bedeutet vielmehr eine Kulturleistung höchsten Grades. Sie fällt uns nicht in den Schoß, sondern muss einer ständig widerstrebenden Natur abgetrotzt werden. Kofi Annan, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, meint in seiner Einleitung zu dem Buch „Brücken in die Zukunft“: Die Menschen verstehen immer besser, dass sie durch viele Kulturen und Einflüsse geformt sind und dass ein Kombinieren von Vertrautem und Fremdem eine Quelle wichtiger Erfahrungen und Einsichten sein könnte.
Und dann heißt es wörtlich: „Die Menschen können und sollen auf ihren Glauben und ihr kulturelles Erbe stolz sein. Aber wie können wir in Ehren halten, was wir sind, ohne zu hassen, was wir nicht sind?“
Das Beispiel, das uns Jesus am heutigen Sonntag gibt, bringt uns einer Antwort auf diese Frage näher – und ist insofern Evangelium, eine gute Nachricht. Jesus stellt Pharisäer und Zöllner in einem scharfen schwarz / weiß - Kontrast gegeneinander. Das wirkt auf den ersten Blick höchst intolerant. Beim zweiten Hinschauen führt es uns vor Augen, dass Toleranz nicht Beliebigkeit oder Gleichgültigkeit bedeutet. Was ist es, was uns Jesus mit aller Entschiedenheit sagen möchte, so dass wir es auch wirklich kapieren?
Der Pharisäer glaubt, dass er es sich bei Gott richten kann. Er zählt seine Verdienste auf, als da sind regelmäßiges Fasten und zehn Prozent seines Einkommens für den Tempel und karitative Zwecke. Er verfügt über Gott und versucht, ihn auf seine Seite zu ziehen. So meint er, die Wahrheit für sich pachten zu können. Wenn aber Gott ausschließlich auf seiner Seite ist, dann gibt es auch eine andere Seite, auf der er nicht ist. Dort sieht der Pharisäer den Zöllner und all die anderen, die nach damaligen Vorstellungen als moralisch fragwürdig, als unanständig, als sündhaft gelten.
Der Zöllner weiß, dass er ein fehlerhafter Mensch ist, ein Sünder, wie er selber sagt. Dennoch vertraut er darauf, dass der Gott der Frommen, der Gott der anständigen Leute, auch sein Gott ist, dass er der Gott aller Menschen ist. Ihm ist nichts geblieben als dieses Vertrauen.
Mit leeren Händen steht er vor Gott und erfährt Barmherzigkeit. Das ist der springende Punkt. Das verändert ihn so, dass er – wie Jesus abschließend erzählt - „als Gerechter nach Hause zurückkehrt.“ Wer Barmherzigkeit am eigenen Leib, sozusagen aus dem Bauch heraus erfahren hat, kann dem Anderen barmherzig begegnen.
Der biblische Begriff der „Barmherzigkeit“ kann als die Fähigkeit beschrieben werden, „in den Bauch des anderen zu kriechen“, ihn / sie von sich selbst her zu verstehen, von sich selbst her erscheinen zu lassen. Barmherzigkeit ist das biblische Wort für „Toleranz“.
Das lateinische „tolerare“ rückt einen anderen Aspekt in den Vordergrund. Es bedeutet „durchtragen“. Seinem lateinischen Wortsinn nach ist Toleranz eine Tugend, die nicht nur für schönes Wetter und „bessere Gegenden“ taugt. Sie hält dazu an, etwas zu ertragen, was eigentlich unerträglich erscheint. Eine andere Überzeugung oder ein anderes Verhalten – mitunter zähneknirschend – auszuhalten, durchzutragen, hinzunehmen. Die Toleranz rät nicht, dass wir im täglichen Miteinander, im Gespräch mit anderen Religionen und Kulturen Unterschiede kaschieren, sondern dass wir sie aushalten im Respekt voreinander. Sie verlangt Entschiedenheit, verbietet dabei aber jede Form innerer oder äußerer Pression und Gewalt. Simone Weil, eine jüdische Grenzgängerin zwischen den Religionen, sagt: „Der falsche Gott macht aus dem Leiden Gewalt. Der wahre Gott macht aus Gewalt Leiden.“ Wer hätte das in seiner Geschichte mehr zu spüren bekommen als das jüdische Volk!
Anmerkung des Autors:
Anregungen und einige Formulierungen verdanke ich Bischof Franz Kamphaus, Der Preis der Toleranz. Rede zur Verleihung des Ignatz-Bubis-Preises in der Frankfurter Paulskirche am 12. Jänner 2004.