Holocaust-Gedenktag: Betroffenheit allein ist zu wenig – Erinnerung braucht Verantwortung und Solidarität
„Wenn Judenfeindlichkeit, Rassismus und Hass heute wieder das gesellschaftliche Klima vergiften, ist das ein Aufruf, das Gedenken an Auschwitz zu vertiefen“, betont Polak in einem Ö1-Beitrag. Betroffenheit allein sei zu wenig. Es gelte, „die Ursachen dieser Monstrosität zu verstehen, damit die Menschheit nicht wieder in einen Abgrund der Inhumanität versinkt“.
Auschwitz sei nicht vorbei, so Polak. Nicht in den Erinnerungen jüdischer Familien, deren Angehörige ermordet wurden oder überlebt haben und heute erneut Antisemitismus erleben. Nicht in den Familien von Täter:innen, Mitläufer:innen und Opportunist:innen. Und auch nicht in politischen Diskursen, die Rassismus und Judenfeindlichkeit befeuern. Vor diesem Hintergrund zeigt sich die Theologin alarmiert über aktuelle Studienergebnisse: Laut der Erhebung „Was glaubt Österreich?“ lehnten 2024 rund 40 Prozent der Befragten ab, dass immer wieder an den Massenmord an Jüdinnen und Juden erinnert werde.
Moralische Empörung helfe hier nicht weiter, so Polak. Mehr als 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz müsse mit guten Argumenten erklärt werden, warum dieses Gedenken unverzichtbar sei. Auschwitz stehe für ein singuläres Verbrechen der Menschheitsgeschichte – nicht, weil Leid und Mord einzigartig gewesen wären, sondern wegen der systematischen Industrialisierung des Tötens von Jüdinnen und Juden, der bürokratischen Organisation des Mordens und der umfassenden Verstrickung nahezu aller gesellschaftlichen Bereiche.
Auch Bischof Manfred Scheuer warnt davor, die NS-Verbrechen zu relativieren oder als „bewältigt“ zu erklären. Vernichtungsorte wie Auschwitz, Gusen oder Hartheim ließen sich nicht „abarbeiten“ oder durch Aufrechnungen entschärfen. Erinnerung müsse die Perspektive bloßer Objektivität überschreiten und sich solidarisch an die Seite der Opfer stellen. Erinnern sei sehr persönlich: "Beim Gedenken können wir nicht flüchten in ein allgemeines 'Man' oder unpersönliches 'Wir'." Jede:r müsse sich selbst fragen, welche Rolle er einnehme: als Zuschauer:80, Verstrickte:r, Schuldige:r oder Anwalt:in der Leidenden. Zahlen und Statistiken dürften nicht die einzelnen Menschen mit ihren Namen und Geschichten verdecken.
Polak unterstreicht, dass Erinnerung nicht nur eine Aufgabe von Politik, Kirchen, Wissenschaft und Bildung sei, sondern auch im Privaten beginne: in Familien, Freundeskreisen und im ehrlichen Blick auf eigene, vielleicht unausgesprochene Einstellungen. Scheuer ergänzt, ein ehrliches Gedenken müsse Trauer, Scham, Reue und Klage zulassen und sensibel bleiben für aktuelle Formen von Ausgrenzung, Armut, Entwurzelung und Hass. Hoffnung im Gedenken sei letztlich nur möglich, so der Bischof, wenn die Solidarität mit den Leidenden nicht aufgekündigt werde – und die Opfer nicht dem Vergessen überlassen bleiben.