Thursday 26. May 2022

Ängste, die spalten

Sozialpredigt  

zum 1. Adventssonntag (28. November 2021) | Lesejahr C
Autorin: Angelika Gumpenberger-Eckerstorfer, Seelsorgerin in Wels St. Franziskus

Lk 21,25-36

Liebe Geschwister in Gott!

 

Kommt Ihnen dieser Text bekannt vor? Zweimal musste ich schauen, denn wir haben ihn vor zwei Wochen in der Fassung des Evangelisten Markus gehört. 

Wieder hören wir von ungebändigten Naturgewalten, von Zeichen am Himmel und von der Angst der Menschen. In andere Worte gekleidet, könnte das ein Text aus 2021 sein. 


Wir erlebten (oder bekamen Berichte davon), was Umweltkatastrophen wie Brände, Hitze und Fluten anrichten, Vulkanausbrüche und Stürme, Erdbeben und Überschwemmungen. Vieles davon ist mitverursacht durch den Menschen, den Ausstoß von Treibhausgasen, manches davon entzieht sich dem völlig, es sind Bewegungen und Veränderungen der Erdkruste, die uns zeigen, wie klein und hilflos wir in Wirklichkeit sind, wenn wir der Natur gegenüberstehen.

 

Menschen ängstigen sich vor dem Übermächtigen, Sichtbaren, wie den konkret und bedrohlich gewordenen Katastrophen, und sie haben Angst vor den unsichtbaren Gewalten, der wissenschaftlich gestützten Bedrohung durch den Klimawandel oder die Pandemie des Covid-19-Virus mit ihren vielfältigen Begleiterscheinungen: Krankheit und Tod, Isolation, wirtschaftlichen Zusammenbrüchen, gesellschaftlichen Spaltungen, dem Verlust von Lebensräumen, dem Abbruch von Gesprächen und Dialogen.

 

Sobald eine gewisse Menge von Angst im Spiel ist, greifen Verstand und Ratio nicht mehr so richtig: Die Angst vor Erkrankung und einem schlimmen Tod, die Angst vor der Vergiftung des eigenen (noch gesunden) Körpers, die Angst vor Ansteckung und Verlust des Gewohnten, die Angst vor Unfreiheit und Knechtung durch Gesetze und Vorschriften. Welche Angst ist „wichtiger“, wiegt schwerer – deine oder meine? Eine Rangliste dieser Ängste zu erstellen ist da sinnlos und führt nicht zusammen. 

Ängste zu benennen und einander mitzuteilen, ist ein hilfreicher Weg zur Selbsterkenntnis – eine vor einander ausgesprochene Angst kann mitunter auch kleiner werden. Außerdem ist es eine Möglichkeit, um Gräben zu überbrücken: Ein Gespräch über meine und deine Ängste ist auch ein Weg zu mehr Verständnis füreinander. 


Angst ist ein Gefühlszustand, der kopflos macht und lähmt, und zwar ein Zustand der viel Kraft bindet – und damit auch beinhaltet. Diese Energie, die in der Angst und ihrer Aufrechterhaltung steckt, lässt sich wandeln in Kraft zur Verbesserung der Lebensumstände.

 

Wie eine solche Wandlung in Gang kommen kann, lesen wir im heutigen Bibeltext: Der Evangelist Markus (14 Tage vorher gehört) gibt den jungen, bedrängten Gemeinden von Christ*innen eine Perspektive und verspricht – nach bedrohlichen und turbulenten Zeiten – Rettung. Lukas schreibt nun den älteren Text des Markus weiter und rückt eine Haltung in den Blick, die nach vorne gewandt ist. Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt: Wenn Menschen den Atem anhalten vor Furcht und vorauseilender Angst darüber, was über den Erdkreis kommen wird – dann richtet euch auf und erhebt euren Kopf! Habt Acht auf euch, damit eure Herzen nicht durch Trunkenheit und Rausch und Lebensangst beschwert werden.
Der Macht der Angst, die uns lähmen kann, können und müssen wir ein Quantum an Widerstand entgegenhalten, damit wir den Kopf über Wasser haben: uns aufrichten (auch wenn uns nicht danach ist), herumschauen – das geht nur mit erhobenem Kopf. Und nüchtern bleiben – im echten Sinn (wenn sich Lukas gegen Alkohol und andere berauschende Drogen wendet) und auch im übertragenen. Die Vernunft hochhalten.  Und eine andere Tugend wird wichtig: Wenn der Tag kommt wie eine Falle, wie ein Fangeisen (das sieht man ja, wenn man ganz genau hinschaut) – mahnt uns Lukas zur Wachsamkeit und Klugheit, dazu genau hinzuschauen und die ganze Lebenserfahrung zu investieren ins Gestalten der Gegenwart, in unser Zugehen auf die Zukunft.
Bis hierher ist das auch ein möglicher Leitfaden für Menschen, die mit Religion bzw. Christentum nichts auf dem Hut haben.

 

Was die Evangelien noch sagen, ist für uns Christ*innen eine echte Perspektive, ein neuer Ausblick: Schaut auf Christus, der kommt.
Auf Christus schauen, der den Tod überwunden hat und uns die Heimat bei Gott offen hält – das ist mehr, als wir Menschen allein schaffen können mit unseren Dialogen und aller hilfreichen Psychologie.

 

Wie Christus kommt, wenn er kommt? Die ersten Generationen erwarteten, dass er plötzlich, für alle sichtbar, in einem kosmischen Ereignis kommt, um ein neues göttliches Reich zu schaffen. Das ist nicht so eingetreten. Aber dass Gott in das Leben von Menschen kommt, äußerlich nicht so imposant, aber dennoch wirksam und erlösend, das war und kann immer sein, wie viele Lebensgeschichten bezeugen.


Was wird also wichtig sein in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren? Andere Menschen in ihrer jeweiligen Verfasstheit ernst zu nehmen, vielleicht raubt ihnen die Angst 

a gerade den Atem. Wachsam zu sein und vernünftig. Aufmerksam und zuversichtlich. Der Lähmung widerstehen. Einander guten Willen zugestehen. Brücken zueinander bauen. Amen.


Fürbitten

Gott, du gehst unsere Wege mit – durch einsame und bedrängte Zeiten, wenn wir warten und ungeduldig sind, wenn wir unser Ziel erreicht haben. Was uns bewegt, dürfen wir dir sagen, legen wir dir ans Herz:

 

  • Gott, wandle du unsere Ängstlichkeit und unser Misstrauen in Zuversicht  und  Vertrauen.
  • Gott, begleite uns, wenn wir herumirren, und bau mit an Brücken zueinander.
  • Gott, flute uns mit Tatkraft, wenn wir uns daran machen, die Welt für die Generationen nach uns zu retten.
  • Gott, heile unsere Verletzungen und die Wunden, die wir einander zufügen.
  • Gott, lenke unseren Blick auf die Zeichen deines Kommens und deiner Gegenwart.
  • Gott, schenke unseren Verstorbenen Heimat und Licht bei dir.
  • Gott, du gehst unsere Wege mit. Gib du, was wir nicht können, und lass uns deine Nähe spüren. 

Darum bitten wir in Christus, unserem Bruder und Herrn. Amen

 

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