Monday 16. September 2019

Schmecke die Götterspeise!

Sozialpredigt zum Erntedankfest 2019

von Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger 

 

Lesung: Ex 16,1-4.13-15.31.35

Lesung aus dem Buch Exodus

1 Die ganze Gemeinde der Israeliten brach von Elim auf und kam in die Wüste Sin,

die zwischen Elim und dem Sinai liegt.

Es war der fünfzehnte Tag des zweiten Monats nach ihrem Auszug aus Ägypten.

2 Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron.

3 Die Israeliten sagten zu ihnen:

Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben,

als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten.

Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt,

um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.

4 Da sprach der HERR zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen.

13 Am Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager.

14 Als sich die Tauschicht gehoben hatte,

lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde.

15 Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das?

Denn sie wussten nicht, was es war.

Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der HERR euch zu essen gibt.

31 Das Haus Israel nannte das Brot Manna.

Es war weiß wie Koriandersamen und schmeckte wie Honigkuchen.

35 Die Israeliten aßen vierzig Jahre lang Manna, bis sie in bewohntes Land kamen.

Sie aßen Manna, bis sie die Grenze des Landes Kanaan erreichten.

Evangelium: Joh 6,28-35

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

28 In jener Zeit fragten die Leute Jesus: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?

29 Jesus antwortete ihnen: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.

30 Sie sagten zu ihm: Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben?

Was für ein Werk tust du?

31 Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen,

wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.

32 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch:

Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben,

sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.

33 Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.

34 Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot!

35 Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens;

wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern,

und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

 

Predigt:

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Kinder,

es gehört zu den deprimierendsten Erfahrungen sehr alter Menschen, dass sie viele Speisen nicht mehr richtig schmecken können. Aus ihrer Erfahrung wissen sie genau, wie die Speise eigentlich schmecken müsste – aber auf ihrer Zunge ist davon nichts mehr wahrzunehmen. Und damit geht ihnen die Lust am Essen und Trinken verloren, die eine der größten und wichtigsten Freuden des menschlichen Lebens ist – für hochbetagte Menschen oft eine der letzten Freuden, die sie noch haben.

Biologisch können wir diesen Geschmacksverlust gut erklären. Er verläuft spiegelbildlich zum Geschmackserwerb kleiner Kinder. So wie diese als letzte der fünf Geschmacksrichtungen das Bittere schmecken und schätzen können, so geht bei sehr alten Menschen zuerst der Geschmack für Bitterstoffe verloren. Gemüse schmeckt nicht mehr, Kaffee verliert seine lustfördernde Wirkung, und auch das abendliche Bier ist auf einmal geschmacklos. Und so wie Kinder als erstes das Süße schmecken, ist dies bei Hochbetagten die letzte Geschmacksrichtung, die ihnen bleibt. Deswegen essen alte Menschen oft so begierig wie nie zuvor in ihrem Leben Süßigkeiten, Süßspeisen und Marmeladebrote. Da schmecken sie wenigstens noch etwas. Das ist für sie noch lustvoll.

 

1) Mit allen Sinnen „schmecken“

 

Keine Frage: Schmecken zu können ist ein großes Geschenk. Doch es lässt sich intensiver auskosten, wenn man über das Erschmeckte auch etwas weiß: Wer beispielsweise die Zutaten einer Speise kennt, schmeckt mehr. Wer weiß, wo und wie diese Zutaten gewachsen sind, schmeckt noch mehr. Je mehr wir über eine gute Speise wissen, umso mehr können wir sie genießen. Wir schmecken in der Milch die Kräuter der Almen, wenn wir wissen, dass es sich um Bergbauernmilch handelt. Wir schmecken im Wein den Boden, auf dem die Weinstöcke gewachsen sind, und im Honig die Blütensorten, von denen die Bienen den Nektar gesammelt haben.

Dabei ist Schmecken eine Sache aller fünf Sinne und nicht nur des Geschmackssinns. Kinder, denen ein violett gefärbter Apfelsaft vorgesetzt wird, erkennen den Apfelgeschmack nicht, weil sie durch die Farbe verwirrt sind. Und wenn man ihnen Kartoffelchips zu essen gibt, die beim Zerbeißen nicht knacken und krachen, dann können sie diese nicht als Kartoffelchips identifizieren. Alle fünf Sinne liefern uns wichtige Informationen über eine Speise, und wenn wir sie alle anwenden, genießen wir ein Essen umso mehr: Wer den Geruch einer Speise aufmerksam wahrnimmt; ihre Farbe und Form genau betrachtet; spürt, wie weich oder hart, mürbe oder zäh sie sich anfühlt; darauf hört, wie es klingt, wenn wir sie im Mund zerkleinern; und schließlich die Speise auf der Zunge zergehen lässt, um ihren Geschmack voll auszukosten – der hat sich wirklich einen guten Geschmack angeeignet.

 

2)  In den Speisen Gott selber schmecken

 

Liebe Schwestern und Brüder, während der längsten Zeit der Kirchengeschichte, nämlich von der Mitte des 3. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, galt die Betonung des Schmeckens und Genießens von Essen und Trinken als Sünde. Diese negative Bewertung war ein Erbe der platonischen Philosophie, die sich das Christentum aneignete, und nicht der biblischen oder jesuanischen Tradition. Jesus war ein „Fresser und Säufer“ (Mt 11,19; Lk 7,34) – und er fand diese Bezeichnung, die ihm seine Gegner verpassten, ziemlich gut. Aber die griechische Philosophie war im römischen Reich so verbreitet und angesehen, dass sich das junge Christentum seinem Einfluss nicht entziehen konnte. Und so war das genussvolle Schmecken und Verkosten der Speisen und Getränke lange Zeit verpönt.

Nur für eine einzige Speise galt eine Ausnahme: Die Eucharistie. Denn schon im Alten Testament ist das Manna die einzige Speise, über deren Geschmack ausführlich berichtet wird. In der Lesung aus dem Buch Exodus haben wir davon gehört: Es schmeckte wie Honigkuchen (Ex 16,31). Für die hungrigen Israeliten ist die karge Wüstenkost der Inbegriff der Süßigkeit. Sie schmeckt süßer als alles andere. Diesen Impuls überträgt die junge Kirche in Orientierung an dem eben gehörten Evangelium nach Johannes auf die Eucharistie. Von ihr sagen wir noch heute in jeder eucharistischen Andacht: „Brot vom Himmel hast du ihnen gegeben, das alle Süßigkeit in sich enthält.“ Dabei ist Brot zunächst einmal nicht besonders süß. Physisch verstanden wäre der Satz der Liturgie eine Lüge. Aber dahinter steht natürlich die Überzeugung, dass die Süßigkeit spirituell gemeint ist, dass es Gott ist, den wir im Brot der Eucharistie wie eine Süßspeise schmecken. „Kostet und seht, wie gut der Herr ist!“

In einer Speise Gott selber schmecken – geht das wirklich nur in der Eucharistie, wie es die Kirche unter platonischem Einfluss 17 Jahrhunderte verkündete? Oder meint die Bibel das anders? Heute gehen wir in der Theologie (wieder) davon aus, dass wir Gott zwar besonders in der Eucharistie schmecken können – aber darüber hinaus in jeder guten Speise aus den Gaben seiner Schöpfung. Und wir können ihn umso besser schmecken, je mehr die Lebensmittel in einer für Menschen, Tiere und Umwelt verträglichen Weise hergestellt wurden. Provokant gesagt: In Produkten aus der Massentierhaltung oder aus einer umweltzerstörenden Landwirtschaft werden wir Gott nur sehr wenig schmecken können. Aber wo wir Lebensmittel aus fairer, ökologischer und tiergerechter Landwirtschaft essen und trinken, wird sein Geschmack intensiv auf unserer Zunge liegen.

 

3) In die Schule des „guten Geschmacks“ gehen

 

Liebe Schwestern und Brüder, womöglich sagen Sie jetzt: Das ist doch übertrieben! Wie kann der Geschmack Gottes von der Produktionsweise unserer Lebensmittel abhängen? Die Antwort auf diese Frage ergibt sich nur dann, wenn Sie wirklich schmecken – und das ist eine große Kunst, die wir lebenslang lernen müssen. Sie schließt zunächst einmal ein rechtes Maß des Esstempos ein. Langsame EsserInnen essen nicht nur weniger und sind häufiger normalgewichtig, sondern genießen auch intensiver. Sie kosten Speise und Trank im wörtlichen Sinne mehr aus. Ohne „Slow Food“ lässt sich Gott nicht schmecken – weil wir den Unterschied zwischen guten und schlechten Zutaten gar nicht wahrnehmen.

Und: Die Kunst des Schmeckens lernen wir vor allem über das eigene Kochen: Wer regelmäßig selber kocht, weiß mit der Zeit mehr über das, was er isst, und schult beim Kochen seine Sinneswahrnehmung für die Speisen und ihre Zutaten. Kochen ist eine hervorragende Übung des guten Geschmacks. Kinder, deren Eltern regelmäßig selber kochen, können viel mehr verschiedene Geschmacksrichtungen unterscheiden als Kinder, die vorwiegend mit Fertiggerichten groß werden.

Wie sollen wir aber Gott schmecken, wenn wir nicht einmal die Lebensmittel richtig schmecken? Und wie sollen wir heute an Erntedank wirklich von Herzen dankbar sein, wenn wir den Wert guter Nahrung nicht erschmecken und verkosten? Erntedank ist eine Einladung, in die Schule des „guten Geschmacks“ zu gehen. Wenn wir ihr folgen, wird uns nicht nur die Eucharistie als ein Geschenk des Himmels scheinen, „das alle Süßigkeit in sich enthält“. Amen.

 

Liedvorschläge:

 

GL 468 Gott gab uns Atem

Als Psalm: GL 58/1-2, Verse 13-16 (=Ps 104)

 

Gebet zur Segnung der Erntegaben oder auch an einer anderen Stelle des Gottesdienstes:

 

Gott, unser Vater,

du sorgst für deine Geschöpfe.

Menschen, Tieren und Pflanzen schenkst du Nahrung und Lebensraum im Überfluss.

Diese Nahrung dürfen wir mit allen Sinnen genießen und besonders erschmecken.

Wir danken dir für die Ernte des Jahres

in ihrer unendlichen Vielfalt und ihrem unerschöpflichen Reichtum.

Nähre und stärke uns mit dem, was auf Wiesen und Feldern, Almen und Bergen

und in Gärten und Weinbergen gewachsen ist.

Lass uns allezeit dankbar sein vor dir, unserem Schöpfer.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

 

Gestaltungsvorschlag für die Eucharistiefeier

 

In der Logik der Predigt liegt es, dass das eucharistische Brot einen kräftigen Geschmack haben soll. Seit dem II. Vatikanischen Konzil haben daher viele Pfarreien die bis dahin üblichen papierähnlichen Oblaten durch dickere Brothostien aus Vollkornmehl ersetzt. Wo dies noch nicht geschehen ist, könnte das Erntedankfest Anlass sein, auf Brothostien umzustellen. Ebenso könnte überlegt werden, ob der bislang verwendete Messwein den Kriterien des „guten Geschmacks“ genügt: Möglichst aus der Region, ökologisch produziert und hochwertig. Wer den Messwein trinkt – und das sollten möglichst viele Gläubige sein – soll in seinem Geschmack etwas von Gott selbst wahrnehmen können!

 

Gabengebet, Dankgebet und Text zur Mediation auf Anfrage

Anmerkung: Das Motto des Erntedanksonntags ist übernommen von der OeKU, der ökumenischen Arbeitsstelle Kirchen und Umwelt in der Schweiz. Bei dieser Stelle können unter www.oeku.ch auch weitere Materialien zum Thema und für die Schöpfungszeit vom 1.9. bis zum 4.10. bezogen werden.

 

Die OeKU schreibt zum diesjährigen Motto:

Das gemeinsame Essen hat für kirchliche Gemeinschaften einen hohen Stellenwert und auch eine spirituelle Dimension. Die Schöpfungszeit-Aktion bietet die Gelegenheit, bewusst die Dankbarkeit für Gottes gute Gaben zu pflegen und gleichzeitig die problematische Seite der Ernährung mit ihrer Umweltbelastung zur Sprache zu bringen.

Salzig, sauer, süß, bitter und würzig, sind die Eckpfeiler des Geschmackssinns. Im Mund entscheiden wir, ob uns etwas schmeckt oder nicht. Beim Essen erleben wir «Himmel und Hölle», wie die süße Götterspeise oder das scharfe Teufelshörnchen zeigen. In solchen Benennungen kommt die spirituelle Dimension des Essens zum Ausdruck.

In der Bibel ist das Essen ein beherrschendes Thema. Schon im allerersten Kapitel wird eine – später wieder relativierte – Speisevorschrift festgehalten: Menschen wie Tiere sollen sich ausschließlich von Pflanzen ernähren (Gen 1,29-30). Die spirituelle Bedeutung des gemeinsamen Essens zeigt sich eindrücklich am letzten Abendmahl Jesu. Im Zentrum des christlichen Gottesdienstes steht seitdem – neben dem Hören auf das Wort Gottes – die symbolische Mahlgemeinschaft in der Erinnerung an die Selbsthingabe Jesu für die ganze Schöpfung.

Kirchgemeinden und Pfarreien feiern Eucharistie, Abendmahl, das Agape-Mahl, laden zum Kirchenkaffee, zur Fastensuppe oder zum Mittagstisch ein. Dadurch wird die Gemeinschaft gestärkt und der Bezug zu Gott und seiner Schöpfung gepflegt. In der Schöpfungszeit 2019 kann bewusst der Geschmackssinn geübt sowie erspürt und gekostet werden, wie gütig Gott durch all seine Gaben ist (vgl. Ps 34,9). Die Schöpfungszeit-Aktion bietet gleichzeitig die Gelegenheit, aktuelle Ernährungsfragen wie Foodwaste oder die Klima- und Umweltbelastung der Nahrungsmittel zu thematisieren sowie möglichst schmackhafte und umweltverträgliche Menus zu erproben.

 

Download Sozialpredigt:

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