Monday 23. September 2019

"Amos reloaded: Nichts Neues unter der Sonne"

Sozialpredigt zum 25. Sonntag (22. Sept. 2019) im Jahreskreis, LJ C

 

Autor: DSA Mag. Wilfried Scheidl, Leiter RegionalCaritas

 

AM 8,4-7

Eine technische Vorbemerkung: 


Diese Sozialpredigt nimmt so wie Amos damals Bezug auf heutige Phänomene und zitiert Stimmen dazu aus aktuellen Pressemeldungen. Es empfiehlt sich diese Zitate oder Teile daraus von mehreren Stimmen lesen zu lassen. Zudem kann auch auf die Texte im Anschluss zurückgegriffen werden, oder überhaupt eine vielstimmige Collage (inkl. den Zitaten von Amos) gestaltet werden. Betrachten Sie also diese Texte als Steinbruch, der Ihnen Material zur Verfügung stellt.


Damals…


Der Prophet Amos – klar und deutlich haut er drein in den faulen Frieden des damaligen Nordreiches. Im 8. Jahrhundert vor Christus nimmt er sich kein Blatt vor den Mund. Eine schmale Oberschicht lebt auf Kosten der Armen, die religiösen Führungskräfte geben ihren faulen Zauber dazu, die Armen werden wenn nötig gekauft. Selbst der Abfall wird noch zu Geld gemacht. Es wird spekuliert, getrickst und getäuscht.


Seltsam aktuell scheint das heute – fast 3.000 Jahre später. Aber der Mensch mit seiner Korrumpierbarkeit, seiner Gier ist die Konstante in der Geschichte.


… und heute …


Dazu einige Meldungen aus den letzten Jahren, die das nochmals verdeutlichen:
Den Haag (dpa) - Das organisierte Verbrechen ist nach Darstellung von Europol die größte Bedrohung für die Sicherheit in Europa. Verbrechen und Gewalt von Mafia-ähnlichen Banden hätten deutlich zugenommen, sagte ein Sprecher von der europäischen Polizeibehörde. Führend seien die italienischen Mafia-Banden. Sie operierten international, seien kaum aufzuspüren und wie Konzerne sehr effektiv organisiert. Auch Gruppen etwa aus Albanien oder Osteuropa seien stark im Kommen. Die Ermittler schätzen, dass mehr als 5000 Mafia-ähnliche Gruppen in Europa aktiv sind mit Mitgliedern aus mehr als 100 Ländern.
(Quelle:https://www.zeit.de/news/2019-04/16/mafia-gruppen-groesste-bedrohung-fuer-sicherheit-in-europa-190416-99-849714 )


Andere Baustelle: Ein Bericht aus dem Jahr 2018 von Oxfam (eine intentionale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation zur Bekämpfung der Armut in der Welt)


Große Lücke zwischen Arm und Reich


Jedes Jahr analysiert Oxfam die Statistiken zur weltweiten Vermögensverteilung. Die neuesten Erhebungen haben wir zum Auftakt des Weltwirtschaftsforums in Davos in unserem Bericht „Reward Work, not Wealth“ veröffentlicht. Der Bericht illustriert, wie sich die Lücke zwischen Arm und Reich weiter vergrößert und wie Konzerne und Superreiche ihre Gewinne erhöhen, indem sie Löhne drücken und Steuern vermeiden – auf Kosten von Arbeiter/innen und Angestellten sowie des Allgemeinwohls: 82 Prozent des globalen Vermögenswachstums gingen im letzten Jahr an das reichste Prozent der Weltbevölkerung, während das Vermögen der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung stagnierte. Das reichste Prozent besitzt damit weiterhin mehr Vermögen als der gesamte Rest der Weltbevölkerung.


Vorteile auf Kosten des Allgemeinwohls


Ein wichtiger Grund für diese extreme soziale Ungleichheit ist die Steuervermeidung von Konzernen und Superreichen: Das reichste Prozent der Bevölkerung drückt sich durch Steuertricks um Steuerzahlungen von etwa 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Indem sich Konzerne und Superreiche ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entziehen, verursachen sie immense Kosten. Entwicklungsländern entgehen durch die Steuervermeidung mindestens 170 Milliarden US-Dollar an Steuereinnahmen pro Jahr – mehr als die gesamte weltweite Entwicklungshilfe (145 Milliarden US-Dollar jährlich). Geld, das dringend gebraucht wird, um Maßnahmen gegen soziale Ungleichheit und Armut zu finanzieren.
Den Preis der Profite zahlen Milliarden von Menschen weltweit, die zu Löhnen, die nicht zum Leben reichen, schuften müssen und keinen Zugang zum öffentlichen Bildungs- und Gesundheitssystem erhalten.


Deutlich wird die soziale Ungleichheit auch am extremen Lohngefälle: In nur vier Tagen verdient der Vorstandsvorsitzende von einem der fünf größten Modekonzerne so viel wie eine Näherin in Bangladesch in ihrem ganzen Leben. Unfassbar, oder? (Quelle: https://www.oxfam.de/ueber-uns/aktuelles/2018-01-22-82-prozent-weltweiten-vermoegenswachstums-geht-reichste-prozent )

Und bei uns in Österreich?


Vermögensverteilung in Österreich: Neue Daten, beständige Ungleichheit 14. Januar 2019


Das reichste Prozent der Haushalte in Österreich besitzt fast ein Viertel des Vermögens, die obersten 10 Prozent haben mehr als die restlichen 90 Prozent der Bevölkerung gemeinsam. Die Vermögensungleichheit bleibt damit seit Jahren auf konstant hohem Niveau und zählt zu den höchsten in ganz Europa. Das zeigt die heute veröffentlichte dritte Welle des Household Finance and Consumption Survey (HFCS 2017) der Oesterreichischen Nationalbank.


Seit 2010 erheben die ExpertInnen der Nationalbank sorgfältig die Vermögen von privaten Haushalten und haben damit handfeste Fakten in die zuvor von Mutmaßungen geprägte Diskussion über die Vermögensverteilung gebracht. Das Fazit dieser jahrelangen Forschung ist allerdings ernüchternd. Die Vermögensungleichheit ist viel höher als ursprünglich angenommen und die hohe Ungleichheit ändert sich über die Jahre hinweg kaum.


Der Anteil des reichsten Prozents am gesamten Vermögen bleibt bei fast einem Viertel konstant hoch, während sich die unteren 50 Prozent gemeinsam nicht einmal 4 Prozent des Vermögens teilen. 

(Quelle: https://awblog.at/vermoegensverteilung-oesterreich/ )


Und weil in Österreich sich die Tragödie öfters als (traurige) Komödie wiederholt: Videos von Ibiza scheinen das auch für unser kleines Land zu bestätigen. Eliten, die aus dem Ruder laufen und meinen, dass alles käuflich wäre. „Wer das Gold hat, macht die Regeln!“, hat der aus Österreich stammende Industrielle und Milliardär Frank Stronach sehr treffend gesagt. Ein Satz von einer fast schon prophetischen Klarheit.


Es wäre zu billig, einfach zu sagen, dass daran nur bestimmte Menschen persönlich die Schuld tragen. Es gibt diese natürlich auch, aber hier handelt es sich so wie damals um Systeme, um eingespielte Abläufe, die fast zwangsläufig dazu führen, dass die gesellschaftliche Kluft größer wird. Nur das Niveau hat sich verändert  - man muss nicht mehr mühsam von Hand zu Hand Gewichte fälschen, sich absprechen für relativ kleine Betrügereien, sondern hat ein System kreiert, dass ganz andere Möglichkeiten eröffnet.


Gott oder Mammon!


Dagegen steht die Rede von Amos: es ist gegen Gott die Spaltung der Gesellschaft zu akzeptieren und voran zu treiben. Es ist gegen Gott, wenn Recht und Gerechtigkeit fehlen. Es ist gegen Gott, wenn man meint, die Armen kaufen zu können (heute wechselt man gerne politisches Kleingeld, indem man Sündenböcke benennt, die angeblich schuld daran sind dass die Spaltung voran geht - dafür nur das Beispiel der „Ausländer“ und wie dieses Thema von gewissen Parteien in Österreich hochgespielt worden ist.)


Wir leben in Zeiten, in denen wir diese mächtigen weltweiten Systeme nicht einfach umstürzen können. Wir können uns aber zumindest klar einordnen auf der Spur der Gottesrede unserer Bibel. Göttlich, und das glauben wir, ist das Bestehen auf Recht und Gerechtigkeit. Widergöttlich ist religiöses Reden und Tun, wenn es diesen Teil außer Acht lässt. Dann dient es in Wirklichkeit dem Götzen Mammon, mag man auch noch so sehr den Weihrauchkessel schwingen.

 

Widerstand ist religiöse Pflicht, sagt uns Amos!


Recht und Gerechtigkeit dürfen nicht von den Eliten definiert werden, sondern müssen Ausgang nehmen bei denjenigen, die ganz unten sind. Sie sind in den Augen Gottes der Maßstab dafür, wie sehr wir in der Tradition der Bibel stehen.


Wir werden daher, wenn wir das verinnerlichen, in unseren Gemeinden und kirchlichen Strukturen Acht geben: wo kommen die „Armen“ bei uns vor -kennen wir sie, wissen wir, woran sie leiden? Arbeiten wir mit ihnen aktiv gegen diese betrügerischen Systeme an? Handeln wir nicht nur caritativ, sondern auch politisch? Geben wir Räume frei, in denen nicht das Geld, die Macht zählen, sondern der Mensch ohne Leistungsdruck, ohne Vorleistung einfach da sein kann? Wo er/sie ein Ansehen bekommt? 


Und wir werden auch weiterhin laut werden, wenn wir wahrnehmen, wo betrogen/vernichtet/korrumpiert wird. Im Großen wie im Kleinen. Nicht weil wir so viel besser wären, sondern weil wir unsere Seele/unser Inneres/unsere Bedürftigkeit nicht füllen wollen mit dem Mammon (dem Besitz/der Macht), sondern der Sehnsucht nach einer anderen Welt. Man könnte auch sagen: der Sehnsucht nach Gott. 

 


Kontexte:
Papst Franziskus: „Wenn das Kapital sich in einen Götzen verwandelt und die Optionen der Menschen bestimmt, wenn die Geldgier das ganze sozioökonomische System bevormundet, zerrüttet es die Gesellschaft, verwirft es den Menschen, macht ihn zum Sklaven, zerstört die Brüderlichkeit unter den Menschen, bringt Völker gegeneinander auf und gefährdet [...] dieses unser gemeinsames Haus, die Schwester und Mutter Erde.“ (Ansprache beim Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, 9. Juli 2015. Quelle: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/july/documents/papa-francesco_20150709_bolivia-movimenti-popolari.html)

Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein in einem Interview im Jahr 2009: „Ich bin ein Banker, der Gottes Werk verrichtet“ (Quelle: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/goldman-sachs-chef-blankfein-ich-bin-ein-banker-der-gottes-werk-verrichtet-1886316.html)


Dorothee Sölle, Glaubensbekenntnis


Ich glaube an Gott der die Welt nicht fertig geschaffen hat wie ein Ding das immer so bleiben muss der nicht nach ewigen Gesetzen regiert die unabänderlich gelten nicht nach natürlichen Ordnungen von Armen und Reichen Sachverständigen und Uninformierten Herrschenden und Ausgelieferten


Ich glaube an Gott der den Widerspruch des Lebendigen will und die Veränderung aller Zustände durch unsere Arbeit durch unsere Politik


Ich glaube an Jesus Christus der recht hatte, als er „ein einzelner, der nichts machen kann“ genau wie wir an der Veränderung aller Zustände arbeitete und darüber zugrunde ging an ihm messend erkenne ich wie unsere Intelligenz verkrüppelt unsere Phantasie erstickt unsere Anstrengung vertan ist weil wir nicht leben wie er lebte


jeden Tag habe ich Angst dass er umsonst gestorben ist weil er in unseren Kirchen verscharrt ist weil wir seine Revolution verraten haben in Gehorsam und Angst vor den Behörden
Ich glaube an Jesus Christus der aufersteht in unser Leben dass wir frei werden
von Vorurteilen und Anmaßung von Angst und Hass und seine Revolution weitertreiben auf sein Reich hin


Ich glaube an den Geist der mit Jesus in die Welt gekommen ist an die Gemeinschaft aller Völker und unsere Verantwortung für das was aus unserer Erde wird ein Tal voll Jammer Hunger und Gewalt oder die Stadt Gottes


Ich glaube an den gerechten Frieden der herstellbar ist an die Möglichkeit eines sinnvollen Lebens für alle Menschen an die Zukunft dieser Welt Gottes. Amen.


Dorothee Sölle / Fulbert Steffensky (Hg.): Politisches Nachtgebet in Köln. Bd. 1. Stuttgart: Kreuz / Mainz: Grünewald 51971, S. 26-27

 

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