Monday 19. April 2021

Volkshaus statt Markthalle — Aufräumen für Wesentliches

zum 3. Sonntag der Fastenzeit (7. März 2021) | Lesejahr B


Autor: Mag. Fritz Käferböck-Stelzer, Leiter des Treffpunkts mensch&arbeit Nettingsdorf

Predigt:


Jesus warf die Händler aus dem Tempel. Wir wissen: Sie kamen durch die Hintertür immer wieder herein. Jesus empört sich, schlägt massiv drein, mit einer Geißel aus Stricken, die er selbst gemacht hat, kein spontaner Wutausbruch, eher schon eine vorsätzliche Tat, der genaue Beobachtung vorausgeht. Der Tempel, ein Ort der Erinnerung an die Heilstaten Gottes, Ort des Austausches und der Vergewisserung, wie Glaube zum Leben kommt, ist zum Warenhaus verkommen. Die Händler haben den Tempel seiner ursprünglichen Bedeutung entfremdet. Der Tempel, die zentrale religiöse, ökonomische und politische Institution des Judentums hat seine Funktion verloren, für die Menschen Sorge zu tragen, sich gegen Herrschaft jeglicher Art aufzulehnen, ein Ort der Umverteilung zu sein, gerade auch für Witwen und Waisen.


Im Tempel herrscht jetzt Markttreiben: Geldwechsler machen Profit, Händler preisen ihre Tiere an, Schafe blöken, Rinder muhen, dazwischen gurren Tauben, Stallgeruch. Es stinkt gehörig zum Himmel. Von einem Haus des Gebetes, der Gemeinschaft, des Austausches über ein Leben gemäß der Tora keine Spur. Da erinnert rein gar nichts an das Haus Jahwes.


Johannes schildert die Geschichte am Beginn des Wirkens Jesu. Gleich zu Beginn seines Auftretens macht Jesus klar, worum es ihm geht. „Der Eifer für dein Haus wird mich verzehren“, zitieren die Jünger Psalm 69 und spannen damit den Bogen zur Tradition. Es ist kurz vor Pessach, einem der wichtigsten Feste der Juden. Erinnert wird an die Befreiungstat des Volkes mit seinem Gott Jahwe, an den Auszug aus der Sklaverei in Ägypten. Knechtende, ausbeuterische Arbeits- und Lebensverhältnissen sollen nicht mehr sein, dafür die Vision eines herrschaftsfreien und gleichwürdigen Lebens aller Menschen.
Jesus empört sich über einen Tempel, der keiner mehr ist. Der Zugang zu Gott geht hier über Geld. Der Tempel ist Markthalle, nicht mehr Gottes- und Menschenhaus, Volkshaus sozusagen. Es geht um eine Kauf-, Tausch- und Opferlogik, die mit Gott Handel treibt und mit Gott handeln will. Profit statt Prophet sozusagen, die Tora hat ausgedient, die Frage nach dem guten Leben aller in Gemeinschaft, nach gerechten Verhältnissen ist verstummt. Jesus richtet mit seiner Aktion das Hauptaugenmerk auf die Hohenpriester und Schriftgelehrten. Sie missachten die Vorschriften der Tora um des Profites Willen. Statt für die Armen, Ausgegrenzten, Ausgestoßenen zu sorgen und Segen zu sein, machen sie Geschäfte und lassen sich Geld in die Opferkästen werfen.


Ein Tempel, der sich nicht um die Menschen sorgt, ist nicht der Tempel Jahwes. Hier braucht es Empörung und eine Kurskorrektur. Da muss weggeräumt und ausgemistet werden. Erst dann können in der Leere die alten Ideen der Menschenfreundlichkeit neu entstehen. Für heute gesprochen braucht es Empörung gegen Verhältnisse, die das Leben kleinhalten, Empörung aber auch gegen uns selbst, ein genaues Betrachten unserer Lebensverhältnisse, verbunden mit der Frage: In welcher Welt wollen wir leben?


Jesus sträubt sich gegen eine Ordnung, in welcher der Eine auf Kosten des Anderen existiert. Er setzt auf Gemeinwohl und begründet damit quasi die Soziallehre. Das Wohlergehen der ganzen Gemeinschaft ist der bevorzugte Blick, von dem aus das Wohl des Einzelnen in den Blick genommen wird. Eng mit dem Gemeinwohl verknüpft ist die Frage der Gerechtigkeit. Es geht um das gute Leben, um ein Leben in Fülle für alle in einer Gemeinschaft und dabei auch um die Frage nach den Strukturen und Verhältnissen, die das ermöglichen. „Ob eine Gesellschaft gerecht ist, erweist sich erst, wenn man sie mit der Brille der gesellschaftlich Ausgeschlossenen, der Benachteiligten und sozial Abgewerteten beurteilt“, so die Kath. Sozialakademie Österreichs.
Jesus rückt verkehrte Verhältnisse zurecht, er richtet den Tempel neu aus. Hier soll der gemeinsame Glaube an die Vision eines Lebens, wo alle alles gemeinsam haben bestärkt und genährt werden. Die Menschen sind der Tempel Gottes. In ihrem Zusammenschluss, in der Mitmenschlichkeit wird Gott lebendig und tätig. Jesus verweist auf sich als den wahren Tempel Jahwes. Sein Leben, sein Leib ist Zeichen und Orientierung. Dementsprechend haben wir zu leben, zu lieben und gerecht, barmherzig und wohlwollend aneinander zu handeln.


Diese neue Sicht des Tempels schafft eine neue Gesellschaft. Hier sollen alle Platz haben. Eine solidarische Gesellschaft von Gleichen braucht Weitblick, einen Blick immer wieder Richtung der noch Benachteiligten. Krüppel, Kranke, Besessene, Witwen, AusländerInnen, so benennt die Tora die Benachteiligten der Gesellschaft. Heute könnten es Obdachlosen sein, die Kinder und Geflüchteten in Moria und Lesbos, sozial Benachteiligte, MigrantInnen, AsylwerberInnen, physisch und psychisch Kranke, Arbeitslose, Menschen in Kurzarbeit, die sich ihr Leben nicht mehr leisten können, Frauen, die homeschooling, Hausarbeit, Kindererziehung und Beruf unter einen Hut bringen müssen, von der Arbeitswelt kaputtgemachte Menschen. Ihnen gilt der bevorzugte Platz im Tempel Jahwes. Gott ist ein Gott des Lebens, der Lebensfreude und der Gerechtigkeit, ein Gott der das Leben der Menschen will. Jesus reinigt den Tempel, um ihn neu wieder herzustellen mit Menschlichkeit, Barmherzigkeit, Liebe und Gerechtigkeit, als Ort der Gemeinschaft von Menschen, die ihr Leben gemeinschaftlich ausrichten wollen. Der Tempel soll Volkshaus und Lebensort sein.


Was ist gut für das Ganze? Diese Frage ist zentral. Damals wie heute. Die Bibel denkt die Gesellschaft vom Gemeinwohl her. Das mutet uns in unserer individualisierten Gesellschaft ein großes Stück Phantasie zu, auch ein Verlassen vertrauter Bilder. Empörung, Courage, beherztes Handeln und Kurskorrektur sind auch heute angesagt. Nichts muss so sein, wie es ist. Das reichste 1 % verfügt in Österreich über rund 40 % des gesamten Nettovermögens, während die ärmeren 50 % der österreichischen Haushalte gemeinsam gerade einmal 2,5 % besitzen. (Quelle: AK Wien)


Da ist wohl etwas gehörig aus dem Ruder gelaufen. Gerade in Zeiten der Covid19-Pandemie wurden die Reichen noch reicher. Auf der anderen Seite stieg die Zahl arbeitsloser Menschen in Rekordhöhe und viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sind in Kurzarbeit gekommen. Das bringt mit sich, dass die Deckung des Lebensunterhaltes oft nicht mehr finanzierbar ist. In Anlehnung an die Tempelreinigung Jesu stellt sich uns die Frage: Wer rückt hier die Verhältnisse zurecht? Wer treibt die Händler des Marktes aus ihren Hallen? Wir? Wo liegt unsere Verantwortung als Kirche und als Christinnen und Christen für das Gemeinwohl?
Gemeinwohl ist immer konkret, braucht Umverteilung und Neuverteilung von realem Reichtum und Lebensmöglichkeiten. Die Soziallehre als Kompass kann uns die Richtung weisen. Die Ausrichtung einer Gesellschaft am Gemeinwohl stellt die Frage der Verteilung von Einkommen, Arbeit, Macht und Einfluss, Lebensmöglichkeiten, Wohnraum, um nur einige Felder zu erwähnen, neu. Mietobergrenzen, ein Grundeinkommen zur Absicherung des Lebens, Löhne, die das Leben sichern, niemand mehr, der Armut leiden muss, das sind Aufgaben für uns und die Politik.
Und statt Ellbogen ausfahren, teilen lernen. Teilen muss die Grundhaltung und Grundlage des Zusammenlebens sein. Die Güter, Bodenschätze und Früchte der Welt sind ja schließlich für alle da, nicht nur für einige Wenige. Wir müssen uns empören, wenn uns immer öfter Schlagworte wie Selbstoptimierung, Privatvorsorge, Zukunftseigenvorsorge, Eigenverantwortung begegnen und damit gemeinsame, solidarische Lebensformen verlassen werden.
Es liegt an uns, Glaube und Empörung im Sinne Jesu in Einklang zu bringen und so heilend und befreiend tätig zu werden, uns einzureihen in die Befreiungsbewegung Gottes. Darin wird unser Glaube konkret, einander Nächste sein, der Nächsten und dem Nächsten zu dienen, dem Genossen, wie Martin Buber treffend übersetzt, der wie du auf Solidarität angewiesen ist. Möge uns ein Leben in bedingungsloser Geschwisterlichkeit gelingen.

 

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