Freitag 14. Dezember 2018

Neben dir soll Leben blühen

Neben dir soll Leben blühen

Sozialpredigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis

 

Ex 22,20-26 und Mt 22,34-40

 

Autor: Mag. Fritz Käferböck-Stelzer

 

„Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt. “ Gustav Heinemann, dritter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, macht aufmerksam, wohin in der Gesellschaft der Blick bevorzugt zu richten ist, nämlich auf die Schwächsten. Mit dieser Feststellung ist er aber bei weitem nicht der Erste.


„Es ist der Blick von unten, der den Blick von oben entlarvt, als einen Blick von oben eben.“ So bringt es der Amsterdamer Theologe Dick Boer auf den Punkt und knüpft damit an unsere heutige Bibelstelle an. Hier stehen die Schwachen der Gesellschaft im Mittelpunkt. Verbunden wird ihre Lebenssituation mit klaren Anweisungen, Soll-Bestimmungen, wie mit ihnen umzugehen ist. Jahwe hört die Schreie der Witwen, Waisen und Armen. Und hat Mitleid, Mitempfinden, lässt sich berühren, nimmt Anteil an deren Situation. Die Schreie nach Erlösung werden gehört, verklingen nicht im Nichts. Das ist tröstlich und ermutigt auch uns, in Unrechtssituationen immer wieder hinzuhören, hinzusehen, laut die Stimme zu erheben und zu schreien. Der biblische Text entwirft eine Gesellschaft, wie sie auch vorstellbar ist,
eine Gesellschaft, in der man aneinander Anteil nimmt, sich bevorzugt um die Schwächeren kümmert, sie ins Leben hereinholt. Gemessen an den heutigen Verhältnissen ist dieser Text ein Entwurf einer Gesellschaft, die noch kommen muss, eine phantastische Geschichte also.

 

Wie anders tönen da heute – gerade in Vorwahlzeiten – Entwürfe für die Zukunft. Da werden die Leistungsstarken wieder hervorgehoben, ÖsterreicherInnen zuerst gereiht, AsylwerberInnen werden nicht als Mitmenschen wahrgenommen, sondern als Menschen dargestellt, die über Gebühr Zuwendungen erhalten. Und auch Slogans wie „Holen Sie sich, was Ihnen zusteht“ rücken nicht die Gemeinschaft in den Mittelpunkt, sondern betonen die je eigenen Interessen. Was zusteht, sollte in einer Gesellschaft gemeinsam verhandelt und verteilt werden, damit alle genug zum Leben bekommen. Der Weg müsste also umgekehrt gegangen werden. Das Denken sollte vom Gemeinwohl ausgehen, alle sollen an den Gütern soweit Anteil haben können, dass Leben, gutes Leben möglich wird – und dies für alle.


Hier setzt die Bibel einen klaren Kontrapunkt. Wer in den Blick genommen werden muss, um einen Ausgleich in der Gesellschaft zu verwirklichen, wird klar benannt. Es sind die Schwächeren der Gesellschaft, Fremde, Witwen, Waisen, Arme. Und da steht nichts von Abschiebung, Zurückweisung, Bettelverbot, flächendeckend oder sektoral. Wesentlich im biblischen Denken ist, dass alle leben können. Vor allem darf niemand auf Kosten und durch Ausbeutung anderer leben.


Klingelt es da, wenn wir an die heutigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse denken, an sinkende Reallöhne, Armut trotz Arbeit, steigende Mieten und Lebenshaltungskosten, an unseren Umgang mit Geflüchteten, Skepsis gegenüber Fremden, BettlerInnen, Obdachlosen, Menschen am Rand der Gesellschaft?


Grundlage für einen gerechten, angemessenen Umgang miteinander soll die Erinnerung sein. „Ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.“ Ihr wisst hoffentlich noch, wie es euch als Volk da ergangen ist. Denkt an eure Vergangenheit. Die Akkordarbeit als ZiegelarbeiterInnen, Aufseher, die ständig das Arbeitstempo erhöht und die Arbeitsbedingungen verschlechtert haben, da sollte doch Verständnis aufkommen für die Situation von Fremden in eurem Land. Da stellt sich wesentlich die Frage: Wie möchten wir empfangen und behandelt werden, wenn wir in ein fremdes Land kommen?
Das könnte ein Kriterium sein, wie wir selber mit anderen, mit Fremden umgehen. Benimm dich wie ein Mensch. Werde dem anderen zum Nächsten. Diese Nächsten sind im biblischen Denken klar definiert. Auch Papst Franziskus fordert immer wieder dazu auf, an die Ränder der Gesellschaft zu schauen und zu gehen, sich hineinnehmen zu lassen in für uns fremde Lebenssituationen. Verständnis und Mitempfinden, „Compassion“ aufzubringen, sich berühren lassen und berühren, soll Grundhaltung unseres Lebens sein. Erinnern, die Sorgen und Nöte wahrnehmen, die Schreie der Fremden, Witwen, Waisen und Armen hören und sich davon bewegen lassen – das ist und bleibt Auftrag des Ewigen auch an uns im hier und jetzt.


Innehalten – schauen, was ist, Innewerden – erkennen, was unsere Aufgabe ist und dementsprechend handeln, Verhältnisse klar benennen und menschenfreundlich gestalten, im Vertrauen auf Gott und das Leben, dazu leitet uns unser Glaube an. Dort, wo Lebensmöglichkeiten bedroht sind, fordert die Bibel zum Eingreifen und Handeln auf und sie gibt auch Ideen mit, wie das gehen könnte. Wenn du einem Armen aus meinem Volk Geld leihst, nimm keinen Wucherzins.


Wer damals Zins bezahlen musste, verschuldete sich normalerweise nur noch mehr, bis er gar nicht mehr bezahlen konnte und gezwungen war, sich als Sklave oder Sklavin zu verkaufen. Auch in der heutigen Zeit müssen Leute Geld ausleihen, um ihr Leben bezahlen zu können, weil sich Private immer mehr an Mieten bereichern, die Löhne oft nicht mehr für einen Monat Leben reichen und  Unvorhergesehenes ins Leben tritt. Gerade an den Rändern der Gesellschaft wird es da schnell eng, muss das Urlaubs- oder Weihnachtsgeld dann hergenommen werden, um die Löcher, die sich auftun zu stopfen und übers Jahr einigermaßen auf Null zu kommen. Von Sparen oder was auf die Seite legen ist da gar keine Rede. Nicht selten landen viele dieser Menschen in einer aussichtlosen Schuldenspirale. Es kann sich nicht ausgehen: Wer vorher schon zu wenig Geld hatte, wie soll der nachher ein Vielfaches, mit Zinsen also, zurückzahlen können?


Das hebräische Wort „neschek“, das mit Zins übersetzt wird, bedeutet buchstäblich, das, was abgebissen wird. Bildlich gesehen fehlt also jemandem ein Stück auf Kosten anderer, die das Maul nicht voll genug kriegen können. Shareholder fallen ein, die Druck auf die Arbeitsplätze ausüben, weil sie immer höhere Gewinne einstreifen wollen, und das ohne selbst zu arbeiten, Unternehmen, die keine fairen Löhne zahlen wollen, die Lohn- und Einkommensschere, die nicht und nicht zugehen will.
Dahinter stecken Interessen, dass das so bleibt, dass Menschen auf Kosten von anderen leben, dass Menschen abhängig gemacht werden und sich einige zu MachthaberInnen aufschwingen.


Dagegen gebietet die Bibel klar Einhalt. Niemandem steht es zu, sich über einen anderen Menschen zu erheben. Im Gegenteil: Jede und jeder ist mitverantwortlich für die Menschen neben ihm und ihr. Ein Mantel, der zum Pfand genommen wird, soll bis Sonnenuntergang zurückgegeben werden. Um Lebensmöglichkeiten zu gewährleisten und abzusichern, braucht es also klare Rechtsordnungen, die allen im Volk klar sind und daraus resultierend Verständnis und Berührbarkeit mit sich bringen.
Der Mantel dient als Decke. Worin soll der Mensch sonst schlafen? Es geht um das Notwendige. Das muss für alle gesichert sein. Tagtäglich. Hier nimmt die Bibel eine klare Haltung und Position ein. Der Blick muss bevorzugt auf die Schwächeren gerichtet werden, sie sind der Maßstab für die Menschlichkeit einer Gesellschaft.
An ihren Lebensverhältnissen ist ablesbar, wie weit wir einander Mensch oder Wolf sind. Unsere Zuwendung macht deutlich, wem wir Nächster beziehungsweise Nächste werden und sind. An unserem Handeln entscheidet sich, ob der Entwurf einer neuen Gesellschaft, wie er uns in biblischen Texten entgegenkommt, Wirklichkeit werden kann.


Du sollst deinen Nächsten lieben, dir gleich oder wie dich selbst. Erkenne im Nächsten deinen Mit-Menschen und durch ihn dich selbst. Er oder sie ist Mensch wie du, dir verbunden in der radikalen Sehnsucht nach gutem, mitmenschlichem, geschwisterlichem Leben. Gehe immer auch mit dir selbst menschlich um. Gottes Weisungen zeigen sich in einem barmherzigen, menschenfreundlichen, gerechten Umgang mit- und aneinander. Dazu nimmt uns die Bibel immer wieder in die Pflicht
und erinnert uns mit ihren prägnanten Texten. Wir sind einander als Menschen in Liebe verpflichtet.


Wir haben es in der Hand, ob es frei nach Hilde Domin, „hinter uns herblüht“.

 

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