Schöpfungszeit
„Vor einem Hollerstrauch soll man den Hut ziehen.“
Ein altes Sprichwort, dsd im ersten Moment vielleicht ein bisschen schräg klingt.
Wer von uns zieht heute noch den Hut – und dann auch noch vor einem Strauch?
Und doch steckt darin eine erstaunliche Weisheit.
Der Holler begleitet uns schon lange:
als erfrischender Hollersaft, als „Hugo“ – ja, ich sehe schon das Schmunzeln – und als herrlicher Hollerröster mit Vanilleeis.
Ein Genuss!
Weniger genussvoll: das Abrebbeln der Beeren – zuweilen eine Geduldsprobe oder vielleicht auch etwas Meditatives.
Und der Holler kann noch mehr:
Er hat gesundheitsfördernde Wirkung – richtig angewendet.
Aber er kann auch schaden – falsch verwendet.
Früher wurde er manchmal genutzt, um Wein „aufzubessern“. Mit bei unkundigem Pantschen … sagen wir…– bedenklicher Wirkung.
Und genau da wird er interessant:
Der Holler ist kein harmloses Pflänzchen.
Er ist ein Stück Schöpfung, das Respekt verlangt.
Vielleicht kommt genau daher dieses alte Sprichwort:
„Zieh den Hut!“
Denn wer den Hut zieht, der sagt:
Ich sehe dich.
Ich nehme dich ernst.
Ich gehe respektvoll mit dir um.
Und ist das nicht genau das, worum es gerade jetzt geht?
Wir feiern die Schöpfungszeit – von 1. September bis 4. Oktober.
Eine Zeit, die uns daran erinnern will:
Wir leben nicht allein auf dieser Welt.
Wir sind verbunden – mit allem, was lebt.
Ein Hollerstrauch im Garten ist vielleicht kein theologisches Lehrbuch.
Aber er kann uns etwas lehren:
Achtsamkeit.
Grenzen.
Und Dankbarkeit.
Früher glaubten die Menschen sogar, ein Holler schütze Haus und Hof.
Mag Volksglaube sein.
Aber eines stimmt sicher:
Er hat die Menschen dazu gebracht, die Natur zu achten – und sie eben nicht einfach umzuhauen.
Und vielleicht brauchen wir genau das heute wieder:
mehr Haltung - mehr „Hutziehen“.
Vielleicht ja ganz konkret:
Beim nächsten Spaziergang stehen bleiben.
Hinschauen.
Nicht achtlos vorbeigehen.
Oder – wer es mutig mag –
tatsächlich den Hut ziehen.
Ich verspreche Ihnen: Die Reaktionen werden interessant.
Aber vielleicht passiert noch etwas anderes:
Dass wir wieder lernen, die Schöpfung zu sehen – und nicht nur zu benutzen.
Am Ende geht es nämlich um etwas ganz Einfaches:
Ein achtsamer Umgang mit dem, was uns umgibt,
fördert Leben.
Unser eigenes – und das der Welt.
Und ganz ehrlich:
Selbst wenn Sie heute denken sollten, das war jetzt ein bisschen viel… Holler –
dann zeigt das nur eines:
Man kommt an ihm einfach nicht vorbei.