Durch Aufschauen Ansehen geben
Vorbemerkung:
Die Predigt schließt mit der Einladung, während der Fußwaschung die persönliche Situation zu bedenken. Sollte in der Pfarrgemeinde keine Fußwaschung üblich sein, müsste man den letzten Absatz weglassen oder umformulieren. Oder man kann auch stellvertretend nur einer Person die Füße waschen.
Liebe Mitchrist:innen!
Die Erzählung von der Fußwaschung Jesu gilt zurecht als Schlüsselstelle für dienende Nächstenliebe.
Man kann sie aber auch unter dem Aspekt betrachten, dass Jesus damit seine Vorstellungen vom Umgang mit Macht in der Nachfolgegruppe deutlich darstellen wollte.
In Menschengruppen herrscht ein Machtgefälle. Es gibt mächtigere und weniger mächtige Personen. Wer etwas besser kann, besser versteht, besser ausgebildet ist oder ein höheres Amt bekleidet, hat mehr Macht und kann diese auch im Umgang mit anderen einsetzen.
Mit Macht verbunden ist das Recht, über andere zu bestimmen und über sie zu verfügen.
Das verhindert oft Begegnung und Umgang miteinander auf Augenhöhe. Aber was kann man tun, um Macht so auszuüben, dass sie kein Oben und Unten unter Menschen aufbaut und Ohnmacht erzeugt?
Jesus macht es symbolisch vor.
Er geht vor den Seinen in die Knie, um den Sklavendienst des Füßewaschens an ihnen zu vollziehen. Das bedeutet, dass er aufschauen muss, um ihnen ins Gesicht zu sehen. Dieses Aufschauen gibt den zu Waschenden Ansehen und Würde. Und die Ohnmächtigen kommen auf einmal in eine Situation, wo sie endlich einmal auf jemanden herunterschauen können, der mächtiger ist als sie. So gleicht Jesus das Machtgefälle aus, indem er sich freiwillig klein macht und zu den Jüngern und Jüngerinnen hinaufschaut. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, so schließt diese Erzählung und lädt zur Nachahmung ein.
Papst Franziskus hat diese Botschaft genau verstanden. Er hat das altehrwürdige Ritual des Gründonnerstages neu belebt. Statt zwölf ausgesuchten älteren Herrn die – ohnehin reinen - Füße zu waschen, ist er in ein römisches Jugendgefängnis gegangen. Dort hat er jungen Männern und Frauen unabhängig von Religion und Schwere ihrer Delikte die Füße gewaschen. Er hat zu ihnen aufgeschaut, ihnen, den Gestrauchelten, Würde und Ansehen gegeben. Das war ihm so wichtig, dass er, als er im Rollstuhl saß und sich nicht mehr hinknien konnte, darum bat die zu Waschenden auf ein Podest zu setzen, damit er zu ihnen aufschauen konnte.
Machtgefälle auszugleichen, um Begegnung auf Augenhöhe zu ermöglichen, dazu lädt uns Jesus am Gründonnerstag ein. Wie könnte das konkret gehen?
Ein Beispiel dafür habe ich in Amerika kennen gelernt. Eine Gruppe Freiwilliger wollte Migrantenfamilien beim Englischlernen helfen. Das ging so: Drei Monate lang besuchten die Freiwilligen diese Familien, um deren Muttersprache zu lernen. Egal ob Arabisch, Farsi, Chinesisch oder Spanisch, sie begaben sich in die Rolle der Lernenden, plagten sich mit Vokabellernen, Grammatik und Aussprache ab. Die Gastfamilie war in der mächtigeren Position der Lehrenden. Nebenbei wurden Vertrauen und Respekt aufgebaut. Erst nach drei Monaten begann der Englischunterricht mit hoher Motivation auf Seiten der Zuwanderer.
Auch wer älter, ist hat den Vorsprung der Lebenserfahrung gegenüber Jüngeren und deshalb Macht über sie. Diesen Vorsprung kann man gar nicht wettmachen.
Aber während die Älteren die Macht ihrer Lebenserfahrung einsetzen können, um Jüngere zu führen und sie zu erziehen, sind diese Personen öfter ungeübt und weniger kompetent in der Nutzung von Computer, Internet und modernen Medien. Die Kinder und Enkel hingegen wachsen damit auf und sind oft schon in jungen Jahren Profis auf diesem Gebiet.
Wenn jetzt die ältere Generation die jüngere bittet, sie internetfit zu, machen, kann diese ihr Wissen und Können ausspielen. Es kann zum Machtausgleich und zur Begegnung auf Augenhöhe kommen.
Machtausgleich geschieht dann, wenn die Mächtigeren freiwillig darauf verzichten ihre Überlegenheit auszuspielen und Mitmenschen klein zu halten und zu demütigen.
Machtausgleich geschieht auch, wenn weniger kompetente Menschen sich ihrer Stärken und Fähigkeiten bewusst werden und den Mut haben, sie einzubringen.
Mit der Fußwaschung stellt Jesus körperlich dar, dass er in seiner Nachfolgegruppe Begegnung und Umgang auf Augenhöhe haben möchte. Daran will uns der Gründonnerstag auch erinnern.
Wenn jetzt die Fußwaschung vollzogen wird, so laden wir Sie ein, im zuschauenden Anteilnehmen darüber nachzudenken, wo Sie sich klein machen könnten oder die Rollen tauschen, um weniger mächtigen Personen Ansehen und Würde zu geben.
2026 - Gründonnerstag Texte:
Besinnung:
Jedes Jahr hören wir am Gründonnerstag die Texte vom letzten Abendmahl, aus dem die Eucharistiefeier entstanden ist. Sie sind ein bleibender Auftrag für uns die Bedeutung dieses Mahles besser zu verstehen. Wenden wir uns Jesus zu, der in unserer Mitte ist:
» Jesus, du hast beim letzten Abendmahl Brot gebrochen als Zeichen deiner Hingabe für uns. Herr, erbarme dich unser
» Jesus, du hast Wein geteilt als Zeichen des nicht auf kündbaren Liebesbundes Gottes mit uns. Christus, erbarme dich unser
» Jesus, du hast gesagt: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Herr, erbarme dich unser
Jesus, du vergibst uns und stehst uns bei auf unserem Lebensweg. Dafür danken wir dir.
Amen.
Fürbitten:
Barmherziger Gott, du möchtest, dass wir in Frieden und respektvoll miteinander leben.
Wir bitten dich:
» für Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte.
» für Unternehmer und ihre Angestellten.
» für politisch Tätige und die Menschen, die von ihren Entscheidungen betroffen sind.
» für jene, die über Krieg und Frieden entscheiden und alle Kriegsopfer.
» für alle, die ausgegrenzt, übersehen und verachtet werden.
» für die Kranken, Leidenden und alten Menschen und jene, die sich um sie
kümmern.
» für unsere Verstorbenen und ihre Angehörigen.
Treuer Gott, du bist bei uns in diesen heiligen Tagen des Osterfestes, dafür danken wir dir.
Amen.