Jesus auf Brautschau.
Einführung
Der 8. März, der Internationale Frauentag, fällt heuer zufällig auf einen Sonntag.
Wie steht es um die Sache der Frauen, mehr als hundert Jahre nach den ersten großen Demonstrationen um Gleichstellung und Gerechtigkeit? Wie gehen Männer um mit Rechten und Würde von Frauen? Zwei Extreme fallen mir ein, welche beide die Macht des Patriarchats verdeutlichen. Erstens, es gibt nach wie vor Femizide. Männer ermorden ihre Frau, Ex-Frau oder Freundin. Zweitens: Die römisch-katholische Kirche verweigert unter fadenscheinigen Gründen die Gleichstellung bei den Weiheämtern. Nicht einmal die Wiederbelebung des Frauendiakonats gestattet die Amtskirche. –
Der Evangelist Johannes erzählt hingegen eine erstaunliche Geschichte. Zwar haben Männer darin auch noch das letzte Wort, aber es klingt wie ein Nachsatz. Jesus ist darin nicht der große Held. Wie geht er mit Frauen um? Wie gelingt ihm ein Dialog auf Augenhöhe?
Kyrie
Jesus, du begegnest Frauen mit offenem Geist und ohne Vorurteile.
- Herr, erbarme dich
Jesus, du achtest die Grenzen von Religion und Spiritualität und führst doch in die Weite.
- Herr, erbarme dich
Jesus, du schenkst denen, die dich suchen, den Zugang in die eigene Tiefe und Lebendigkeit.
- Herr, erbarme dich
Predigt
Wie geht ein Mann im Orient auf Brautschau, und wie findet er die Richtige, wenn die Lebenswelten der Geschlechter weitgehend getrennt sind?
Palästinensische Männer lernen seit alters her und bis in jüngste Zeit ihre künftige Frau am Brunnen kennen, wie einer von ihnen 2011 erzählte: „In unserem palästinensischen Dorf gehen Frauen am Morgen und am Abend zum Brunnen, Wasser zu schöpfen. Auf dem Weg dahin sehen wir sie. Wir folgen dem Mädchen, das wir heiraten möchten, und bitten es: Gib mir zu trinken! Wenn sie dir das Wasser reicht – sie hat das Schöpfgefäß –, dann zeigt sie damit ihr Einverständnis. Gibt sie dir das Wasser nicht, musst du dich um eine andere bemühen.“ 1
In diesem Sinne scheint es, dass auch Jesus auf Brautschau ist, als er durch Samaria wandert, und als er, allerdings um die Mittagszeit, am Jakobsbrunnen rastet und eine Frau um Wasser bittet. Jedenfalls macht die Samaritanerin seine Herkunft und die ethnischen Schranken, die er mit seiner Frage überschreitet, sofort zum Thema: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samaritanerin, um etwas zu trinken bitten?“ Vielleicht sagt sie damit durchaus provokant: Warum interessierst du dich für eine Fremde? Kriegst du vielleicht keine aus deinem eigenen Volk?
Jesus antwortet ihr, aber nicht auf ihre Frage. Stattdessen folgt ein langer Dialog: unter anderem über das lebendige Wasser, den Messias und die Anbetung im Geist und in der Wahrheit – so verpackt der Evangelist Johannes seine Botschaft über Jesus und das anbrechende Gottesreich.
Aber bleiben wir noch bei der Brautschau am Brunnen. Bei den damaligen jüdischen Zuhörern und Zuhörerinnen klingt wohl eine Erzählung aus der hebräischen Bibel an. Für Isaak wird eine Frau gesucht. Ein Knecht Abrahams reist dafür in die Fremde, zu Abrahams Verwandtschaft. Am Brunnen angekommen, hat er vor, die Bitte auszusprechen: „Gib mir zu trinken“, und die richtige Braut wird dann die sein, die darauf antwortet: „Trink, mein Herr, und auch für deine Kamele will ich schöpfen.“ So spricht er dann eine junge Frau am Brunnen an, allerdings abends, wenn sie nicht allein, sondern in Gesellschaft anderer zum Wasserholen kommt. Als Rebekka die richtige Antwort gibt, für ihn schöpft und auch seine Tiere tränkt, wendet sich der Knecht in aller Form an den Vater des Mädchens, um seine Zustimmung zur Heirat seiner Tochter einzuholen, und wird zum Essen und Nächtigen eingeladen. Am nächsten Morgen will die Braut gleich mit ihm aufbrechen. So wird Rebekka Isaaks Frau und damit gehen die göttliche Verheißung und die Heilsgeschichte weiter.
Jesu Brautwerbung scheint diesem Vorbild gegenüber lächerlich ungeschickt und gänzlich ohne Strategie. Müde von der Wanderung und verschwitzt setzt er sich in der Mittagszeit am Brunnen nieder, anstatt abends zu kommen, wie die anderen Männer, die sich vermutlich für diesen Anlass noch gewaschen und umgezogen haben. Außerdem hält er sich nicht am Weg auf, wo er die herbeikommenden Frauen schon von ferne beobachten könnte, um die Richtige auszuwählen. Darüber hinaus muss er rechnen, dass er umsonst wartet, weil um diese einsame Tageszeit gar keine Frau vorbeikommt, oder wenn, dann keine von gutem Ruf; und eine gläubige Jüdin in dieser Gegend schon gar nicht.
Mich bewegt dieser arme, verschwitzte, erschöpfte Jesus – der nicht ins Bild erfolgreicher Brautwerber passt. Vielmehr ist er davon abhängig, dass ihm jemand hilft seinen Durst zu löschen – denn er hat ja kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief. Er ist angewiesen, wie einst Elija in der Wüste, der die Witwe von Sarepta, auch eine Fremde, um Wasser und Brot bitten mußte, als es um sein Überleben ging. Auch Jesus sucht sich also die Frau nicht aus, sondern wendet sich bittend an die, die kommt. Das ist vielleicht auch die Chance für eine Begegnung auf gleicher Augenhöhe: kein Mann, der die vorübergehenden Frauen taxiert, optisch und moralisch. Und damit eben kein sexualisierter Kontakt, der die Frau, die fremde Frau zum Objekt macht; stattdessen absichtsloses Kennenlernen, Dialog und Communio.
Der Durst verbindet nun beide: Jesus braucht Wasser, die namenlose Samaritanerin auch. Aber sie dürstet auch nach Gerechtigkeit, nach Wertschätzung und Respekt: als Frau, als ethnisch Fremde, als moralisch Deklassierte, als religiös Suchende. Aus dem Durst, der Bedürftigkeit beider, entsteht ein Gespräch, in dem sie füreinander schöpfen, aus der Tiefe des Brunnens und aus der Tiefe der Seele.
Von lebendigem Wasser erfrischt, von Sinn und Freude zutiefst erfüllt, vergisst die Frau sogar dann den Krug, um in ihre Stadt zu laufen, den Leuten von Jesus zu erzählen und sie zur Begegnung mit ihm einzuladen, eine wahre Apostelin für ihr Volk, ihre Kultur.
Wozu kleidet der Evangelist Johannes die Szene am Jakobsbrunnen in das Gewand der Brautwerbung?
Er erinnert er damit wohl seine Zuhörer:innenschaft an die Werbung um Rebekka, die dann voll Freude aus einem fremden Land hin zu Isaak aufgebrochen ist. So wie damals der Knecht wirbt nun Jesus um die Samaritanerin, damit durch sie, wie durch Rebekka, die Heilsgeschichte weitergehen kann und sich Völker und Kulturen verbinden, die einen gemeinsamen Vater haben. Für diese Frau ist das Jakob, der den Brunnen gegraben hat und Vorfahr beider Völker war, des jüdischen und des samaritanischen. Wir könnten heute auch an Abraham und Sara sowie Hagar denken, Erzeltern für die jüdische, christliche und muslimische Kultur und Religion.
Jesus eröffnet der namenlosen Frau den Zugang zum lebendigen Wasser, in ihrer eigenen Tiefe und in der Tiefe der religiösen Traditionen beider Ethnien. Er kündigt damit eine Zeit an, in der man aus der gemeinsamen spirituellen Tiefe – in Jesu Worten: aus Geist und Wahrheit – leben wird, sodass nicht mehr ein bestimmter Kult dort oder da, am Berg Garizim, im Tempel von Jerusalem oder sonst wo, entscheidend sein wird. In dieser Hochzeit der Völker klingt – wie auch in der Hochzeit zu Kana – eine nicht mehr versiegende Lebensquelle an: das Geheimnis, dass der Messias gekommen ist, als armer Bräutigam, aber in der Kraft Gottes, um unsere Krüge zu füllen bis zum Überfluss, Lebensdurst in Lebensfreude und Mangel in Fülle zu verwandeln.
[1] Wilhelm Bruners: Rast am Brunnen, In: Dein Wort – mein Weg. Zeitschrift für Bibel im Alltag, 4. Jg., Heft 4/2011, S. 19 (Gesamter Beitrag: 19-22). Bruners zitiert einen Moslem, Hauselektriker der Abtei „Dormitio Mariae“ in Jerusalem, den er dort kennengelernt hat.