Lost? – Jugendliche im Hier und Jetzt der Kirche
Die Netzwerkerin und Eventmanagerin
„Viele Jugendliche haben nur noch ein vages Bild von Kirche“, erzählt Silke Mayer, Jugendseelsorgerin in der Pfarre Steyr. „Wenn im Elternhaus Kirche kein Thema ist, haben sie kaum Berührungspunkte.“ Stoßen sie dann doch einmal darauf, wird durchaus Interesse geweckt: „Dass Papst Leo sich klar für Frieden und die Rechte von Migrant:innen ausspricht und selbst vor Präsident Trump nicht einknickt, hat viele Jugendliche beeindruckt. Authentizität und Werte sind überzeugend!“ Um die Zielgruppe zu erreichen, muss man sich an ihre Kommunikation anpassen, etwa ansprechende Social-Media-Auftritte mit substantiellen Glaubensinhalten bereitstellen. Doch auch die junge Generation ist nicht nur online unterwegs: „Als Jugendseelsorgerin bin ich oft Netzwerkerin und Eventmanagerin: Menschen außerhalb der ‚Kirchen-Bubble‘ erreicht man gut über Mundpropaganda für konkrete Angebote. Jugendliche suchen nach Gemeinschaft und ehrlichen Gesprächen – das ist genau, was wir als Kirche im Idealfall anzubieten haben.“ Dabei gilt es, ihre Lebenswirklichkeit im Blick zu behalten: „Geld ist bei vielen ein Problem“, ruft Silke Mayer ins Gedächtnis. „Wenn man keine Lehrstelle findet oder die Eltern sich die Miete kaum noch leisten können, wagt man nicht mehr, von einem eigenen Auto oder einem Urlaub zu träumen – das ist zu weit weg vom tatsächlichen Leben.“ Umso wertvoller sind daher Projekte, wo arbeitssuchende Jugendliche unterstützt werden. Damit hat Silke Mayer Erfahrung: Nach dem Studium der Sozialen Arbeit war sie in Arbeitsprojekten und in der integrativen Beschäftigung tätig, danach in der RegionalCaritas und der Betriebsseelsorge in Steyr: „Die Diözese Linz bietet sehr gute Formate für neue Seelsorger:innen an wie den ‚Hingehen‘-Kurs für den Einstieg in die Betriebsseelsorge und ‚Start up‘ für die Jugendpastoral. Damit konnte ich als Quereinsteigerin gut Fuß fassen.“
Die Gesprächspartnerin und Gastgeberin
Für Irmi Raffetzeder begann auch alles mit einem Kurs – und einem glücklichen Missverständnis: Sie las 1992 in der KirchenZeitung von einer Jugendleitungsschulung und dachte, es gehe um Ehrenamt. „Tatsächlich waren die Zielgruppe Interessierte an der Jugendpastoral“, erinnert sie sich. „Ziemlich spontan bin ich hingefahren – und wurde tatsächlich angenommen!“ Mit nur 21 Jahren wird die passionierte Jungscharleiterin Seelsorgerin. Nach Abschluss der Ausbildung folgt bald der Ruf nach Braunau, wo dringend jemand für die Jugendpastoral gesucht wird: „Der Wechsel vom ländlichen Mühlviertel ins städtische Innviertel war auf mehreren Ebenen herausfordernd“, gibt sie zu. „Aber durch die Aufbauarbeit habe ich sehr viel gelernt.“ Sechs Jahre später führt sie ihr Weg ins Hausruckviertel ins Jugendzentrum „Servas“ mit angeschlossenem Gastronomiebetrieb – für Irmi Raffetzeder ideal: „Da konnte ich Gesprächspartnerin und Gastgeberin sein, das entspricht genau meinen Charismen!“ 14 Jahre lang leitet sie das Jugendzentrum, bis – wie bei vielen – in der Mitte des Berufslebens die Überlegung auftaucht: Und wenn ich doch noch einmal etwas Anderes probiere…? Da trifft es sich gut, dass Sr. Teresa Hametner eine erfahrene Seelsorgerin fürs Altenheim St. Klara der Franziskanerinnen sucht: „Vom Jugendzentrum ins Altenheim – das ist bis heute eine Seltenheit!“, meint Irmi Raffetzeder lachend. Sieben Jahre bleibt sie dort, dann tut sich die nächste Tür auf: die Pfarrseelsorge. „Die Möglichkeit, sich anhand der eigenen Interessen weiterzuentwickeln, schätze ich an der Diözese als Arbeitgeberin sehr“, gibt sie explizit zu Protokoll. In der neuen Pfarre Frankenmarkt wird sie Seelsorgeverantwortliche in der Pfarrgemeinde Vöcklamarkt – und nimmt die junge Generation wieder besonders in den Blick. „Wir haben heuer eine Auferstehungsfeier gezielt für Kinder angeboten“, berichtet sie. „Mehr als 130 Kinder sind mit ihren Familien gekommen, auch aus anderen Pfarrgemeinden – das war so ein schönes Fest!“

Der Gestalter und Entwickler
Auch Karl Geßwagner verfügt bereits über einen gut gefüllten Werkzeugkasten an seelsorglichen Kompetenzen: „Immer wieder setze ich Methoden aus der Jugendarbeit auch in anderen Seelsorgefeldern ein.“ Dabei war sein Plan A ein ganz anderer: Musik wollte er unterrichten. Geworden ist es Plan B: Er absolviert das Studium Religionspädagogik mit Ergänzungsfach Musik an der Pädagogischen Hochschule. Über das Vokalensemble „Impuls“ lernt er Seelsorger kennen, die ihn darin bestärken, sich in der Jugendpastoral zu bewerben. Ihm gefallen der Gestaltungsspielraum, die Eigenständigkeit – und die Entwicklungsmöglichkeiten: Nach einigen Jahren zieht es ihn in die Berufsbegleitende Pastorale Ausbildung Österreichs (BPAÖ), geht ein Jahr in Väterkarenz und schnuppert neben der Pfarr- in die Gefängnis- und Altenheimseelsorge hinein – und dann kommt Corona. „Ich habe während des ersten Lockdowns ein Praktikum im Krankenhaus gemacht und gespürt, dass es uns hier braucht“, erinnert er sich. Im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern Ried sind die Seelsorger:innen Teil vieler Gremien, etwa der Ethikkommission. „Es wirkt sich auf die Atmosphäre aus, dass bei uns niemand mit einer Nummer bezeichnet wird, sondern immer mit Namen: Der Fokus bleibt auf dem Menschen als Individuum“, führt Karl Geßwagner aus. Ihm selbst bleibt wichtig, kein Moos anzusetzen: Seit September 2025 ist er neben der Leitung der Krankenhausseelsorge auch in der Pfarrgemeinde Riedberg tätig. Die Doppelbelastung stemmt er aktuell gut: „Es braucht eine gute spirituelle Basis und eine fundierte theologische Bildung, um dauerhaft gut in der Seelsorge wirken zu können“, fasst er zusammen, um nach kurzem Überlegen augenzwinkernd hinzuzufügen: „Und es hilft, wenn man nicht alles todernst nimmt. Geht es bei uns nicht um die Frohe Botschaft?“

Die Unterstützerin und Begleiterin
Michaela Aichmayr steckt noch mitten in der theologischen Bildung: Nach ihrem Start als Jugendseelsorgerin in der jetzigen Pfarre Hausruck-Ager 2023 hat sie sich 2024 für den Theologischen Fernkurs eingeschrieben. „Wie ich meine Angebote setze und vorbereite, ändert sich dadurch“, erzählt sie. „Zudem werde ich durch den fachlichen Unterbau im beruflichen Kontext selbstsicherer.“ Jugendliche zu unterstützen und zu begleiten, war der studierten Erziehungswissenschaftlerin schon als AMS-Trainerin ein wichtiges Anliegen. Als sich die Rahmenbedingungen aufgrund politischer Prioritätenverschiebungen ändern, steht sie vor der Frage, ob sie diesen Wertewandel beruflich mittragen kann. Zu der Zeit ist sie in der Erstkommunion-Vorbereitung involviert und wird von der Seelsorgerin angesprochen: Ob sie nur ehrenamtlich an Kirche interessiert sei oder…? „Ich war etwas skeptisch, wie eng oder weit die Grenzen gesteckt sein würden“, gesteht sie. „Tatsächlich bin ich eher gefordert, meinen Gestaltungsspielraum gut mit meinem Anstellungsausmaß in Einklang zu bringen. Eingeengt fühle ich mich nicht.“ Neben der Erwerbs- und Care-Arbeit noch eine Ausbildung unterzubringen, ist herausfordernd: „Zum Glück besuche ich den Kurs zusammen mit anderen Jugendseelsorger:innen. Wir tauschen uns aus und pushen uns gegenseitig, damit niemand mit den Prüfungen in Verzug kommt“, erzählt sie schmunzelnd. Fragt man Michaela Aichmayr, wie es Jugendlichen heute geht, wird ihr Ton ernsthafter: „Es gibt die, denen alle Türen offenstehen, und die, bei denen 90 Prozent der Türen von vornherein zu sind. Da müssen wir als Kirche hinschauen und hingehen!“ Ein Erlebnis aus der Firmvorbereitung ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben: „Wir haben gemeinsam reflektiert: Was für ein Kreuz trage ich persönlich? Ein Mädchen hat sich daraufhin geöffnet und konnte mit mir über ihre Probleme sprechen.“
Vom Suchen und Finden des Safe Space
Jugendliche nennen das Safe Space: den sicheren Raum, in dem es nicht um die Performance geht; in dem nicht geflext werden muss und man mit niemandem Beef hat; wo man die eigenen Skills einbringt; wo man hingehen kann, wenn man lost ist oder sich total cringe verhalten hat; wo man seine Habibis trifft und Support und Community erlebt. Die Begrifflichkeiten mögen andere sein als in der Liturgie oder in den biblischen Texten – aber beschreiben sie nicht genau den Grundauftrag von Kirche?
Text: Magdalena Welsch