Normalfall Quereinstieg

Menschenwürdige Arbeit: Teil der Botschaft Jesu
Ulrike Hammerl ist eine von ihnen: Die Betriebsseelsorgerin aus Steyr hat 2021-2023 zusammen mit ihrer Kollegin Martha Stollmayer im Bildungshaus Schloss Puchberg die theologische Schulbank gedrückt. „Man bildet eine Seilgemeinschaft“, erzählt sie. „Wir haben uns ausgetauscht, gemeinsam gelernt und uns bei Prüfungen gegenseitig die Daumen gedrückt.“ In der Betriebsseelsorge haben solche „Tandems“ Tradition, da es viele Quereinsteiger:innen aus anderen Berufsfeldern gibt. Als Sozialpädagogin hat Ulrike Hammerl Berufserfahrung mitgebracht, die für ihre Arbeit im Treffpunkt mensch & arbeit sehr wertvoll ist. „Mein jahrelanges konkretes Tun in der Betriebsseelsorge mit theologischem Wissen zu ergänzen, hat meine Arbeit bereichert“, berichtet sie. In der Betriebsseelsorge gibt es neben dem kirchlichen einen zusätzlichen „Jahreskreis“ an Aktionstagen wie dem Weltfrauentag, dem internationalen Tag der Pflege und dem Tag der menschenwürdigen Arbeit. „Das Wissen aus dem Theologischen Fernkurs lässt mich nun anders auf diese Aktionstage blicken. Wie würde Jesus heute vom Reich Gottes und von Menschenwürde sprechen? Diese jesuanische Botschaft in einer heutigen Sprache auszudrücken ist mir wichtiger geworden“, meint sie. Während des Kurses werden alte Krusten aufgebrochen, sagt sie, es kommt innerlich viel in Bewegung. Bei diesem Prozess hätte sie sich für ihre Gruppe spirituelle Wegbegleiter:innen gewünscht: „Mich hat etwa die theoretische Auseinandersetzung mit der Osterbotschaft sehr berührt, darüber hätte ich mich gerne tiefergehend ausgetauscht.“

Von der Skepsis zum tiefen Tauchgang
Wolfgang Moser fühlt sich durch den theologischen Fernkurs ebenfalls auskunftsfähiger. In der Jugendpastoral ist es besonders wichtig, „verstaubte“ Begriffe zugänglich zu machen: „Wenn es um das Thema Sünde geht, kann ich die Bibelstelle von der dreimaligen Verleugnung des Petrus mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen in Verbindung bringen“, erläutert er. „Wie würde es mir gehen, wenn mein bester Freund nicht zu mir hält? Und wie kann es gelingen, da wieder rauszukommen?“ Er setzt gern erlebnispädagogische Methoden ein und kommt über das gemeinsam Erlebte mit den Jugendlichen in den Austausch. Wolfgang Moser wurde 2017 von der Dekanatsassistentin Birgit Brunner dazu ermuntert, sich auf eine offene Stelle in der „Jugendtankstelle Mühlviertler Alm“ zu bewerben. Als nach zwei Jahren das Thema auf die theologische Qualifikation kam, war er anfangs skeptisch. „Meine Bedenken haben sich bei meiner ersten Studienwoche in Kärnten aber rasch verflüchtigt“, erinnert er sich. „Die Inhalte waren gut aufbereitet und die Vortragenden haben sie so gut rübergebracht, dass ich Lust auf mehr bekommen habe.“ Zum Lernen und für die Prüfungen vereinbart der sechsfache Vater einige Monate Bildungskarenz: „Dass manche Prüfungen erst abgelegt werden können, sobald man andere absolviert hat, hat es in meinen Augen unnötig kompliziert gemacht“, gesteht er. „Aber für mich war es eine wertvolle Zeit, in der ich mich intensiv mit den Skripten beschäftigen und mit Podcasts wie ‚Unter Pfarrerstöchtern‘ der ZEIT und ‚Sternstunde Philosophie‘ des SRF noch tiefer eintauchen konnte.“ Mittlerweile absolviert Wolfgang Moser die zweijährige Berufsbegleitende Pastorale Ausbildung Österreichs und ist in der Jugendpastoral im Dekanat Grein sowie in der Pfarrpastoral in Pabneukirchen tätig. „Ich erlebe viele engagierte und wache junge Menschen“, erzählt er lächelnd. „Der kirchliche Rahmen ist manchmal für Jugendliche zu eng gesteckt. Es braucht Möglichkeiten, dass sie selbst gestalterisch Freude oder Trauer ausdrücken dürfen, dann tun sie das auch.“
Flexibilität, Freiheit, Fehlerfreundlichkeit
Bei der Studienwoche in Kärnten lernt Wolfgang Moser seinen späteren Kollegen Florian Bischof kennen: Der studierte Sozioökonom startet 2018 als entwicklungspolitischer Bildungsreferent bei der Jungschar Wien und besucht erste theologische Kurse in Präsenz in den Räumlichkeiten am Stephansplatz. „Durch meinen Studentenjob in der Flüchtlingsbetreuung der Caritas und die Bekanntschaft mit gläubigen Muslim:innen habe ich mich gefragt: Welche Werte tragen eigentlich mich?“ 2020 tauscht er die 29-qm-Wohnung in Wien gegen 6 ha Land im Mühlviertel, die er eine Zeit lang zusammen mit seinem Vater bewirtschaftet. „Ich bin in vielen Belangen ein Suchender“, meint er lachend. Nach seinem Umzug lernt er in der Bioschule Schlägl den Religionslehrer und angehenden Diakon Christian Lorenz kennen, der ihn darin bestärkt, sich auf eine offene Seelsorge-Stelle zu bewerben: Florian Bischof wird Jugendleiter im Jugendzentrum „ASK-JU“ und Pädagogischer Mitarbeiter im Dekanat Rohrbach. An seiner Arbeit schätzt er die 3 F: Flexibilität, Freiheit, Fehlerfreundlichkeit. Bald nimmt er die Fäden der theologischen Ausbildung wieder auf. „Bei den Inhalten würde ich mir mehr praktische Bezüge zur Seelsorge-Arbeit wünschen, aber insgesamt ist es Erwachsenenbildung auf höchstem Niveau“, resümiert er. „Der Seelsorge fehlt es bei uns oft weniger an Fachwissen in Dogmatik, häufiger an authentischen Vorbildern in der Glaubenspraxis.“ Für ihn steht nun „Synthesearbeit“ an, wie er es nennt: das Verweben der bisherigen Ausbildungen und Berufserfahrungen mit dem Wissen aus dem theologischen Kurs, um die eigene Spiritualität zu stärken und für die Seelsorge-Arbeit nutzbar zu machen.
Modulare Berufseinführung in die Seelsorge
Ulrike Hammerl, Wolfgang Moser und Florian Bischof hätten den Weg in die Seelsorge womöglich nicht gefunden, wenn sie nicht jemand aus ihrem Umfeld auf offene Stellen aufmerksam gemacht hätte. Menschen zwischen 35 und 50 machen mittlerweile den größten Anteil an neuen Seelsorger:innen in der Diözese Linz aus. Sie sind die primäre Zielgruppe der modularen Berufseinführung, welche die Bereiche Pfarre & Gemeinschaft, Seelsorge & Liturgie sowie Personal & Qualitätssicherung zusammen mit der Katholischen Privatuniversität Linz (KU) erarbeitet haben. Das Programm wird am 25. April im Diözesanen Pastoralrat vorgestellt und startet diesen Herbst. Darin wird auf vorhandene Kompetenzen aufgebaut und individuell nachgeholt, was es noch braucht. Für die theologische Qualifikation kann zwischen einem Studium, z.B. dem Bachelor-Studium „Grundlagen des Christentums“ an der KU, und dem Theologischen Fernkurs entschieden werden. „Der Theologische Fernkurs ist eine bewährte Basis für theologisches Grundwissen“, unterstreicht Irmgard Lehner, Leiterin des Bereichs Pfarre & Gemeinschaft. „Tiefergehende theologische Qualifizierungen können an der KU wahrgenommen werden. Die Seelsorgepraxis zur Theorie und der Raum zur Reflexion bekommen die Mitarbeiter:innen durch die begleitende Anstellung.“ Ulrike Hammerl, Wolfgang Moser und Florian Bischof hätten sich schon während des Theologischen Kurses mehr Praxisanteile gewünscht: „Nicht nur Seelsorger:innen würden von mehr Pastoraltheologie profitieren, sondern auch angehende Diakone oder ehrenamtliche Krankenhaus-Seelsorger:innen.“ Unterm Strich fällt ihre Einschätzung aber eindeutig aus: Persönlich wie beruflich hat sich die investierte Zeit definitiv ausgezahlt. „Wer quer einsteigt, tut das aus Überzeugung“, fasst es Florian Bischof zusammen. „Wir bringen Erfahrung mit und entscheiden uns bewusst für diese Arbeit, weil sie sinnstiftend und erfüllend ist.“
Sie interessieren sich für eine Tätigkeit in der Seelsorge oder haben Fragen zur modularen Berufseinführung? Die Seelsorge-Fachbereiche der Diözese stehen Ihnen gerne für Auskünfte zur Verfügung:
Fachbereich Pfarrseelsorger:innen (Seelsorge in den Pfarren und Pfarrgemeinden, Jugendseelsorge, Altenheimseelsorge, Innovationsprojekte):
Irmgard Sternbauer, irmgard.sternbauer@dioezese-linz.at, 0676 8776 1209
Fachbereich Lebensbegleitung (Seelsorge im Gesundheitswesen, Gefängnisseelsorge, Inklusive Seelsorge):
Silvia Breitwieser, silvia.breitwieser@dioezese-linz.at, 0676 8776 3522
Fachbereich Arbeitswelten und Begegnungsräume (Betriebsseelsorge, Citypastoral, Hochschulseelsorge):
Michaela Pröstler-Zopf, michaela.proestler-zopf@dioezese-linz.at, 0676 8776 3644
Text: Magdalena Welsch