VON DER SORGE- ZUR SEELSORGEARBEIT
In der Pfarrgemeinde sorgen: „Wir feiern ein Fest!“
„Ich war immer gern Krankenschwester“, so steigt Ute Huemer ins Gespräch ein. Und doch ist die Seelsorgerin in ihr rückblickend schon zu Beginn ihrer Laufbahn erkennbar: Bei ihrem ersten Polytrauma-Einsatz kämpft sie zusammen mit Ärzt:innen und Pfleger:innen acht Stunden lang um das Leben eines 18-jährigen Autounfall-Opfers – letztlich vergeblich. Trotz eines Höchstmaßes an Stress und Konzentration kommt ihr immer wieder der Gedanke: „Wie mag es den Angehörigen gerade gehen? Kümmert sich jemand um sie?“ Sie lernt verschiedene Stationen kennen, macht Zusatzausbildungen – und nimmt sich gerne Zeit dafür, zu den Leuten ans Krankenbett zu kommen und ihnen Kraft zu geben. Als sie Mutter wird, geht ihr die Betreuung von schwer an Masern erkrankten Kindern zu nahe und sie wechselt von der Intensivstation in ein Alten- und Pflegeheim. Dort wird ihr zunehmend klar, wie notwendig Seelsorge in der Sorgearbeit ist: für die Bewohner:innen ebenso wie fürs Team. Sie besucht einen theologischen Kurs an der KU Linz und möchte dann in die Krankenhaus- oder Altenheim-Seelsorge wechseln. „Für mich war es ein kleiner Schock, als es hieß, dass das nicht geht“, gesteht sie. „Die Berufsbegleitende Pastorale Ausbildung (BPAÖ) oder das Studium waren damals die Voraussetzung, in einen Seelsorgeberuf in der Diözese Linz einsteigen zu dürfen.“ Ihre Sehnsucht bekommt Risse: Wie soll sie als zweifache Mutter eine Woche pro Monat in St. Pölten verbringen? Dank der Unterstützung ihres Ehemannes entschließt sie sich letztlich doch dazu. „Es war für die ganze Familie ein Marathon“, meint Ute Huemer rückblickend. Während der BPAÖ findet sie Gefallen an der Pfarrpastoral: „Ich mag die pastorale Grundausrichtung: ‚Wir feiern ein Fest!‘ Das kann ich in der Pfarrgemeinde am besten leben. Auch wenn es während der Umstellung auf die neue Pfarrstruktur in unserer Pfarre Hausruck-Ager oft viel Beziehungsarbeit braucht und das Festliche hintangestellt werden muss.“ Aus der ersten Hälfte ihres Berufslebens hat sie einen reichen Erfahrungsschatz mitgenommen, aus dem sie schöpfen kann: „Ich kann mich von der Situation der Menschen berühren lassen, ohne gleich umgeblasen zu werden.“

In der Pflege und in der Pfarre sorgen: „Was willst du, dass ich dir tue?“
Sabina Eder wusste schon als Kind, was sie werden wollte: Krankenschwester! „Ich wollte mich schon immer in den Dienst einer guten Sache stellen“, erinnert sie sich. Nach Jahren auf der Unfallstation folgt eine Phase der privaten Sorgearbeit als Vollzeitmama – „der klassische Sozialberuf mit Sinn“, wie sie es nennt. Danach arbeitet sie in der Betreuung von Menschen mit Beeinträchtigungen und baut sukzessive ihr ehrenamtliches kirchliches Engagement aus, absolviert den Wiener Theologischen Fernkurs und die Ausbildung zur Wort-Gottes-Feier-Leiterin. Als eine Stelle als Krankenhaus-Seelsorgerin in Braunau ausgeschrieben wird, meinen eine dortige Kollegin und der Pfarrer ihrer Heimatpfarrgemeinde: „Das wäre doch etwas für dich!“ Sie bewirbt sich – und wird abgelehnt. „Dass ich ehrenamtlich hätte einsteigen dürfen, aber hauptamtlich nicht, hat mich geärgert“, gesteht sie. Nach einer Trauerphase fasst Sabina Eder den Entschluss, es zu probieren: Sie legt in Salzburg die Berufsreifeprüfung ab und schreibt sich fürs Theologie-Studium ein. „Für mich war das Studium eine wunderbare Zeit“, schwärmt sie. „Ich konnte meine praktischen Erfahrungen einbringen und mit in die Theologie einweben. Und was ich an Theorie aus dem Fernkurs wusste, konnte ich erweitern und vertiefen.“ Dabei muss sie stets mehrere Aufgaben jonglieren: Als ihr Vater pflegebedürftig wird, nimmt sie sich seiner an und beendet ihre Erwerbstätigkeit. 2019 wird sie Dekanatsassistentin im Dekanat Ostermiething und studiert nebenbei weiter, lernt oft nachts, wenn die Kinder schlafen. Nachdem sie ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hat, steigt sie Vollzeit in die Seelsorge ein. „Rückblickend hätte ich es besser gefunden, wenn ich schneller ins Tun hätte kommen dürfen“, meint sie. „Ein berufsbegleitendes Konzept ohne verpflichtende Wochen auswärts passt für die meisten Menschen in der Lebensmitte besser als ein Vollstudium.“ Trotzdem blickt sie zufrieden auf ihren bisherigen Weg: „Meine gute Ausbildung und meine Berufserfahrung machen mir meine jetzige Arbeit viel leichter.“ Die heutige Pastoralvorständin hat sich den Grundsatz der früheren Krankenschwester beibehalten, der sich in bester christlicher Tradition zusammenfassen lässt mit: „Was willst du, dass ich dir tue?“
Im Altenheim sorgen: „Man lernt, in den Schuhen der anderen mitzugehen.“
Auch Gerlinde Wölflingseder wusste früh, was sie machen wollte: Seit ihrem 18. Lebensjahr ist sie in ihrem Wunschberuf tätig, der Altenpflege. „Bei alten Menschen lernt man das Zuhören“, meint sie schmunzelnd. „Man lernt, in den Schuhen der anderen mitzugehen.“ Vom Ehrenamt wächst sie Schritt für Schritt ins Hauptamt hinein. In ihrer Heimatpfarrgemeinde Suben packen die Frauen an, als immer weniger Aufgaben von Hauptamtlichen gestemmt werden können. „Wir konnten uns aufeinander verlassen, sonst hätte ich es nicht gemacht“, stellt Gerlinde Wölflingseder klar. „Es“ bedeutet in ihrem Fall: Pfarrgemeinderat, Seelsorgeteam, Wort-Gottes-Feier-Leitung, dazu der Wiener Theologische Fernkurs – das volle Paket! 2023 kommt der Pastoralvorstand Martin Brait auf sie zu: Ob sie nicht ein paar Stunden in der Altenheim-Seelsorge…? Sie ist sich nicht sicher, holt eine zweite Meinung an, die eindeutig ausfällt: „Gerlinde, das wäre ein Geschenk für die beiden Heime!“ Also bewirbt sie sich und stößt auf offene Türen: „Mir war es wichtig, weiterhin in anderen Heimen als Altenpflegerin tätig zu bleiben. Ich bin sowohl der Diözese als auch den Heimleitungen sehr dankbar dafür, dass ich mir meine Arbeit als Seelsorgerin je nach meinem Pflegedienstplan frei einteilen kann.“ Neben ihrer umfangreichen Expertise als Pflegerin mit Zusatzqualifikationen, etwa in der Validation, haben schicksalshafte Erfahrungen sie zu einer einfühlsameren Seelsorgerin werden lassen: Ihr erster Ehemann stirbt an Krebs, ein späterer Lebenspartner bei einem Unfall. Sie kämpft sich zurück ins Leben, weil ihre beiden Kinder in Freiheit und ohne Angst großwerden sollen. „Trotz sehr düsterer Tiefpunkte hat sich immer wieder das Gefühl durchgesetzt, Gottes geliebtes Kind zu sein und sich als solches getragen zu wissen“, erzählt sie. Und sowohl in der Sorge- als auch in der Seelsorgearbeit setzt sie ihre Überzeugung in die Tat um: Dass jeder Mensch wertvoll ist, unabhängig von der Lebenssituation.

Im Krankenhaus sorgen: „Manchmal ist man Teil davon, dass etwas heil wird.“
Daran kann auch Monika Zweimüller anknüpfen: „Man muss die Menschen so lassen, wie sie sind. Wenn man sie nicht ändern will, kommt man mit den meisten gut aus.“ Ihr Lebensweg hat sie nicht in einen typischen Pflegeberuf geführt, aber definitiv in einen sorgenden: 27 Jahre lang hat sie als Pfarrhaushälterin bei den Oblaten des Hl. Franz von Sales in Ried im Innkreis gearbeitet. „Mein Vater hat nicht erlaubt, dass wir Mädchen einen Beruf erlernen“, erinnert sie sich. „Als junge Mutter war die Arbeit im Pfarrhaushalt ideal, meine beiden Kinder konnten oft mitkommen und hatten dort quasi eine ganze Gruppe Ersatzopas.“ Neben der Arbeit und für ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Wort-Gottes-Feier-Leiterin absolviert sie den Wiener Theologischen Fernkurs. 2022 übersiedelt der letzte Ordensbruder ins Pflegeheim und Monika Zweimüller steht vor einer beruflichen Neuorientierung. Zu der Zeit hatte sie bereits die Ausbildung zur ehrenamtlichen Krankenhaus-Seelsorgerin absolviert: „Aus dem Kurs konnte ich mir ganz viel für meine spätere Seelsorge-Arbeit mitnehmen.“ Danach besucht sie den Würzburger Kurs und kann so in die Krankenhaus-Seelsorge einsteigen. „Für mich heißt Seelsorge, dass ich Menschen dabei helfe, ihre eigenen Ressourcen wiederzuentdecken“, fasst sie zusammen. Ihr ist es wichtig, ohne Wissen über die Diagnose an die Krankenbetten zu gehen: „Dann kann jeder Mensch selbst entscheiden, was er teilen möchte.“ Manchmal braucht es auch gar keine Worte, sondern ein gemeinsames Schweigen. „Jeder Tag ist bereichernd“, bekräftigt sie. „Manchmal ist man Teil davon, dass etwas heil wird. Und wenn das Leben auf der Erde zu schwer wird, ist es in Ordnung, wenn man geht.“
Umwege erhöhen die Ortskenntnis
Vier Frauen auf ihren individuellen Lebenswegen – und doch mit vielen Gemeinsamkeiten: Jede fühlt sich gut angekommen in ihrer jetzigen Tätigkeit. Jede schaut mit zärtlichem, klarem Blick zurück auf die Höhen und Tiefen, die sie zu der Person haben reifen lassen, die jetzt in der Seelsorge für andere da sein kann. Und alle betonen den Wert dieser mitunter verschlungenen Pfade: Es gibt nicht nur den einen richtigen Weg, denn gerade Umwege erhöhen die Ortskenntnis. „Sobald die modulare Berufseinführung in der Diözese Linz startet, habe ich ein, zwei Leute, denen ich das unbedingt weitersage!“, sagen sie. Wir dürfen gespannt sein: auf viele weitere Schätze, die nur darauf warten, entdeckt und zum Glänzen gebracht zu werden.
Text: Magdalena Welsch
Interesse an der berufsbegleitenden pastoralen Ausbildung?
- Bis 31. März 2026 zu den Ansprechpartner:innen der Diözese Linz für die BPAÖ Kontakt aufnehmen: Irmgard Sternbauer (0676-8776-1209) oder Alois Giglleitner (0676-8776-1203)
- Beim Erstgespräch einen guten Eindruck machen
- BPAÖ-Auswahlseminar besuchen: 28. bis 30. April 2026 in St. Pölten
- Im Herbst mit der berufsbegleitenden Seelsorge-Ausbildung starten
