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Johann Gruber (1889-1944)
Direktor der Blindenanstalt Linz
Johann Gruber wurde am 20. Oktober 1889 als ältestes von vier Kindern
in der Pfarre Grieskirchen (Ortschaft Tegernbach) geboren. Sein Vater Andreas übte als
Kleingewerbetreibender den Beruf eines Schusters aus. Mutter Maria war Hausfrau. Johann
hatte drei jüngere Geschwister: Katharina, Josef und Barbara. Es wäre noch eine
Schwester Maria gewesen; sie eigentlich die Älteste - verstarb aber als Kleinkind
wenige Wochen vor der Geburt Johanns. Im Jahr 1900 traf die Familie ein schwerer
Schicksalsschlag. Innerhalb von nur fünf Monaten verloren die Kinder beide Elternteile.
Wo Johanns jüngere Geschwister ein neues Zuhause fanden, wissen wir nicht. Johann kam zu
seinem Vormund namens Josef Fischer in die Nachbarortschaft Moos. Im Jahr 1913 nahm der
Pfarrer von Grieskirchen, Dechant Georg Wagnleithner, landesweit bekannter Historiker und
Dichter, das Schicksal des Knaben in die Hand. Er ermöglichte dem inzwischen
Dreizehnjährigen das Studium im Bischöflichen Knabenseminar Kollegium Petrinum in Linz.
Dieser legte dort im Jahr 1910 die Matura mit Auszeichnung ab und trat im Herbst des
Jahres in das Priesterseminar in Linz ein. Seine pädagogische Neigung führte den
Studenten schon damals (neben dem Studium) als Präfekt in das Schülerheim Salesianum.
Nach wie damals üblich - drei Jahren Theologiestudium empfing der Alumne Johann
Gruber am 27. Juli 1913 im Linzer Dom die Priesterweihe.
Ein Jahr später beendete Alumnatspriester Gruber seine theologischen
Studien und trat seinen ersten Kooperatorenposten in Gaspoltshofen (ab 1914)
an. Bis zum Jahr 1918 führte ihn dieser seelsorgliche Dienst in die Pfarre
Alkoven (ab 1916). Als junger Priester war er geistlicher Berater des katholischen
Arbeitervereins. Das Jahr 1918 bedeutete einen Einschnitt in Johann Grubers Leben. Er
wechselte von der Pfarrseelsorge in den Schuldienst. Ab 2. Juli 1918 war er als Adjunkt
bzw. Lehrer im Katholischen Waisenhaus Linz, Seilerstätte, tätig. Sein Dienstort war die
Anstalts- und Schulfiliale ("Kolonie") in Hart-Leonding. Bischof Gföllner
erkannte die intellektuelle und pädagogische Begabung des jungen Priesters und bestimmte
ihn für ein Lehramtsstudium an der Universität Wien. So schlug Johann Gruber seinen
Wohnsitz bei den Barmherzigen Schwestern in Wien (Millergasse, Wien 6) auf und begann
seine Studien in den Fächern Geschichte und Geographie. Es ist davon auszugehen,
dass das
intellektuelle und aufgeklärte Klima der Universität und der Weltstadt Wien (in den
"goldenen Zwanziger Jahren") den Horizont des jungen aufgeschlossenen Priesters
aus Oberösterreich nachhaltig erweiterte.
Im Jahr 1923 promovierte Johann Gruber zum Doktor der Philosophie. Er
kehrte nach Linz in das Katholische Waisenhaus zurück. Nach einer Übergangszeit wurde er
vom provisorischen zum definitiven Fachlehrer ernannt. Ebenso war er als Lehrer an der
bischöflichen Lehrerbildungsanstalt, am Gymnasium der Kreuzschwestern und anderen
Privatschulen tätig. Zeitzeugen bestätigen noch heute die außergewöhnliche
Unterrichtsgestaltung bei Prof. Gruber. Einhellig beschreiben ehemalige Schüler und
Schülerinnen die Atmosphäre während seiner Unterrichtsstunden als so konzentriert,
dass
man jederzeit eine Stecknadel hätte fallen hören.
Als Hausdirektor stand dem hervorragenden jungen Lehrer der knapp
sechzigjährige Kanonikus Vinzenz Blasl vor. Blasl leitete das Waisenhaus seit 1903 (als
Nachfolger Dr. Leopold Kerns) also bereits 20 Jahre und dachte daran, die
Leitung einem Jüngeren zu übergeben. Bald wurde Dr. Johann Gruber auch zum
provisorischen Direktor der Hauptschule des Waisenhauses ernannt. Diese Vorgangsweise
deutet darauf hin, dass Gruber als Nachfolger Vinzenz Blasls vorgesehen gewesen sein
dürfte.
Das Einverständnis zwischen Kanonikus Blasl und seinem Adjunkten aber nahm
eine äußerst schlechte Entwicklung. Ein sogar beim Diözesangericht anhängiger Streit
(1928), in dem eine junge Ordensschwester aus der im Waisenhaus tätigen Kongregation der
Barmherzigen Schwestern eine zentrale Rolle spielte, war dabei der wohl schwerste
Konfliktpunkt. Als sich die Definitivstellung Grubers zum Direktor der Anstaltshauptschule
ungewöhnlich lange hinauszögerte (1932) und Gruber seinen Anstaltsdirektor der
diesbezüglichen negativen Intervention beim Landesschulrat bezichtigte, dürfte eine
weitere Zusammenarbeit unmöglich geworden sein. Das Bischöfliche Ordinariat scheint nun
zu einer bereinigenden personellen Maßnahme gegriffen zu haben. Jedenfalls verließen
beide Kontrahenten im Jahr 1934 das Waisenhaus.
Dr. Johann Gruber wurde am 1. November 1934 Direktor der Blindenanstalt
in Linz. Er löste dort Reg.Rat Msgr. Anton Pleninger ab, der die Anstalt durch 30 Jahre
geleitet hatte. Nun selbst mit der Kompetenz eines Anstaltsdirektors ausgestattet, schritt
Gruber energisch an die Reform seiner neuen Wirkungsstätte. Die Blinden-Lehranstalt und
Blinden-Versorgungsanstalt, bisher in zwei getrennten Stadtteilen untergebracht, wurden in
der Versorgungsanstalt in der Volksgartenstraße zusammengezogen. Um dort für die
Werkstätten Platz zu schaffen, wurde das Gebäude durch den Zubau eines Stockwerkes
erweitert. Die finanziellen Mittel dazu kamen vom Verkauf der Blinden-Lehranstalt in der
Blumauerstraße. Zusätzlich wurde im Parterre der neuen Großanstalt ein
Verkaufsgeschäft eingerichtet, in dem die von den Blinden erzeugten Korb- und Flechtwaren
verkauft wurden. Auch sollte die Verpflegung verbessert werden. Aber nicht nur
organisatorische Änderungen, auch pädagogische Neuerungen standen ins Haus. Der Buben-
und der Mädchentrakt, bisher durch eine stets abgesperrte Tür getrennt, waren von nun an
offen zugänglich zu halten.
Hatten schon die Übersiedlung, die vielen Renovierungs- und
Adaptierungsarbeiten gegen den Willen der im Haus tätigen Kreuzschwestern stattgefunden,
so löste die pädagogische Einstellung Grubers bei den Schwestern eine schwere
Verstörung aus. Gruber wich nicht von seiner Linie ab und scheute auch nicht vor einer
offenen Kritik der Schwestern hinsichtlich Organisationsgeschick, Küchenführung,
Sparsamkeit usw. zurück. Die Ordensoberin beschwerte sich beim Bischof über Grubers
Verhalten den Schwestern gegenüber. Auf Anordnung des Ordinarius musste nun von den
Beteiligten eine neue Hausordnung erstellt und dann dem Bischof vorgelegt werden. Aber
auch mit den Lehrern der Anstaltsschule stand Gruber, der dort selbst Religion
unterrichtete, bald in Konflikt. Vor allem mit Oberlehrer Josef Baumgartner (seit 1913 an
der Anstalt) entstanden Reibungspunkte.
Gleichzeitig scheint es so, als hätte Johann Gruber auch gar nicht
viel Zeit für die Probleme mit Vorgesetzten und Mitarbeitern übrig gehabt. Er hatte
bereits 1933 eine (für den Unterrichtsgebrauch gedachte) Geschichte Oberösterreichs
verfasst, gab im Jahr 1936 ein deutsches Meßbüchlein für Schüler der Unterstufe
heraus, um Kindern die Mitfeier der Hl. Messe zu erleichtern, und unterrichtete
weiterhin (mit großem Erfolg) an mehreren Linzer Schulen. Gleichzeitig unterrichtete er
aushilfsweise Stenographie, gab Nachhilfeunterricht, hielt Vorträge vor Eisenbahnern und
Gewerkschaftern und veranstaltete in den Sommerferien Bildungsreisen in den
Mittelmeerraum.
Johann Grubers streitbare Haltung war im Bischöflichen Ordinariat
inzwischen Legende. Studiert man die Quellen, erscheint der Karren
"Blindeninstitut" im letzten Zeitabschnitt vor 1938 in hohem Maße verfahren.
Über die Haltung Bischof Gföllners seinem Diözesanpriester gegenüber wissen wir nicht
allzuviel. Es scheint aber so, als wäre von Seiten des Bischofs eine nicht zu kleine
Portion Geduld gegenüber Gruber im Spiel gewesen. Allerdings deutet Gföllner in einem
Brief auch die Möglichkeit seiner Abberufung aus dem Blindeninstitut an.
Es gehört zur Tragik der Biographie des Dr. Johann Gruber sowie der
Diözesangeschichte, dass es dem nationalsozialistischen Regime vorbehalten blieb, das
Schicksal dieses unbequemen, schwierigen Reformerdirektors eines kirchlichen Instituts in
seine mörderische Hand zu nehmen.
Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich begann sich die
Schlinge um Johann Gruber unaufhaltsam zuzuziehen. Schon in der Frage der Anbringung von
Führerbildern im Schul- und Anstaltsgebäude exponierte sich der Direktor auf
gefährliche Weise. Auch seine Äußerungen über die Errungenschaft des sogenannten
"Anschlusses" waren eindeutig genug. Im Hintergrund aber waren Oberlehrer Josef
Baumgartner und sein Kollege Fachlehrer Scheib zusammen mit einem (schulexternen)
Blockleiter bereits darangegangen, "Fakten" für eine Anzeige gegen Gruber
zusammenzutragen. Schüler und Schülerinnen wurden über den Direktor "befragt"
und aufgerufen, gegen ihn auszusagen. Oberlehrer Baumgartner hatte einige Schüler und
Schülerinnen gefunden, die bereit waren, Belastendes gegen den Direktor auszusagen. Nun
erfolgte am 9. Mai 1938 die Anzeige bei der Gestapo.
Neben angeblichen "politischen" Äußerungen ("Die
Deutschen haben unser Nest beschmutzt", "Die jetztige Regierung müsse
sich mit Lügen forthelfen", "Scheiß Inquart" u.a.m.) bildete
der Vorwurf der unsittlichen Berührung von blinden Mädchen den Schwerpunkt der
angeblichen Vergehen. Am 10. Mai 1938 um 13 Uhr wurde Gruber in Polizeihaft genommen. Am
selben Tag wurde von den Anzeigern eine "Denkschrift" erstellt. Diese, eine Art
Zusammenfassung aller Vorwürfe, wurde dem Gauleiter persönlich übergeben. Eine Woche
später, am 17. Mai 1938, wurde Dr. Johann Gruber das erste Mal (bei der Gestapo)
verhört. Zwei Tage später (19. Mai) wurde gegen den "Tatverdächtigen" beim
Oberstaatsanwalt Anzeige erstattet und der Delinquent in das Landesgerichtsgefängnis
überstellt.
Am 27. Mai 1938 wurde gegen Gruber die gerichtliche Voruntersuchung
eingeleitet er befand sich nun also offiziell in Untersuchungshaft. Als Verteidiger
bestellte Gruber seinen Freund Dr. Ludwig Pramer aus Linz. Sofort wurden Beweisanträge
gestellt, um den gelenkten Aussagen der "präparierten Jugendlichen"
entgegenzuwirken. Diesen wurde allerdings nicht stattgegeben. Der Untersuchungsrichter lud
seinerseits zusätzliche Zeugen. Unter ihnen war die Erziehungsschwester des
Blindeninstitutes, Sr. Hyazintha, die eine Zeugenaussage äußerst belastender Aussagen
über Unsittlichkeiten des Direktors auch gegen sie unterschrieb. Später allerdings
widerrief sie diese ausdrücklich.
Am 2. August 1938 begann um 9.30 Uhr im Landgericht Linz die
Hauptverhandlung. Sie wurde um 17.00 Uhr vertagt und am nächsten Tag, 3. August 1938, um
9.30 Uhr fortgesetzt. Um 11.45 Uhr wurde das Urteil verkündet. Es lautete auf:
3 Jahre schwerer Kerker, verschärft durch 1 Fasttag vierteljährlich. Das
Beratungsprotokoll des Schöffengerichts umfaßt nur zwei Zeilen. Innerhalb der Frist
legten Gruber und sein Strafverteidiger Dr. Pramer Nichtigkeitsbeschwerde und
Berufung gegen das Strafausmaß ein.
Aufgrund der Mitschrift Dr. Grubers (er unterrichtete auch Stenografie)
beeinspruchte man das Protokoll der Hauptverhandlung und stellte einen Antrag auf "Richtigstellung
des Protokolls". Am 30. September 1938 entschied das Landgericht Linz, dem Antrag
auf Berichtigung des Protokolls zum Teil stattzugeben, allerdings in einem völlig
unbedeutenden Teil. Daher stellte Dr. Pramer an das Oberlandesgericht Wien einen Antrag
wegen Verweigerung einer Berichtigung des Hauptverhandlungsprotokolls. Diesen entschied
das Oberlandesgericht am 8. November 1938 negativ. Allerdings entschied die
Berufungsinstanz bereits am 12. Oktober 1938, der Nichtigkeitsbeschwerde stattzugeben,
weil den vom Strafverteidiger geforderten Beweisanträgen stattzugeben gewesen wäre. Nach
Verständigung des Staatsanwaltes ordnete dieser bei Gericht die Anberaumung einer
neuerlichen Hauptverhandlung an.
Inzwischen waren in Linzer Tageszeitungen und im
"Österreichischen Beobachter" hetzerische Artikel über den "Fall
Gruber" erschienen, in denen der einst angesehene Direktor der Blindenanstalt Dr.
Gruber genüßlich "Sittenstrolch" demontiert wurde. Am 16. Jänner 1939 begann
die zweite, vom Oberlandesgericht festgesetzte Hauptverhandlung. Sie dauerte diesmal statt
eineinhalb Tagen volle 5 Tage. Vergleicht man die Aussageinhalte der Zeugen zwischen dem
ersten und dem zweiten Prozeß, schrumpfen die belastenden Aussagen der Zeugen erheblich.
Das Gericht erkannte aber auch diesmal auf "schuldig" und verurteilte Gruber zu
2 Jahren schweren Kerkers.
Der Angeklagte Dr. Gruber und sein Verteidiger aber gaben nicht auf.
Immer wieder versuchte Dr. Gruber auf die von Baumgartner konstruierte und gelenkte
Zeugenschaft der Kinder hinzuweisen. Mehrfach beeinspruchte er mit Dr. Pramer das Urteil
bis hin zu einer Nichtigkeitsbeschwerde an das Reichsgericht in Leipzig. Am 6. Juni 1939
langte fernmündlich das Urteil einer Verhandlung des 6. Strafsenates des dortigen
Reichsgerichtes ein. Die Nichtigkeitsbeschwerde war verworfen worden.
Damit war der Weg Grubers in den Kerker unausweichlich. Er wurde noch
am selben Tag in die Strafanstalt Garsten überstellt. Dr. Johann Gruber war von seiner
Unschuld überzeugt und kämpfte weiter. Für kurze Zeit entzog er sogar seinem
Verteidiger Dr. Pramer die Vollmacht und intervenierte auf eigene Faust gegen das Urteil.
Wieder mit Dr. Pramer als Verteidiger konzentrierten sich die Bemühungen schließlich auf
den Antrag um Wiederaufnahme des Verfahrens. Alle Versuche endeten ergebnislos. Einzig dem
Antrag auf bedingte Haftentlassung wurde mit Verfügung vom 7. Februar 1940 stattgegeben.
Am 8. Februar 1940 überstellte man Dr. Gruber nach Linz zur Gestapo.
Was folgt, ist ein Schicksal, das viele Priester mit Gruber teilten.
Der aus der Haft Entlassene wurde, anstatt freigelassen zu werden, in Schutzhaft genommen
und am 4. April 1940 in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Am 16. August d. J.
wurde Gruber in das Konzentrationslager Mauthausen überstellt. Nach Pater Lenz kam er
dort etwa am 20. August 1940 in das Revier als Pfleger eine gehobene Stellung. Lenz
beschreibt Gruber so: Es ging ihm viel besser als uns; aber er hat auch viel für uns
getan, besonders durch heimliche Beschaffung von Medikamenten gegen Wasser, Durchfall,
Fieber, Husten ..., an seine Priesterkameraden. Er war mit uns aus Dachau gekommen
und verblieb nachher in Gusen.
Von 1942 bis 1944 war Gruber mit der Verwahrung und dem Abtransport von
archäologischen Funden aus dem Gebiet um das KZ Gusen beschäftigt. Diese Tätigkeit gab
ihm auch die Möglichkeit, mit Zivilisten einen illegalen Kontakt nach Linz und Wien
aufzubauen. Wie er seine Organisation aufbaute, läßt sich nur mehr lückenhaft
rekonstruieren. Jedenfalls gestattete ihm seine Funktion als Leiter des Museums eine
relativ große Bewegungsfreiheit. Es ist belegt, daß er sich mit seiner Schwester
Katharina in Linz getroffen hat. Er konnte auch den Pfarrer von Mauthausen aufsuchen, der
ihm nicht nur Hostien gab, sondern ihm auch einen höheren Geldbetrag borgte. Mit diesem
ersten Geld konnte er in der Kantine des Lagers Zigaretten kaufen, die später aus dem
Lager geschmuggelt und in Wien um ein Vielfaches verkauft werden konnten. Mit diesem Geld
war es möglich, zusätzliche Nahrungsmittel für seine Schützlinge zu organisieren. Bei
Christian Bernadec heißt es: Sein kleiner caritativer Handel entwickelte sich: - Ich
gebe dir eine Zigarette und du ... Sehr schnell wurde er zum Papa Gruber, ein
Papa Gruber, von allen geliebt und bewundert, denn er linderte das Leid jener,
die ihm von den Verantwortlichen der einzelnen Nationalitäten angegeben wurden, sowohl
Katholiken als auch Kommunisten.
Evelyn Le Chen schreibt, dass Dr. Gruber sogar eine Vereinbarung mit
manchen SS-Angehörigen hatte, die ihn bei seinen Unterstützungsaktionen nicht
ganz uneigennützig deckten. Grubers Bestreben war es, so viele Deportierte wie
möglich vor dem sicheren Tod im Steinbruch zu retten.
Die französischen Augenzeugenberichte vermuten übereinstimmend,
dass
Gruber in Wien einen Anwalt und einen Archäologen als Verbindungsmänner hatte, mit deren
Hilfe er Zigaretten, aber auch Nachrichten über das Lager in die Außenwelt schmuggelte.
Er wurde zwar oft gewarnt, doch letztlich war es vermutlich weniger der aufgezogene
"Schwarzmarkt", von dessen Existenz einzelne SS-Männer auch profitierten,
sondern sein sogenanntes "Weißbuch" über die tatsächlichen Vorkommnisse im
Lager, von dessen Existenz die Lagerleitung erfuhr und das ihm schließlich zum
Verhängnis wurde.
Anfang März 1944 erfuhr die Wiener Gestapo von dem illegalen
Informationsnetz Grubers. Auslösend war der Fund eines an den Linzer Bischof gerichteten
Briefes, der in die Hände der Gestapo geriet. Den Brief, der eine Schilderung der
Zustände im KZ enthielt, wollte Gruber, wie Johann Mittendorfer feststellen konnte, über
Herrn DDr. Franz Zauner dem Bischof überbringen lassen. Durch ein Mißgeschick blieb
diese Nachricht in der Straßenbahn liegen und geriet in die Hände der Gestapo.
Gruber wurde verhaftet und nackt in den Bunker gesperrt. Man gab ihm
noch einen Strick in die Zelle, in der Hoffnung, dass er sich erhängen würde. Der
polnische Häftling Ignaz Nowicki berichtet von den letzten Stunden Dr. Grubers: Der
Lagerkommandant Seidler kam persönlich und fragte einen SS-Mann: Wo sitzt der
Gruber? Seidler beschimpfte Gruber, wie Du Schwein, ostmärkischer
Mörder. Dazwischen hörte ich die Stimme Grubers: Sie könnten ohne weiteres
mein Sohn sein. Darauf entnahm ich, daß der Seidler auf den Gruber einschlug, und
zwar nehme ich an, daß er mit der Hand einschlug. Gruber schrie, brüllte, nun entnahm
Seidler der Ledertasche einen Revolver und schoß einmal. Ob er Gruber getroffen hat, kann
ich nicht angeben. Ich hörte nur einen Schuß. Darauf verließ Seidler die Zelle und das
Jourhaus. Als ich allein war, ging ich vorsichtig zu der Zelle Grubers und sah durch das
Guckloch hinein. Ich sah Gruber am Boden liegen, bestimmt lebte er noch. Ich sah das blutverschmierte
Gesicht, und weiters sah ich unter seinem Körper eine Blutlacke. Ein polnischer
Lagerarzt gab als Augenzeuge im Mai 1945 zu Protokoll, dass Dr. Gruber zuerst mit
Stacheldraht gegeißelt, dann mit 17 Bajonettstichen verwundet und so getreten wurde,
dass
ihm die Gedärme heraus quollen. Sein Leichnam wurde dann auf einen Baum gehängt. Das
Gusener Totenbuch führt ihn mit der Häftlingsnummer 43050 und gibt als Todesursache
"Freitod durch Erhängen" an. Todesdatum: (Karfreitag), 7. April 1944.
Überliefert sind seine letzten Worte vor dem Tod; blutverschmiert und
kraftlos sagte er: "Danke mein Gott!" und in Richtung seiner Peiniger:
"Der Krieg ist sowieso für euch verloren."
Nach Kriegsende meldeten sich mehrere Zeugen im Bischöflichen
Ordinariat Linz, um eine persönliche Erklärung über das Martyrium Grubers abzugeben.
Andere Mithäftlinge streben seit Jahren die Seligsprechung Johann Grubers an.
Im Jänner 1998 hob das Landesgericht Linz auf Antrag das Urteil gegen
Dr. Johann Gruber hinsichtlich seiner politischen Vergehen auf. Was die Verurteilung
hinsichtlich der Sittlichkeitsdelikte anlangt, wird eine Biografie, an der zur Zeit
gearbeitet wird, vielleicht neue Erkenntnisse bringen. Noch lebende Schüler Grubers und
andere Zeitzeugen sind der festen Ansicht, dass Gruber die Sittlichkeitsdelikte
unterschoben wurden. Bischof Maximilian Aichern hat nunmehr den Fall Gruber wieder
aufgegriffen, um zu überprüfen, ob eine Seligsprechung möglich wäre. Das Ergebnis
steht aus.
Helmut Wagner
Quellen und Literatur
DAL, Pers.-A/2, Sch. 213, Fasz. G/80 (Dr. Johann Gruber); DAL, CA/10,
Sch. 32, Fasz. L/38, Linz-Blindeninstitut; DAL, Pers.-A/2, Sch. 6, Fasz. B/71, (Kan.
Vinzenz Blasl); B.O., Pers-A. Gruber: Beschluß des Landesgerichtes Linz v. 29. 1. 1999;
Chronik der Kreuzschwestern im Blindeninstitut (Auszüge), Provinzarchiv der
Kreuzschwestern, Linz; OÖLA, Linzer Gerichte, Sch. 528 und Gerichtsakt Dr. Johann
Gruber (6 Vr 839/38).
W. J. BANDION, Johann Gruber. Mauthausen-Gusen 7. April 1944.
Wien 1995; H. MARSALEK, Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen.
Wien-Linz ³1995; Dokumentation zur zeitgeschichtlichen Exkursion von Lungitz über St.
Georgen und Gusen auf den Spuren der ehem. KL Gusen I,II & III (22. März 1997),
hg. vom Arbeitskreis für Denkmal-, Heimat-, und Geschichtspflege St. Georgen/G. und der
Volkshochschule der Arbeiterkammer, redigiert von Rudolf A. Haunschmid, 1997; C. BERNADEC,
Les Sorciers du ciel (chapitre 2, Le organisation Gruber). Paris 1969; E. LE CHEN, Mauthausen,
The history of a Death Champ. London 1971; J. MITTENDORFER, Oberösterreichische
Priester in Gefängnissen und Konzentrationslagern. In: Jb. des Bischöflichen
Gymnasiums Kollegium Petrinum 1976/77. Linz 1977, 45-46; B. M. KEMPNER, Priester
vor Hitlers Tribunalen. München 1966; J. M. LENZ, Christus in Dachau. St.
Gabriel bei Mödling 1961.
Mündliche Gespräche mit: Frau Maria Hois (Urgroßcousine Grubers),
Walding 16, Gunskirchen; Hofrat Johann Marckghott, Max Reger Straße 15, Linz; Franz
Prötsch, Winkl 16, Oberndorf b. Schwanenstadt; Franz Ruhmanseder, Engelhartszell 31.
(alle: ehemalige Schüler Dr. Grubers).
Dankenswerte Hinweise von Frau Martha Gammer, Sperlhang
4, St. Georgen a.d.Gusen; OStR Dr. Josef Grüblinger, Linz;
Frau Mary Huisman, Hormayrgasse 1/1/6, Wien.
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