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Johann Gruber (1889-1944)

Direktor der Blindenanstalt Linz

Johann Gruber wurde am 20. Oktober 1889 als ältestes von vier Kindern in der Pfarre Grieskirchen (Ortschaft Tegernbach) geboren. Sein Vater Andreas übte als Kleingewerbetreibender den Beruf eines Schusters aus. Mutter Maria war Hausfrau. Johann hatte drei jüngere Geschwister: Katharina, Josef und Barbara. Es wäre noch eine Schwester Maria gewesen; sie – eigentlich die Älteste - verstarb aber als Kleinkind wenige Wochen vor der Geburt Johanns. Im Jahr 1900 traf die Familie ein schwerer Schicksalsschlag. Innerhalb von nur fünf Monaten verloren die Kinder beide Elternteile. Wo Johanns jüngere Geschwister ein neues Zuhause fanden, wissen wir nicht. Johann kam zu seinem Vormund namens Josef Fischer in die Nachbarortschaft Moos. Im Jahr 1913 nahm der Pfarrer von Grieskirchen, Dechant Georg Wagnleithner, landesweit bekannter Historiker und Dichter, das Schicksal des Knaben in die Hand. Er ermöglichte dem inzwischen Dreizehnjährigen das Studium im Bischöflichen Knabenseminar Kollegium Petrinum in Linz. Dieser legte dort im Jahr 1910 die Matura mit Auszeichnung ab und trat im Herbst des Jahres in das Priesterseminar in Linz ein. Seine pädagogische Neigung führte den Studenten schon damals (neben dem Studium) als Präfekt in das Schülerheim Salesianum. Nach – wie damals üblich - drei Jahren Theologiestudium empfing der Alumne Johann Gruber am 27. Juli 1913 im Linzer Dom die Priesterweihe.

Ein Jahr später beendete Alumnatspriester Gruber seine theologischen Studien und trat seinen ersten Kooperatorenposten in Gaspoltshofen (ab 1914) an. Bis zum Jahr 1918 führte ihn dieser seelsorgliche Dienst in die Pfarre Alkoven (ab 1916). Als junger Priester war er geistlicher Berater des katholischen Arbeitervereins. Das Jahr 1918 bedeutete einen Einschnitt in Johann Grubers Leben. Er wechselte von der Pfarrseelsorge in den Schuldienst. Ab 2. Juli 1918 war er als Adjunkt bzw. Lehrer im Katholischen Waisenhaus Linz, Seilerstätte, tätig. Sein Dienstort war die Anstalts- und Schulfiliale ("Kolonie") in Hart-Leonding. Bischof Gföllner erkannte die intellektuelle und pädagogische Begabung des jungen Priesters und bestimmte ihn für ein Lehramtsstudium an der Universität Wien. So schlug Johann Gruber seinen Wohnsitz bei den Barmherzigen Schwestern in Wien (Millergasse, Wien 6) auf und begann seine Studien in den Fächern Geschichte und Geographie. Es ist davon auszugehen, dass das intellektuelle und aufgeklärte Klima der Universität und der Weltstadt Wien (in den "goldenen Zwanziger Jahren") den Horizont des jungen aufgeschlossenen Priesters aus Oberösterreich nachhaltig erweiterte.

Im Jahr 1923 promovierte Johann Gruber zum Doktor der Philosophie. Er kehrte nach Linz in das Katholische Waisenhaus zurück. Nach einer Übergangszeit wurde er vom provisorischen zum definitiven Fachlehrer ernannt. Ebenso war er als Lehrer an der bischöflichen Lehrerbildungsanstalt, am Gymnasium der Kreuzschwestern und anderen Privatschulen tätig. Zeitzeugen bestätigen noch heute die außergewöhnliche Unterrichtsgestaltung bei Prof. Gruber. Einhellig beschreiben ehemalige Schüler und Schülerinnen die Atmosphäre während seiner Unterrichtsstunden als so konzentriert, dass man jederzeit eine Stecknadel hätte fallen hören.

Als Hausdirektor stand dem hervorragenden jungen Lehrer der knapp sechzigjährige Kanonikus Vinzenz Blasl vor. Blasl leitete das Waisenhaus seit 1903 (als Nachfolger Dr. Leopold Kerns) – also bereits 20 Jahre und dachte daran, die Leitung einem Jüngeren zu übergeben. Bald wurde Dr. Johann Gruber auch zum provisorischen Direktor der Hauptschule des Waisenhauses ernannt. Diese Vorgangsweise deutet darauf hin, dass Gruber als Nachfolger Vinzenz Blasls vorgesehen gewesen sein dürfte.

Das Einverständnis zwischen Kanonikus Blasl und seinem Adjunkten aber nahm eine äußerst schlechte Entwicklung. Ein sogar beim Diözesangericht anhängiger Streit (1928), in dem eine junge Ordensschwester aus der im Waisenhaus tätigen Kongregation der Barmherzigen Schwestern eine zentrale Rolle spielte, war dabei der wohl schwerste Konfliktpunkt. Als sich die Definitivstellung Grubers zum Direktor der Anstaltshauptschule ungewöhnlich lange hinauszögerte (1932) und Gruber seinen Anstaltsdirektor der diesbezüglichen negativen Intervention beim Landesschulrat bezichtigte, dürfte eine weitere Zusammenarbeit unmöglich geworden sein. Das Bischöfliche Ordinariat scheint nun zu einer bereinigenden personellen Maßnahme gegriffen zu haben. Jedenfalls verließen beide Kontrahenten im Jahr 1934 das Waisenhaus.

Dr. Johann Gruber wurde am 1. November 1934 Direktor der Blindenanstalt in Linz. Er löste dort Reg.Rat Msgr. Anton Pleninger ab, der die Anstalt durch 30 Jahre geleitet hatte. Nun selbst mit der Kompetenz eines Anstaltsdirektors ausgestattet, schritt Gruber energisch an die Reform seiner neuen Wirkungsstätte. Die Blinden-Lehranstalt und Blinden-Versorgungsanstalt, bisher in zwei getrennten Stadtteilen untergebracht, wurden in der Versorgungsanstalt in der Volksgartenstraße zusammengezogen. Um dort für die Werkstätten Platz zu schaffen, wurde das Gebäude durch den Zubau eines Stockwerkes erweitert. Die finanziellen Mittel dazu kamen vom Verkauf der Blinden-Lehranstalt in der Blumauerstraße. Zusätzlich wurde im Parterre der neuen Großanstalt ein Verkaufsgeschäft eingerichtet, in dem die von den Blinden erzeugten Korb- und Flechtwaren verkauft wurden. Auch sollte die Verpflegung verbessert werden. Aber nicht nur organisatorische Änderungen, auch pädagogische Neuerungen standen ins Haus. Der Buben- und der Mädchentrakt, bisher durch eine stets abgesperrte Tür getrennt, waren von nun an offen zugänglich zu halten.

Hatten schon die Übersiedlung, die vielen Renovierungs- und Adaptierungsarbeiten gegen den Willen der im Haus tätigen Kreuzschwestern stattgefunden, so löste die pädagogische Einstellung Grubers bei den Schwestern eine schwere Verstörung aus. Gruber wich nicht von seiner Linie ab und scheute auch nicht vor einer offenen Kritik der Schwestern hinsichtlich Organisationsgeschick, Küchenführung, Sparsamkeit usw. zurück. Die Ordensoberin beschwerte sich beim Bischof über Grubers Verhalten den Schwestern gegenüber. Auf Anordnung des Ordinarius musste nun von den Beteiligten eine neue Hausordnung erstellt und dann dem Bischof vorgelegt werden. Aber auch mit den Lehrern der Anstaltsschule stand Gruber, der dort selbst Religion unterrichtete, bald in Konflikt. Vor allem mit Oberlehrer Josef Baumgartner (seit 1913 an der Anstalt) entstanden Reibungspunkte.

Gleichzeitig scheint es so, als hätte Johann Gruber auch gar nicht viel Zeit für die Probleme mit Vorgesetzten und Mitarbeitern übrig gehabt. Er hatte bereits 1933 eine (für den Unterrichtsgebrauch gedachte) Geschichte Oberösterreichs verfasst, gab im Jahr 1936 ein deutsches Meßbüchlein für Schüler der Unterstufe heraus, um Kindern die Mitfeier der Hl. Messe zu erleichtern, und unterrichtete weiterhin (mit großem Erfolg) an mehreren Linzer Schulen. Gleichzeitig unterrichtete er aushilfsweise Stenographie, gab Nachhilfeunterricht, hielt Vorträge vor Eisenbahnern und Gewerkschaftern und veranstaltete in den Sommerferien Bildungsreisen in den Mittelmeerraum.

Johann Grubers streitbare Haltung war im Bischöflichen Ordinariat inzwischen Legende. Studiert man die Quellen, erscheint der Karren "Blindeninstitut" im letzten Zeitabschnitt vor 1938 in hohem Maße verfahren. Über die Haltung Bischof Gföllners seinem Diözesanpriester gegenüber wissen wir nicht allzuviel. Es scheint aber so, als wäre von Seiten des Bischofs eine nicht zu kleine Portion Geduld gegenüber Gruber im Spiel gewesen. Allerdings deutet Gföllner in einem Brief auch die Möglichkeit seiner Abberufung aus dem Blindeninstitut an.

Es gehört zur Tragik der Biographie des Dr. Johann Gruber sowie der Diözesangeschichte, dass es dem nationalsozialistischen Regime vorbehalten blieb, das Schicksal dieses unbequemen, schwierigen Reformerdirektors eines kirchlichen Instituts in seine mörderische Hand zu nehmen.

Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich begann sich die Schlinge um Johann Gruber unaufhaltsam zuzuziehen. Schon in der Frage der Anbringung von Führerbildern im Schul- und Anstaltsgebäude exponierte sich der Direktor auf gefährliche Weise. Auch seine Äußerungen über die Errungenschaft des sogenannten "Anschlusses" waren eindeutig genug. Im Hintergrund aber waren Oberlehrer Josef Baumgartner und sein Kollege Fachlehrer Scheib zusammen mit einem (schulexternen) Blockleiter bereits darangegangen, "Fakten" für eine Anzeige gegen Gruber zusammenzutragen. Schüler und Schülerinnen wurden über den Direktor "befragt" und aufgerufen, gegen ihn auszusagen. Oberlehrer Baumgartner hatte einige Schüler und Schülerinnen gefunden, die bereit waren, Belastendes gegen den Direktor auszusagen. Nun erfolgte – am 9. Mai 1938 – die Anzeige bei der Gestapo.

Neben angeblichen "politischen" Äußerungen ("Die Deutschen haben unser Nest beschmutzt", "Die jetztige Regierung müsse sich mit Lügen forthelfen", "Scheiß Inquart" u.a.m.) bildete der Vorwurf der unsittlichen Berührung von blinden Mädchen den Schwerpunkt der angeblichen Vergehen. Am 10. Mai 1938 um 13 Uhr wurde Gruber in Polizeihaft genommen. Am selben Tag wurde von den Anzeigern eine "Denkschrift" erstellt. Diese, eine Art Zusammenfassung aller Vorwürfe, wurde dem Gauleiter persönlich übergeben. Eine Woche später, am 17. Mai 1938, wurde Dr. Johann Gruber das erste Mal (bei der Gestapo) verhört. Zwei Tage später (19. Mai) wurde gegen den "Tatverdächtigen" beim Oberstaatsanwalt Anzeige erstattet und der Delinquent in das Landesgerichtsgefängnis überstellt.

Am 27. Mai 1938 wurde gegen Gruber die gerichtliche Voruntersuchung eingeleitet – er befand sich nun also offiziell in Untersuchungshaft. Als Verteidiger bestellte Gruber seinen Freund Dr. Ludwig Pramer aus Linz. Sofort wurden Beweisanträge gestellt, um den gelenkten Aussagen der "präparierten Jugendlichen" entgegenzuwirken. Diesen wurde allerdings nicht stattgegeben. Der Untersuchungsrichter lud seinerseits zusätzliche Zeugen. Unter ihnen war die Erziehungsschwester des Blindeninstitutes, Sr. Hyazintha, die eine Zeugenaussage äußerst belastender Aussagen über Unsittlichkeiten des Direktors auch gegen sie unterschrieb. Später allerdings widerrief sie diese ausdrücklich.

Am 2. August 1938 begann um 9.30 Uhr im Landgericht Linz die Hauptverhandlung. Sie wurde um 17.00 Uhr vertagt und am nächsten Tag, 3. August 1938, um 9.30 Uhr fortgesetzt. Um 11.45 Uhr wurde das Urteil verkündet. Es lautete auf: 3 Jahre schwerer Kerker, verschärft durch 1 Fasttag vierteljährlich. Das Beratungsprotokoll des Schöffengerichts umfaßt nur zwei Zeilen. Innerhalb der Frist legten Gruber und sein Strafverteidiger Dr. Pramer Nichtigkeitsbeschwerde und Berufung gegen das Strafausmaß ein.

Aufgrund der Mitschrift Dr. Grubers (er unterrichtete auch Stenografie) beeinspruchte man das Protokoll der Hauptverhandlung und stellte einen Antrag auf "Richtigstellung des Protokolls". Am 30. September 1938 entschied das Landgericht Linz, dem Antrag auf Berichtigung des Protokolls zum Teil stattzugeben, allerdings in einem völlig unbedeutenden Teil. Daher stellte Dr. Pramer an das Oberlandesgericht Wien einen Antrag wegen Verweigerung einer Berichtigung des Hauptverhandlungsprotokolls. Diesen entschied das Oberlandesgericht am 8. November 1938 negativ. Allerdings entschied die Berufungsinstanz bereits am 12. Oktober 1938, der Nichtigkeitsbeschwerde stattzugeben, weil den vom Strafverteidiger geforderten Beweisanträgen stattzugeben gewesen wäre. Nach Verständigung des Staatsanwaltes ordnete dieser bei Gericht die Anberaumung einer neuerlichen Hauptverhandlung an.

Inzwischen waren in Linzer Tageszeitungen und im "Österreichischen Beobachter" hetzerische Artikel über den "Fall Gruber" erschienen, in denen der einst angesehene Direktor der Blindenanstalt Dr. Gruber genüßlich "Sittenstrolch" demontiert wurde. Am 16. Jänner 1939 begann die zweite, vom Oberlandesgericht festgesetzte Hauptverhandlung. Sie dauerte diesmal statt eineinhalb Tagen volle 5 Tage. Vergleicht man die Aussageinhalte der Zeugen zwischen dem ersten und dem zweiten Prozeß, schrumpfen die belastenden Aussagen der Zeugen erheblich. Das Gericht erkannte aber auch diesmal auf "schuldig" und verurteilte Gruber zu 2 Jahren schweren Kerkers.

Der Angeklagte Dr. Gruber und sein Verteidiger aber gaben nicht auf. Immer wieder versuchte Dr. Gruber auf die von Baumgartner konstruierte und gelenkte Zeugenschaft der Kinder hinzuweisen. Mehrfach beeinspruchte er mit Dr. Pramer das Urteil bis hin zu einer Nichtigkeitsbeschwerde an das Reichsgericht in Leipzig. Am 6. Juni 1939 langte fernmündlich das Urteil einer Verhandlung des 6. Strafsenates des dortigen Reichsgerichtes ein. Die Nichtigkeitsbeschwerde war verworfen worden.

Damit war der Weg Grubers in den Kerker unausweichlich. Er wurde noch am selben Tag in die Strafanstalt Garsten überstellt. Dr. Johann Gruber war von seiner Unschuld überzeugt und kämpfte weiter. Für kurze Zeit entzog er sogar seinem Verteidiger Dr. Pramer die Vollmacht und intervenierte auf eigene Faust gegen das Urteil. Wieder mit Dr. Pramer als Verteidiger konzentrierten sich die Bemühungen schließlich auf den Antrag um Wiederaufnahme des Verfahrens. Alle Versuche endeten ergebnislos. Einzig dem Antrag auf bedingte Haftentlassung wurde mit Verfügung vom 7. Februar 1940 stattgegeben. Am 8. Februar 1940 überstellte man Dr. Gruber nach Linz zur Gestapo.

Was folgt, ist ein Schicksal, das viele Priester mit Gruber teilten. Der aus der Haft Entlassene wurde, anstatt freigelassen zu werden, in Schutzhaft genommen und am 4. April 1940 in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Am 16. August d. J. wurde Gruber in das Konzentrationslager Mauthausen überstellt. Nach Pater Lenz kam er dort etwa am 20. August 1940 in das Revier als Pfleger – eine gehobene Stellung. Lenz beschreibt Gruber so: Es ging ihm viel besser als uns; aber er hat auch viel für uns getan, besonders durch heimliche Beschaffung von Medikamenten gegen Wasser, Durchfall, Fieber, Husten ..., an seine Priesterkameraden. Er war mit uns aus Dachau gekommen und verblieb nachher in Gusen.

Von 1942 bis 1944 war Gruber mit der Verwahrung und dem Abtransport von archäologischen Funden aus dem Gebiet um das KZ Gusen beschäftigt. Diese Tätigkeit gab ihm auch die Möglichkeit, mit Zivilisten einen illegalen Kontakt nach Linz und Wien aufzubauen. Wie er seine Organisation aufbaute, läßt sich nur mehr lückenhaft rekonstruieren. Jedenfalls gestattete ihm seine Funktion als Leiter des Museums eine relativ große Bewegungsfreiheit. Es ist belegt, daß er sich mit seiner Schwester Katharina in Linz getroffen hat. Er konnte auch den Pfarrer von Mauthausen aufsuchen, der ihm nicht nur Hostien gab, sondern ihm auch einen höheren Geldbetrag borgte. Mit diesem ersten Geld konnte er in der Kantine des Lagers Zigaretten kaufen, die später aus dem Lager geschmuggelt und in Wien um ein Vielfaches verkauft werden konnten. Mit diesem Geld war es möglich, zusätzliche Nahrungsmittel für seine Schützlinge zu organisieren. Bei Christian Bernadec heißt es: Sein kleiner caritativer Handel entwickelte sich: - Ich gebe dir eine Zigarette und du ... Sehr schnell wurde er zum ‘Papa Gruber’, ein ‘Papa’ Gruber, von allen geliebt und bewundert, denn er linderte das Leid jener, die ihm von den Verantwortlichen der einzelnen Nationalitäten angegeben wurden, sowohl Katholiken als auch Kommunisten.

Evelyn Le Chen schreibt, dass Dr. Gruber sogar eine Vereinbarung mit manchen SS-Angehörigen hatte, die ihn bei seinen Unterstützungsaktionen – nicht ganz uneigennützig – deckten. Grubers Bestreben war es, so viele Deportierte wie möglich vor dem sicheren Tod im Steinbruch zu retten.

Die französischen Augenzeugenberichte vermuten übereinstimmend, dass Gruber in Wien einen Anwalt und einen Archäologen als Verbindungsmänner hatte, mit deren Hilfe er Zigaretten, aber auch Nachrichten über das Lager in die Außenwelt schmuggelte. Er wurde zwar oft gewarnt, doch letztlich war es vermutlich weniger der aufgezogene "Schwarzmarkt", von dessen Existenz einzelne SS-Männer auch profitierten, sondern sein sogenanntes "Weißbuch" über die tatsächlichen Vorkommnisse im Lager, von dessen Existenz die Lagerleitung erfuhr und das ihm schließlich zum Verhängnis wurde.

Anfang März 1944 erfuhr die Wiener Gestapo von dem illegalen Informationsnetz Grubers. Auslösend war der Fund eines an den Linzer Bischof gerichteten Briefes, der in die Hände der Gestapo geriet. Den Brief, der eine Schilderung der Zustände im KZ enthielt, wollte Gruber, wie Johann Mittendorfer feststellen konnte, über Herrn DDr. Franz Zauner dem Bischof überbringen lassen. Durch ein Mißgeschick blieb diese Nachricht in der Straßenbahn liegen und geriet in die Hände der Gestapo.

Gruber wurde verhaftet und nackt in den Bunker gesperrt. Man gab ihm noch einen Strick in die Zelle, in der Hoffnung, dass er sich erhängen würde. Der polnische Häftling Ignaz Nowicki berichtet von den letzten Stunden Dr. Grubers: Der Lagerkommandant Seidler kam persönlich und fragte einen SS-Mann: ‘Wo sitzt der Gruber?’ Seidler beschimpfte Gruber, wie ‘Du Schwein, ostmärkischer Mörder.’ Dazwischen hörte ich die Stimme Grubers: ‘Sie könnten ohne weiteres mein Sohn sein.’ Darauf entnahm ich, daß der Seidler auf den Gruber einschlug, und zwar nehme ich an, daß er mit der Hand einschlug. Gruber schrie, brüllte, nun entnahm Seidler der Ledertasche einen Revolver und schoß einmal. Ob er Gruber getroffen hat, kann ich nicht angeben. Ich hörte nur einen Schuß. Darauf verließ Seidler die Zelle und das Jourhaus. Als ich allein war, ging ich vorsichtig zu der Zelle Grubers und sah durch das Guckloch hinein. Ich sah Gruber am Boden liegen, bestimmt lebte er noch. Ich sah das blutverschmierte Gesicht, und weiters sah ich unter seinem Körper eine Blutlacke. Ein polnischer Lagerarzt gab als Augenzeuge im Mai 1945 zu Protokoll, dass Dr. Gruber zuerst mit Stacheldraht gegeißelt, dann mit 17 Bajonettstichen verwundet und so getreten wurde, dass ihm die Gedärme heraus quollen. Sein Leichnam wurde dann auf einen Baum gehängt. Das Gusener Totenbuch führt ihn mit der Häftlingsnummer 43050 und gibt als Todesursache "Freitod durch Erhängen" an. Todesdatum: (Karfreitag), 7. April 1944.

Überliefert sind seine letzten Worte vor dem Tod; blutverschmiert und kraftlos sagte er: "Danke mein Gott!" und in Richtung seiner Peiniger: "Der Krieg ist sowieso für euch verloren."

Nach Kriegsende meldeten sich mehrere Zeugen im Bischöflichen Ordinariat Linz, um eine persönliche Erklärung über das Martyrium Grubers abzugeben. Andere Mithäftlinge streben seit Jahren die Seligsprechung Johann Grubers an.

Im Jänner 1998 hob das Landesgericht Linz auf Antrag das Urteil gegen Dr. Johann Gruber hinsichtlich seiner politischen Vergehen auf. Was die Verurteilung hinsichtlich der Sittlichkeitsdelikte anlangt, wird eine Biografie, an der zur Zeit gearbeitet wird, vielleicht neue Erkenntnisse bringen. Noch lebende Schüler Grubers und andere Zeitzeugen sind der festen Ansicht, dass Gruber die Sittlichkeitsdelikte unterschoben wurden. Bischof Maximilian Aichern hat nunmehr den Fall Gruber wieder aufgegriffen, um zu überprüfen, ob eine Seligsprechung möglich wäre. Das Ergebnis steht aus.

Helmut Wagner

Quellen und Literatur

DAL, Pers.-A/2, Sch. 213, Fasz. G/80 (Dr. Johann Gruber); DAL, CA/10, Sch. 32, Fasz. L/38, Linz-Blindeninstitut; DAL, Pers.-A/2, Sch. 6, Fasz. B/71, (Kan. Vinzenz Blasl); B.O., Pers-A. Gruber: Beschluß des Landesgerichtes Linz v. 29. 1. 1999; Chronik der Kreuzschwestern im Blindeninstitut (Auszüge), Provinzarchiv der Kreuzschwestern, Linz; OÖLA, Linzer Gerichte, Sch. 528 und Gerichtsakt Dr. Johann Gruber (6 Vr 839/38).

W. J. BANDION, Johann Gruber. Mauthausen-Gusen 7. April 1944. Wien 1995; H. MARSALEK, Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen. Wien-Linz ³1995; Dokumentation zur zeitgeschichtlichen Exkursion von Lungitz über St. Georgen und Gusen auf den Spuren der ehem. KL Gusen I,II & III (22. März 1997), hg. vom Arbeitskreis für Denkmal-, Heimat-, und Geschichtspflege St. Georgen/G. und der Volkshochschule der Arbeiterkammer, redigiert von Rudolf A. Haunschmid, 1997; C. BERNADEC, Les Sorciers du ciel (chapitre 2, Le organisation Gruber). Paris 1969; E. LE CHEN, Mauthausen, The history of a Death Champ. London 1971; J. MITTENDORFER, Oberösterreichische Priester in Gefängnissen und Konzentrationslagern. In: Jb. des Bischöflichen Gymnasiums Kollegium Petrinum 1976/77. Linz 1977, 45-46; B. M. KEMPNER, Priester vor Hitlers Tribunalen. München 1966; J. M. LENZ, Christus in Dachau. St. Gabriel bei Mödling 1961.

Mündliche Gespräche mit: Frau Maria Hois (Urgroßcousine Grubers), Walding 16, Gunskirchen; Hofrat Johann Marckghott, Max Reger Straße 15, Linz; Franz Prötsch, Winkl 16, Oberndorf b. Schwanenstadt; Franz Ruhmanseder, Engelhartszell 31. (alle: ehemalige Schüler Dr. Grubers).

Dankenswerte Hinweise von Frau Martha Gammer, Sperlhang 4, St. Georgen a.d.Gusen; OStR Dr. Josef Grüblinger, Linz; Frau Mary Huisman, Hormayrgasse 1/1/6, Wien.

 
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