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Ein Krankenhaus besuch eines Mann bei einem Bettlägigen

Seelsorge - Da sein. Zuhören. Stärken.

Y4/2026

 

Kann durchaus sein, dass man bei ‚Seelsorger‘ zuerst einen Priester im Kopf hat. Doch Seelsorge ist nicht Priestern vorbehalten. Ist gar jede und jeder dazu berufen? Oder wer darf sich ‚Seelsorgerin‘ und ‚Seelsorger‘ nennen?


Wenn Bruno Almer, Leiter des Bereichs Seelsorge in der Diözese Graz-Seckau, angehenden pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern den Kern von ‚Seelsorge‘ näherbringen will, er- zählt er ihnen die Geschichte von den Emmausjüngern. Niedergeschlagen und enttäuscht haben die zwei Jünger nach der Kreuzigung Jesu Jerusalem in Richtung des kleinen Örtchens Emmaus verlassen. Auf ihrem Weg treffen sie einen Mann, der drei Dinge tut: Er geht mit ihnen. Er fragt, was sie bedrückt, und hört zu. Er stärkt sie, indem er seine persönliche Perspektive dazulegt und ihnen damit ‚den Sinn der Schrift‘ näherbringt.

 

Dass es Jesus ist, der mit ihnen gegangen ist und dann das Brot gebrochen hat, erkennen sie erst später. „Die Emmauserzählung bringt sehr gut zum Ausdruck, was Seelsorge im Sinne Jesu meint“, sagt Bruno Almer. „Präsenz und Zuhören und das Dazulegen dessen, was man selbst an Lebens- und Glaubenserfahrungen mitbringt.“

 

Kann also jeder und jede Seelsorger sein? Eine Antwort fällt nicht ganz eindeutig aus. „Es wurde und wird in unserer Diözese immer wieder diskutiert wer sich offiziell ‚Seelsorger‘ nennen darf. Dabei merken wir, dass sich der Seelsorgebegriff inner- und außerkirchlich weiterentwickelt hat“, sagt Bruno Almer.

 

Know-how sinnvoll
Unbestritten ist, dass es neben dem Priester auch andere beauftragte Menschen gibt die Seelsorge betreiben können. Pastoralassistentinnen oder Krankenhausseelsorger zum Beispiel. Die Frage ist: Dürfen sich nur fundiert theologisch ausgebildete, hauptamtliche Mitarbeiter Seelsorger nennen? Wie viel seelsorgliche Ausbildung braucht es?


Tatsache ist: In vielen Diözesen arbeiten Ehrenamtliche als Seelsorger, oft mit einer Basisausbildung, zum Beispiel in der Krankenhausseelsorge. Bruno Almer zitiert die Deutsche Bischofskonferenz: Dort heißt es: ‚In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche.‘ Sie ist also nicht nur Aufgabe der Priester oder von Hauptamtlichen, sondern aller Getauften. Ein gewisses Know-how sei genauso sinnvoll wie ein fundiertes Verständnis von der Rolle als Seelsorgerin oder Seelsorger. Aber selbst freundschaftliche Gespräche könnten seelsorglichen Charakter haben, sagt Almer. Die Grenzen verschwimmen.

 

Im großen Feld der kirchlichen Seelsorge unterscheidet man traditionell zwischen territorial und kategorial. Die klassische Pfarrseelsorge ist ‚territorial‘ organisiert, Seelsorge für Menschen in spezifischen Lebenssituationen ‚kategorial‘. Letztere kann im Krankenhaus oder im Gefängnis, beim Militär oder an den Universitäten angeboten werden. Auch punktuelle Seelsorgeangebote fallen darunter, etwa die Festivalseelsorge.

 

Lebensübergänge und Krisen als Chancen für Seelsorge
Ob territorial oder kategorial: Es gibt da wie dort bestimmte Facetten der sogenannten ‚Komm-her-Kirche‘, also Angebote, bei denen die Menschen in die Kirche eingeladen werden und teilnehmen. Gleichzeitig gibt es überall auch Initiativen, wo Kirche in die Lebenswelt der Menschen hineingeht, dorthin, wo sie ihren Alltag leben und dort schaut, was sich ergibt.“ Die Festivalseelsorge sei ein typisches Beispiel für Letzteres. Beim Donauinselfest oder auf dem Volksfest in Wels: Ehren- und hauptamtliche Seelsorgerinnen und Seelsorger erhalten eine Schulung und stehen für Gespräche zur Verfügung dort, wo Menschen ausgelassen feiern.

 

„Aufgrund von Umfragen und Statistiken wissen wir, dass bestimmte Anlässe wie Lebensübergänge eine besonders gute Möglichkeit für Seelsorge bieten“, sagt Bruno Almer. Von der Geburt eines Kindes über den Verlust eines geliebten Menschen bis hin zu Katastrophen: In Ausnahmesituationen sind Men- schen dankbar für Begleitung. „Beim Amoklauf in der Schule in Graz haben uns öffentliche und politische Einrichtungen rück- gemeldet, dass die Kirche als wichtige Ressource wahrgenommen wurde.“

 

Seelsorge und Sakrament
Eine Frage, die immer wieder diskutiert wird: Wie viel Sakrament braucht es für Seelsorge? Tatsächlich nimmt die Sakramenten- pastoral, wie die Vorbereitung auf Erstkommunion oder Firmung, eine wichtige Rolle im Leben der Kirche ein. Seelsorge erschöpft sich aber nicht in der Vorbereitung auf und die Spen- dung von Sakramenten.

 

So manche Diskussion gibt es bei der Krankensalbung. Deren Spendung ist dem Priester vorbehalten, lautet die weltkirchliche Regelung. Sinnvoll oder nicht? „Ich höre immer wieder von Krankenhausseelsorgerinnen und -seelsorgern, dass sie Kranke über einen längeren Zeitraum begleiten. Wenn sie dann extra für die Krankensalbung den Priester kommen lassen müssen, erleben die Kranken das oft als nicht stimmig.“ Hier werde eine Diskrepanz deutlich: Sakramentenpastoral steht idealerweise eingebettet in ein Beziehungs- und Begleitungsnetz. Was die Krankensalbung betrifft, hofft Bruno Almer darauf, dass die Regelungen überdacht werden. Er verweist aber darauf, dass es in der Begleitung von Kranken neben der Krankensalbung auch andere seelsorgliche Möglichkeiten gibt. Den ‚Sterbesegen‘ beispielsweise. Oder andere ritualisierte Gebetsformen, die ohne Weiteres von Laien durchgeführt werden können.

 

Unterschied Männer und Frauen?
Nehmen Männer seelsorgliche Angebote weniger oder anders wahr als Frauen? Das Klischee zumindest deutet das an. „Ich nehme bei mir und meinen männlichen Freunden und Kollegen wahr, dass wir erst später darauf zurückgreifen. Ganz lange tragen wir die Dinge, die uns beschäftigen, selber mit uns herum.“ Wichtig sei, bei kirchlichen Angeboten darauf zu achten, dass sowohl Männer als auch Frauen zur Verfügung stehen. „So hat man die Möglichkeit, sich für eine Frau oder für einen Mann zu entscheiden, je nachdem, was für einen besser passt.“

 

So sehr Seelsorge für Menschen in schwierigen Lebenssituationen eine hilfreiche Unterstützung sein kann: Sie hat Grenzen. In den Schulungen für angehende Seelsorgerinnen und Seelsorger seien diese auch immer wieder Thema, betont Bruno Almer.

 

„Seelsorge hat nicht das Ziel, eine psychische Krankheit zu heilen. Es geht ums Dasein und Zuhören und Stärken.“ Erfahrene und qualifizierte Seelsorger erkennen, wann sie die ihnen Anvertrauten an andere Stellen verweisen sollten, an Ärztinnen und Ärzte oder Therapeutinnen und Therapeuten. Wobei sich Seelsorge und Psychotherapie auch nicht ausschließen. Es sind eben zwei verschiedene Ansätze, die einander ergänzen können.

 

Zwischen Musik und Sinnsuche
Als Seelsorger am Donauinselfest? Klingt erst mal ungewöhnlich, Festivalseelsorge ist aber mittlerweile ein etabliertes Angebot von Katholischer und Evangelischer Jugend in Zusammenarbeit mit der Initiative „DENK DICH NEU“. Ob auf dem ‚Woodstock der Blasmusik‘, dem ‚Nova Rock‘ oder eben am Donauinselfest: Seelsorger sind dort unterwegs, wo Menschen feiern und stehen mit einem offenen Ohr zur Verfügung.

 

Florian Bischel ist einer von ihnen. Im vergangenen Sommer war er das dritte Mal im Seelsorgeteam auf der Donauinsel dabei. „Die Idee dahinter ist es, als Kirche sehr niederschwellig mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Ohne dass die sich erst einen Termin ausmachen müssen.“ Von kürzeren, netten Gesprächen bis zu tiefgründigem Austausch über Einsamkeit, Beziehung oder die sexuelle Orientierung komme in den Begegnungen alles Mögliche zur Sprache. Die Reaktionen der Leute seien durchwegs positiv. „Dass wir als Kirche raus zu den Menschen gehen, kommt sehr gut an. Wir haben keine einzige negative Rückmeldung erhalten.“ Manchmal seien auch der persönliche Glaube oder die eigenen Erfahrungen mit der Kirche Thema. Für Florian ist die Festivalseelsorge eine gute Möglichkeit bei den Menschen zu sein, ohne dabei an den Kirchenraum gebunden zu sein. Denn Liebeskummer, Trauer oder die Frage nach dem Sinn im Leben bringen Menschen oft auch aufs Festivalgelände mit.

 

Mehr als ein Besuch

Wenn Christian Wachter mit der Krankenkommunion zu einem Pfarrmitglied unterwegs ist, nimmt er sich viel Zeit. So ein Be-such am Sonntagmorgen, die Hostie in einem goldenen Behältnis dabei, kann schon zwei Stunden dauern. „Ich bereite im Vor- hinein einen kleinen Wortgottesdienst vor und die Leute haben oft schon eine Kerze und ein Kreuz hergerichtet. Wir lesen das Evangelium vom Sonntag und das, was der Papst über das Evangelium gesagt hat. Und dann reden wir darüber.“

 

Der Austausch mit den Kranken und ihren Angehörigen bedeutet Christian viel. Es gehe in den Gesprächen oft in die Tiefe, besonders wenn diese wüssten, dass sie bald sterben würden. Weil er nach dem Tod seiner Eltern selbst erlebt hat, wie viel Kraft der Glaube geben kann, fällt es ihm nicht schwer, darüber zu sprechen. Was Christian sehr bewegt, ist die Dankbarkeit, die ihm entgegengebracht wird. „Man sieht die Freude in den Augen der Menschen, vor allem wenn man sich Zeit nimmt und nicht nach fünf Minuten wieder geht.“

 

In einer diözesanen Schulung hat Christian alles Nötige gelernt, bevor er vor einigen Jahren ins Team der Krankenkommunionspender der Pfarre aufgenommen wurde. Nach dem Gebet sitzt Christian mit seinen Gastgebern zusammen und trinkt einen Kaffee. „Wenn die Leute sagen: Schön, dass du da warst, weiß ich, das war eine runde Sache.“


Ein offenes Ohr am Krankenbett
Als Krankenhausseelsorger trifft Michael Plangger auf Menschen in Ausnahmesituationen. Oft wurden diese unerwartet, zum Beispiel von einer Krebsdiagnose, aus dem Alltag heraus- gerissen. Und selbst wenn es nicht um Leib und Leben geht: „Im Krankenhaus tun sich häufig Fragen auf, die sonst nicht aufkommen, weil man keine Zeit hat.“ Wo stehe ich? Setze ich im Leben auf die richtigen Prioritäten? Wie schaut’s mit meinem Glaubensleben aus? Michael ist da und hört zu. „Wenn der Impuls von den Patienten kommt, beten wir. Manchmal frage ich auch am Ende des Gesprächs, ob es ihnen recht ist, wenn ich ein Segensgebet spreche.“

 

Als Krankenhausseelsorger fragt Michael nicht nach der Konfession der Patienten. „Wir sind für alle da. Wobei ich in einem Krankenhaus im Westen Tirols arbeite. Dort sind noch sehr viele Menschen katholisch sozialisiert.“ In der Regel wird Michael von den Patienten, die mit einem Seelsorger sprechen möchten, gerufen. Oder aber jemand vom Krankenhauspersonal lässt ihn holen, wenn Patienten oder ihre Angehörigen in einer Krisensituation Unterstützung brauchen. Das Seelsorgeangebot im Krankenhaus nehmen sowohl Männer als auch Frauen in Anspruch. „Männer öffnen sich entgegen dem Klischee auch sehr fürs Gespräch. Im Krankenhaus sind sie sehr befreit von Alltagskonventionen.“

 

Die richtige Balance zwischen Empathie und professioneller Distanz zu finden, sei nicht immer einfach. „Distanz ist notwendig, um begleiten zu können, das richtige Maß an Mitfühlen braucht es aber auch.“ Regelmäßige Supervision helfe ihm im Joballtag und eine geerdete Spiritualität die auch Zweifel aus- halten lässt. Vor allem bei besonders belastenden Situationen: „Als Familienvater bringt es mich manchmal aus dem Gleichgewicht, wenn ein Kind sterbenskrank ist.“

 

Autorin: Sandra Lobnig

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