
Das Patriachat ist am Ende
„Das Patriarchat ist zu Ende“ – mit dieser radikalen These ließen 1996, vor nunmehr 30 Jahren, Feministinnen des Mailänder Frauenbuchladens (Libreria delle donne di Milano) aufhorchen. Die Provokation saß. Nicht nur Frauenrechtlerinnen äußerten sich kritisch und irritiert.
Dabei ging es den Autorinnen nicht darum, die damals – und bis heute – nicht beseitigten Formen weiblicher Ungleichbehandlung, Benachteiligung und Ausbeutung zu leugnen. Sie wollten den Blick auf Brüche in der patriarchalen Ordnung lenken, auf neue Formen weiblicher Selbstermächtigung und auch auf – manchmal überraschende – Spuren des Widerstands und der Loslösung. Die These ist kein Aufruf, dem Patriarchat die Gefolgschaft zu verweigern, es ist die Feststellung, dass diese Gefolgschaft bereits verweigert wird. Schon im ersten Satz heißt es daher unmissverständlich: Das Patriarchat „hat kein weibliches Ansehen mehr, es ist zu Ende“.
Was die Mailänderinnen allerdings auch erwarteten: Das alte System wird angesichts seines Untergangs noch einmal wild um sich schlagen. Am Ende des Patriarchats blühe das „Phantasma einer angeblichen, entsetzlichen Allmacht“ der Männer, schrieben sie. Sie befürchteten, das Patriarchat könnte bei seinem Untergang auch Institutionen mit sich in die Tiefe reißen, die für ein Minimum an gesellschaftlicher Ordnung unerlässlich sind, sodass Chaos, eine reaktionäre Wende oder falsche Widerstände entstehen.
Diese Sätze klingen, als wären sie 2026 geschrieben, mit Blick auf Wladimir Putin, Donald Trump und weitere „starke Männer“. Die Weitsicht der Mailänder Feministinnen ist nicht ganz zufällig: 1996 hatte Silvio Berlusconi bereits seine erste Amtszeit als italienischer Regierungschef hinter sich. Er kann als „Role Model“ für die heutigen Autokraten gelten.
Noch zahlreiche faktische Ungleichheiten
Die Geschlechterforschung betrachtet diese Entwicklung als eine Form des „neuen Patriarchats“ oder „Neopatriarchats“. Die neue „Männerherrschaft“ kommt dabei nicht immer so polternd daher wie bei den genannten Personen. Sie gebe sich „moderner“ und versuche, patriarchale Strukturen in der heutigen Gesellschaft auf subtilere Weise fortzuführen, trotz rechtlicher Gleichstellung und Modernisierungen in anderen Bereichen. Strukturelle Ungleichheiten bleiben so bestehen.
In dieser „selektiven Modernisierung“ haben etwa Frauen Zugang zu Bildung und Arbeit, bleiben aber oft in der privaten Sphäre für die unbezahlte Sorgearbeit (Care-Arbeit) allein verantwortlich. Männer gelten weiterhin primär als Versorger, während von Frauen erwartet wird, sowohl berufstätig zu sein als auch die traditionelle Rolle als Hausfrau und Mutter auszufüllen.
Ausdrücklich stark beworben wird dieses Modell von der Tradwife-Bewegung, die sich in den vergangenen Jahren stark über die Social-Media-Kanäle und Influenzerinnen verbreitet hat. Die „Traditional Wives“ zelebrieren die Rückkehr in klassische Geschlechterrollen und die Unterordnung unter den Mann als Antwort auf moderne Instabilitäten.
Trends wie diese verstärken die Benachteiligung von Frauen, die sich in vielen Bereichen ohnehin noch finden. In der Arbeitswelt sind etwa Frauen in Führungspositionen von Großunternehmen weiterhin stark unterrepräsentiert. Laut einem Bericht von „Merit Austria“ vom Februar dieses Jahres sind in den Vorständen der 20 im österreichischen Börsenindex ATX notierten Unternehmen nur 15 Prozent Frauen, Vorstandsvorsitzende gibt es keine einzige. Dem Argument, es gebe nicht genügend qualifizierte Frauen, tritt der Bericht mit Zahlen und Fakten entgegen.
„Merit“ bezeichnet sich selbst als unabhängige, gemeinnützige Organisation, die für Gleichstellung und Chancengleichheit eintritt, „für Führungsmodelle, in denen Positionen nach Leistung, Wirksamkeit, Fähigkeiten und Potenzial besetzt werden – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe“.
Nach wie vor signifikant ist auch der „Gender Pay Gap“, die Tatsache, dass Frauen trotz gleicher Qualifikation im Durchschnitt weniger verdienen als Männer. In Österreich beträgt dieser Wert aktuell 11,6 Prozent. Generell arbeiten Frauen häufiger in Dienstleistungsbereichen wie Handel, Pflege, Bildung, Gastronomie oder Administration, die meist schlechter bezahlt sind. Sie übernehmen häufiger Betreuungsaufgaben, was zu Unterbrechungen in der beruflichen Tätigkeit bzw. geringerer Verfügbarkeit führt und in der Folge auch zu geringeren Karrierechancen. Mehr Teilzeitarbeit senkt insgesamt die Fraueneinkommen.
Unterrepräsentiert sind Frauen nach wie vor auch in der Politik. Der aktuelle Bericht des Frauenministeriums von 2015 bis 2025 weist einen Frauenanteil von 36 Prozent im Nationalrat und 40 Prozent im Bundesrat aus. In der Regierung ist das Verhältnis in den vergangenen Jahren in etwa ausgeglichen. In den Landtagen schwanken die Werte zwischen unter 20 und beinahe 50 Prozent. Von den mehr als 2.092 Gemeinden werden 245 von Bürgermeisterinnen geleitet, ein Anteil von knapp 12 Prozent.
Darüber hinaus werden viele Bereiche des Lebens bevorzugt aus männlicher Perspektive betrachtet und in der Folge auch gestaltet und organisiert: von der Verkehrs- und Stadtplanung bis zur Medizin. Gleichzeitig finden sich viele Beispiele für das Bemühen, die Dinge zu verbessern. Überall setzen sich Frauen wie Männer dafür ein, echte Gleichberechtigung und Fairness zu schaffen und zumindest Schritt für Schritt Fortschritte zu erringen.
Antifeminismus und Technokratie
Das genaue Gegenteil streben antifeministische Strömungen an, die in den vergangenen Jahren an Zulauf gewonnen haben. Ausdrücklich antifeministisch geben sich rechtsnationale und rechtspopulistische Bewegungen. Sie propagieren ein starres Zweigeschlechtermodell und die männliche Autorität in Familie, Gesellschaft und Politik. Feminismus wird als Bedrohung für das „Volk“ hingestellt, Frauen die Schuld am Rückgang der Geburtenrate und einer „Verweichlichung“ der Männer zugeschoben. „Weibliches“ wird abgewertet. Das Ganze wird dann noch mit Verschwörungstheorien verknüpft: Feminismus und „Gender-Ideologie“ bzw. „Gender-Wahn“ seien Teil eines geheimen Plans zur Zerstörung der Gesellschaft oder zur Umerziehung der Menschen.
Auch abseits rechtsnationaler Strömungen finden sich Männerrechtsbewegungen, die eine Benachteiligung von Männern durch Gleichstellungspolitik behaupten. Männer seien Opfer eines „Feminats“. Diese Gruppierungen wenden sich gegen „Gleichmacherei“, geschlechtergerechte Sprache oder staatliche Förderprogramme für Frauen. Erkenntnisse der Geschlechterforschung werden als unwissenschaftlich hingestellt oder schlicht ignoriert. Dabei hat die Forschung gezeigt, dass Gene und Biologie gewisse tendenzielle Unterschiede zwischen den Geschlechtern vorgeben, die Erwartungen der Gesellschaft, Erziehung und Rollenbilder das Verhalten aber deutlich stärker prägen.
Wesentlich für die Verbreitung antifeministischer und neopatriarchaler Ideologien sind die sozialen Medien. Einige ihrer Protagonisten verstanden sehr früh, diese Plattformen zu nutzen, so etwa der kanadische Psychologe und Ratgeberautor Jordan Peterson mit seinen konservativen und rechten Positionen und seiner Kritik an der Genderpolitik.
Inzwischen hat sich im Netz eine sogenannte „Manosphere“ („Mannosphäre“) herausgebildet, ein Sammelbegriff für Online-Communitys, Blogs und Foren, in denen User frauenfeindliche Ansichten verbreiten. Die Themen reichen von „Männlichkeitscoachings“ und Tipps zur Selbstoptimierung über Fantasien männlicher Vorherrschaft bis hin zu extremem Frauenhass. Der Anstieg von Gewalt gegen Frauen, bis hin zur Rechtfertigung von Femiziden, wird auch diesem Einfluss zugeschrieben. Eine Zensur herabwürdigender oder gewaltverherrlichender Inhalte lehnen die Betreiber der Plattformen ab, mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit. Im Gegenteil, die Logarithmen sind so programmiert, dass sie möglichst viel Aufmerksamkeit für Beiträge mit extremen Inhalten erzeugen.
Die Betreiber der Social-Media-Plattformen – allen voran Elon Musk von „X“ – wollen aber noch mehr: Sie haben sich zu Vorkämpfern für ein technokratisches Gesellschaftsmodell gemacht. Die Technokraten des Silicon Valley versprechen, dass sie Krisen rasch, effizient und nachhaltig, ohne viel Diskussion und ohne Kompromisse, bewältigen, mithilfe der von ihnen entwickelten künstlichen Intelligenz und den damit verbundenen Kontrollmechanismen. Sie selbst stehen an der Spitze dieses Systems, haben die politische und wirtschaftliche Macht und wollen das reibungslose Funktionieren der Staats- bzw. Gesellschaftsmaschine garantieren. Auch das derzeitige Kontrollsystem Chinas ist in diesem Sinn technologisch geprägt. Demokratische Spielregeln, soziales Empfinden und kritische Öffentlichkeit stören dieses Funktionieren, die menschliche Freiheit hat sich dem „perfekten“ System unterzuordnen.
Ähnlich der Tech-Investor Peter Thiel, der demokratische Staatsformen durch KI und „individuelle Freiheit“ (sie gilt dann letztlich nur für die Tech-Elite) überwunden sehen will. Er befürwortet wirtschaftliche Monopole, die er als „Fortschrittsmotoren“ sieht; freien Wettbewerb hält er für ineffizient. Thiel stellte auch schon einmal öffentlich das Frauenwahlrecht infrage. Musk und Thiel unterstützen Trump und auch den US-Vizepräsidenten J.D. Vance.
„Empathie ist Schwäche“
Dass in all diesen Konzepten Frauen eine geringe Rolle spielen, ist kein Zufall. Diese Netzwerke hängen auch bestimmten Formen des „Protonatalimus“ an, der Förderung von Geburten und damit Bevölkerungswachstum. Dazu passt das Konzept der „Tradwifes“, die sich zu Hause um Familie und Kinder kümmern. Was Kritiker auch bemängeln: Diese Geburtenförderung hat – wie schon mehrfach in der Geschichte - nur bestimmte Segmente der Bevölkerung im Blick: weiß, nichtbehindert, hetero, Mittelschicht aufwärts. Zeichen für den Rassismus, der in diesen Kreisen auch zu finden ist.
Alles, was mit Beziehung, Familie und Kindern zu tun hat, hat im Bereich der Technokratie nichts verloren. Empathie sei die „grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation“, so Musk. Empathie für den Einzelnen verursache Kosten und schwäche die Leistungsfähigkeit der Gemeinschaft. Empathie sei ein Werkzeug der Mittelmäßigen und Schwachen, um die Starken zu kontrollieren.
Was Thiel und Vance noch verbindet: Sie untermauern ihre Positionen und ihr Handeln christlich- bzw. katholisch-fundamentalistisch. Vance konvertierte 2019 zum Katholizismus. Der Lutheraner Thiel verwendet die biblische Figur des Antichristen, der aufgehalten werden müsse; er betrachtet die Tech- Nerds als „Aufhalter“ („Katechon“) der drohenden Apokalypse und des Antichristen; politisch seien der Aufhalter derzeit die USA. Der Antichrist ist nach Thiels Ansicht alles, was in Richtung „Weltregierung“ geht – EU, UNO, NATO und auch die Klimaschutzbewegung. Was christliche Fundis an Thiel irritiert: Er bekennt sich zu seiner Homosexualität und ist mit einem Mann verheiratet.
Verbindungen gibt es in diesem Netzwerk zu Österreich: Der Heiligenkreuzer Ordensmann Edmund Waldstein stieß mit seinen neo-integralistischen Thesen schon vor einigen Jahren auf Widerhall in rechtskonservativen, antiliberalen Kreisen in den USA. Der von ihm vertretene Integralismus meint, „da das weltliche Ziel des Menschen seinem ewigen Ziel untergeordnet ist, muss die weltliche Gewalt der geistlichen Gewalt untergeordnet werden“; eine Art katholischer Gottesstaat. Manche Aussagen Waldsteins ließen sogar den eigenen Konvent öffentlich auf Distanz zu ihm gehen.
Die zwei Gesichter der Religionen
Womit sich die Frage stellt, wie sehr die Religionen am Aufschwung des Neopatriarchats mitbeteiligt sind. Der Befund von Religionswissenschaftler*innen: In allen Religionen finden sich von ihren Gründungszeiten bzw. von ihren Gründerfiguren her Traditionen und Lehren, die die Gleichheit von Mann und Frau betonen. In fast allen sind diese von patriarchalen Traditionen und Machtansprüchen überlagert worden. Das gilt nicht nur für monotheistische Religionen, sondern etwa auch für den Hinduismus, der Göttinnen kennt. Und in allen Religionen und Konfessionen haben Frauen begonnen, sich ihre Rechtewieder zurückzuholen – gegen viele Widerstände, aber auch mit Erfolgen.
So bezog etwa vor kurzem der Passauer Bischof Stefan Oster in der Debatte um „Tradwifes“ Position: Die katholische Kirche vertrete heute in ihrer Ehelehre ausdrücklich nicht mehr eine Unterordnung der Frau unter den Mann, schrieb er auf seiner Internetseite. Die Kirche habe bei diesem Thema „eine deutlich erkennbare Entwicklung“ durchgemacht. Das Zweite Vatikanische Konzil betone die gemeinsame Verantwortung der Ehepartner füreinander und für den Nachwuchs. Sich die Rollenverteilung dabei auszumachen, sei Sache der Partner.
Opfer neopatriarchaler Tendenzen sind aber nicht nur die Frauen. Nicht wenige Männer wollen mit dieser Form von Männlichkeit nicht identifiziert werden und nichts zu tun haben. Für sie ist das Neopatriarchat im schlechteren Fall toxisch, im besseren lächerlich, auf alle Fälle nicht zukunftsfähig. Hier schließt sich der Kreis zu den Feministinnen von Mailand: Auch wenn das Neopatriarchat sich im Moment mächtig wähnt – es ist noch nicht zu Ende, aber am Ende.
Autor: Josef Pumberger
