
Versöhnung mit dem Vater
Wie versöhnt man sich mit seinem Vater, wenn es in der Vergangenheit Verletzungen und Kränkungen gab?
Als Peter ein Kind war, war sein Vater vor allem eines, nämlich abwesend. Der Vater war von seiner Familie durch einen ganzen Ozean getrennt: Sieben Jahre lang lebte und arbeitete er auf einem anderen Kontinent. Zwischen seinem sechsten und dreizehnten Lebensjahr sah Peter, der in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt, seinen Vater nur drei- bis viermal im Jahr – immer dann, wenn dieser zu seiner Frau und den drei Kindern nach Hause kam. Als Kind empfand Peter den Wechsel von Abwesenheit und sporadischen Besuchen als Normalität. „Das war mein Alltag“, erzählt der heute 46-Jährige. „Ich erinnere mich, dass ich in der Schule ganz entspannt darüber gesprochen habe.“
Im Rückblick ordnet er die langen Zeiten der Abwesenheit anders ein. Er erkannte, wie sehr sie die Vater-Sohn-Beziehung beeinflusst haben. Peter sehnte sich nach seinem Vater. Doch war dieser dann da, lag auf dem Zusammensein eine gewisse Schwere. „Es war eine Mischung aus Angst und Eifersucht, später als Jugendlicher war ich einfach genervt von ihm. Und weil er so lange weg war, habe ich kaum aus der Nähe erlebt, wie ein erwachsener Mann mit einer erwachsenen Frau umgeht. Das hat sich auch auf meine Beziehungsfähigkeit ausgewirkt.“
Bei der Geburt dabei?
Abwesende Väter: Sie sind ein häufiges Phänomen in früheren Generationen. Bis vor dreißig, vierzig Jahren war die Rollenaufteilung im Familienalltag klar: Der Vater arbeitete und kam erst abends nach Hause, die Mutter kümmerte sich nicht nur um die organisatorischen, sondern auch um die emotionalen Belange in der Familie. Und welcher Vater war früher schon bei der Geburt seines Kindes dabei?
„Mein Vater war während meiner Geburt Orgelspielen“, erzählt Georg Wieländer. Wieländer ist systemischer Familientherapeut und begleitet in seiner Praxis sehr viele Männer. Die Beziehung zum Vater beschäftigt viele von ihnen. „Sie ist oft komplex. Während die Mutter das Kind neun Monate in sich trägt und in den meisten Fällen allein dadurch Bindung entsteht, ist der Vater die erste Person, die von außen zum Kind kommt und es lieben soll.“ Im besten Fall beginnt schon von Beginn an zwischen einem Mann und seinem neugeborenen Kind das, was man in der Bindungstheorie „Bonding“ nennt: der Aufbau einer emotionalen Beziehung.
Verdrängte Verletzungen und Traumata
Für Männer heute ist das selbstverständlich, für die Väter vor achtzig, sechzig oder fünfzig Jahren bot sich dafür kaum Gelegenheit. Im Gegenteil: Manche von ihnen fühlten sich durch die Vertrautheit von Mutter und Kind ausgeschlossen – und zogen sich noch weiter zurück. Für eine tragfähige Vater-Kind-Beziehung keine optimalen Voraussetzungen.
„In den 1950er Jahren war das Bewusstsein dafür, wie wichtig die Vater-Kind-Beziehung ist, nicht besonders ausgeprägt“, sagt Wieländer. In Deutschland und Österreich waren die Männer als „Verlierer“ aus dem Krieg oder der Kriegsgefangenschaft gekommen, unfähig, ihre Traumata aufzuarbeiten. Und schon deren Väter trugen emotional schwer an den Folgen des Ersten Weltkriegs. Verletzungen und Traumata wurden verdrängt. Lieber stürzte man sich in die Arbeit, als sich mit ihnen auseinander zu setzen. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gab es an Wiederaufbau ja auch viel zu tun. „In den 1960er Jahren verändert sich das. Damals erschien auch das Buch des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich ‚Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft‘, das dieses Thema aufgreift und große Wellen schlug.“
Du bist gut so, wie du bist
Der Vater stellt für einen Buben die erste männliche Bezugsperson dar. „An ihm lernt der Bub, wie Mannsein geht“, sagt Georg Wieländer. Mehr noch: „Buben brauchen es, vom Vater gespiegelt zu werden.“ Sie müssen hören: Du bist gut so, wie du bist. Fehlt diese Form der Anerkennung, wirke sich das auf den Selbstwert aus. Und das zeige sich im Heranwachsen und später im Erwachsenenleben auf unterschiedliche Weise: In Entscheidungsschwäche oder Ohnmachtsgefühl. In Versagensängsten, depressiver Verstimmungen oder innerer Anspannung. Von außen sieht man diese innere Not oft nicht. Es gebe Männer, sagt Georg Wieländer, im Beruf extrem erfolgreich, die davon angetrieben sind, sich selbst und ihrem Vater, der sogar schon gestorben sein kann, beweisen zu müssen, was sie alles schaffen. Auch Peter kennt dieses Bedürfnis, vom Vater bedingungslose Liebe zu erfahren, und ergänzt: „Wichtig ist auch, vom Vater zu hören: Das hast du gut gemacht! Man will für das anerkannt werden, was man geschafft hat, als Bub zum Beispiel endlich Rad fahren zu können.“
Vaterwunde: Loch in der Seele
In der Psychologie spricht man von der „Vaterwunde“. Das dahinterstehende Konzept prägte der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung. Der abwesende, kritisierende, emotional nicht kompetente Vater löst eine tiefe emotionale Verletzung aus. „Ein Loch in der Seele“, nennt es Georg Wieländer, „das dumpfe Gefühl, das mit einem etwas nicht stimmt.“
Was ein heranwachsender Bub in seiner Kindheit oder Jugend als kränkend oder verletzend erlebt, sei dabei höchst individuell. „Das kann sehr subtil sein. Oft ist sich der Vater gar nicht dessen bewusst und würde sagen: ‚Das war ja gar nicht so schlimm.‘ Denn welche Bedeutung man einem solchen Ereignis gibt, ist subjektiv.“ Schaut der Papa immer wieder auf sein Smartphone, während ihm sein Dreizehnjähriger etwas erzählt, mag das für den Vater eine Lappalie sein, doch der Sohn hat das Gefühl: Du interessierst dich nicht für mich.
In seiner Praxis erlebt Georg Wieländer, wie das Unvermögen, ein liebevoller und zugewandter Vater zu sein, von einer zur nächsten Generation weitergegeben wird. Und wie die Vaterwunde eines Mannes auch alle anderen Beziehungen in seinem Leben beeinflusst. „Zu mir kommen oft Männer, die sagen: Meine Frau schickt mich und sagt, ich kann nicht über Gefühle reden. Und es stimmt: Ich habe das nie gelernt.“ Auch Peter kennt das. Als er vor zwanzig Jahren seine Frau kennenlernte, gab es noch viele ungelöste Themen in seinem Leben, die sich auf die Partnerschaft ausgewirkt haben. Was für ihn heilsam war: „Dass meine Frau mich angenommen hat, wie ich bin. Bei ihr fühlte ich mich immer sicher.“
Peter hat sich im Laufe seines Erwachsenenlebens intensiv mitseiner Vaterwunde auseinandergesetzt. Er ist fest entschlossen, die negativen Muster und Prägungen nicht an seine eigenen Kinder weiterzugeben. Und er hat sich viel mit anderen Männern ausgetauscht. „Sehr viele leiden bis heute an der emotionalen Abwesenheit ihres Vaters, an fehlender Anerkennung. Und daran, dass sie sich mit ihrem Vater nicht aussöhnen können, weil er schon gestorben ist. Da ist oft eine tiefe Traurigkeit da.“
Versöhnung mit dem Vater – wie kann sie aussehen?
„In meine Praxis kommen immer wieder ältere Väter mit ihren erwachsenen Söhnen, um über Geschehenes und Unversöhntes zu sprechen, zum Beispiel darüber, dass der Vater die Familie verlassen hat. Wenn man es schafft, sich da begleiten zu lassen, ist das natürlich toll.“ Aber auch wenn der Vater nicht zu einem begleiteten Gespräch bereit ist, sei es sinnvoll, die Themen auf
den Tisch zu legen – selbst nach Jahrzehnten. Bei einer gemeinsamen Wanderung zum Beispiel. Dann könne man die fehlende Präsenz und Zuwendung thematisieren.
Und wenn der Vater gar nicht bereit ist, sich solchen Gesprächen zu stellen? Mit Ablehnung und totalem Rückzug müsse man rechnen, sagt Wieländer. „Vor allem ältere Männer haben ja oft gelernt, traumatische Erlebnisse ganz tief im See zu versenken. Und wenn sie hochkommen, reden sie nicht drüber, sondern gehen eher in den Garten und graben dort was um.“
Versöhnung, wenn der Vater schon gestorben ist?
Um sich auszusöhnen, brauche es das Gegenüber aber gar nicht, sagt Georg Wieländer. Selbst wenn der Vater schon lange gestorben ist, sei Versöhnung möglich. In der Psychotherapie arbeitet er mit dem Bild des verletzten inneren Kindes. Es steht sinnbildlich für das Kind, das man selbst einmal war. Diesem inneren Kind schenkt man die Aufmerksamkeit und Liebe, die es vom Vater und anderen Bezugspersonen nicht erfahren hat.
Was auch hilft: Die Klienten identifizieren toxische Glaubenssätze, die sich tief in ihrem Unterbewusstsein eingeprägt haben. Sätze wie „Ich kann nicht vertrauen“, „Ich muss immer der Beste sein“, „Ich hasse mich“. Im Laufe der Therapie werden diese umgewandelt in positive Sätze. Auch kleine Rituale können helfen: Dem (verstorbenen) Vater einen Brief schreiben, mit allem, was man ihm nie sagen konnte oder sich nicht getraut hat, ihm zu sagen. Und diesen Brief dann verbrennen.
Letztlich gehe es darum, den verletzenden Erlebnissen aus der Vergangenheit eine neue Bedeutung zu geben – damit sie nicht mehr so stark belasten.
Eines dürfe man nicht vergessen: Selbst wenn man sich mit seinem Vater aussöhnt, ungeschehen machen könne man das Erlebte nicht. „Narben bleiben“, sagt Georg Wieländer. „Es ist aber ohnehin eine Illusion, zu meinen, man würde unverletzt durchs Leben kommen.“
Bei Missbrauch professionelle Hilfe holen
Wer in der Vater-Kind-Beziehung Missbrauch oder besonders starke Kränkungen erfahren hat, sollte sich auf jeden Fall professionelle Begleitung suchen, sagt Georg Wieländer. Sich mit solch schmerzhaften Erlebnissen aus der Vergangenheit auseinanderzusetzen, brauche viel Mut, vor allem wenn man befürchtet, retraumatisiert zu werden. „Und ein altes Trauma neu zu erleben, als wäre es gestern gewesen, das wünscht sich niemand.“
Ein schwieriges Verhältnis zum eigenen Vater kann die persönliche Gottesbeziehung und die Vorstellung von Gott als Vater negativ beeinflussen. Auch Peter fiel es lange schwer, sich Gott als Vater anzunähern. „Gott sei Dank gibt es die Dreifaltigkeit“, sagt er mit einem Augenzwinkern, „da kann man sich an den anderen beiden göttlichen Personen zum Vater entlanghanteln.“ Peter hat einen inneren Weg zurückgelegt, auf dem er gelernt hat, dass Gott-Vater es gut mit ihm meint.
In seinem Buch „Nimm sein Bild in dein Herz“ sinniert der bekannte christliche Autor Henri Nouwen über das biblische Gleichnis vom Barmherzigen Vater und reflektiert dabei die Beziehung zu seinem eigenen leiblichen Vater. Er schreibt, dass es ihn viel seiner Lebenskraft gekostet hat, sein „eigenes Selbst im Gesicht dieses Menschen zu finden“. Viele Menschen, so schreibt er, sind sich nicht sicher, ob sie, so, wie sie sind, geliebt werden. Der barmherzige Vater lädt sie ein, sich von ihm bedingungslos lieben zu lassen.
Autorin: Sandra Lobnig
