Vaterliebe

Jede und jeder weiß, was es bedeutet, die Liebe des Vaters zu spüren.
Doch zunächst geht es darum die Entbehrungen in den Blick zu nehmen.
Beziehungskonstellationen sind in den vergangen drei Jahrzehnten komplizierter geworden. Die modernen Errungenschaften der Medizintechnik erlauben Leihmutterschaft, Samenspende, künstliche Befruchtungstechniken. Beziehungen scheitern und werden in anderen Konstellationen neu geschlossen, Patchwork, Adoption, hetero- und homosexuelle Partnerschaftsformen machen es schwierig, Fragen nach Identität und leiblicher Verwurzelung zu beantworten.
Dazu kommen handfeste kulturgeschichtliche Gründe, die dazu geführt haben, dass die Beziehung zu Vätern oftmals problematisch geworden ist.
Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert führte dazu, dass Männer verstärkt in Arbeitsprozessen engagiert werden, die sie weg von zu Hause führen. Zwei Weltkriege hinterließen eine traumatisierte Männerwelt, die sich oftmals mit den weiblichen Versuchen in der Familie Normalität während der kriegsbedingten Abwesenheit der Männer, aufrecht zu halten, nicht mehr versöhnen ließ. Kinder wuchsen unter dem Eindruck von abwesenden Vätern auf. Männern flüchteten mit ihren Erlebnissen in den Beruf und/oder die Sprachlosigkeit.
Väter-Aufgaben
Ohne in einen Klageton zu verfallen schildert der Psychotherapeut, Dr. Chu, dass Väter jedoch zentrale Aufgaben in der Familie zu erfüllen haben, um Kindern gute Entwicklungschancen zu ermöglichen.
1. Die Gorillafunktion
Wenn sich eine Familie konstituiert, haben Väter dafür zu sorgen, die junge Mutter und das Baby zu schützen. Die Familie braucht Zeit, um in ihre neue Aufgabe hineinzuwachsen. Dr. Chu betont, dass seitens der Gesellschaft mit Papamonat oder anderen Unterstützungsmaßnahmen dafür gesorgt werden muss, dass die Väter zu Beginn Zeit für die Familie haben.
2. Triangulierung
Der Vater ist das erste Gegenüber des Kindes. Für die Entwicklung von Sicherheit und Urvertrauen ist es außerordentlich wichtig, dass sich das Kind von der Mutter weg auf ein Gegenüber hinbewegen kann. Dafür muss dieses Gegenüber (der Vater) aber auch da sein.
3. An Stereotypen lernen
Im Alter von vier bis sechs Jahren entdecken Kinder, dass sich Burschen und Mädchen anders verhalten. Sie sehen ihre geschlechtliche Unterschiedlichkeit und brauchen Vorbilder für männliches und weibliches Verhalten. Hier ist es ganz wichtig, dass Väter den Burschen als Vorbilder begegnen, dass sie mit ihnen konkurrieren können. Die Mädchen finden in den Augen des Vaters ihren Spiegel. So wie der Vater auf die Tochter schaut, erkennen sie sich in ihrer Weiblichkeit.
4. Reibebaum
In der Pubertät wird die Beziehung der Eltern zu den Kindern erprobt. Die Kinder wollen aus der Triangel aussteigen und sich eigenständig positionieren. Die wichtigste Erziehungsaufgabe ist es Autorität zu zeigen ohne autoritär zu sein. Eltern sollen in dieser Phase immer gesprächsbereit bleiben und die Beziehung aufrecht halten.
Vaterliebe
Vaterliebe zu spüren ist eine ganz individuelle Angelegenheit. Viele Menschen leiden darunter, dass ihre Väter zu wenig da waren und wenn sie da waren, dann waren sie oft nicht anwesend. Und wenn Väter anwesend waren, dann hatte sie oft keine Ausdrucksformen, um ihre Liebe und Zuneigung zu zeigen.
Dr. Chu berichtet dabei von seinen Vatererlebnissen. Dennoch ist es ihm gelungen mit seinem Vater in Beziehung zu treten und Vaterliebe zu erfahren. Er ist hartnäckig an der Beziehung dran geblieben.
Für Kinder ist es – auch im Erwachsenenalter – oft schwer zu verstehen, dass ihre Väter Angst davor empfinden, sich ihnen gegenüber zu öffnen. Dr. Chu empfielt, dass gerade auch Erwachsene die Gelegenheiten mit ihrem Vater zusammen zu sein ergreifen sollten. Sie sollten ihn mit ihren Fragen liebevoll herausfordern, zu erzählen und in Kontakt zu kommen.
Es ist nie zu spät Vaterliebe zu erfahren.
Bericht: Wolfgang Schönleitner
Buchtipp
Dr. Victor Chu, Vaterliebe ist erschienen im Verlag Klett-Cotta:
https://www.klett-cotta.de/buch/Ratgeber_Lebenshilfe/Vaterliebe/70092
Termintipp
28.11.2016: Manfred Gerland, Männlich glauben, 19-21 Uhr, Wissentrum
