Friday 28. February 2020

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern ...

Zur aktuellen Debatte um das Vaterunser

Diese Bitte hat es in sich. Sie hat wohl jene Fragen provoziert, die in all den Jahren meiner Tätigkeit im Bibelwerk am häufigsten und intensivsten an mich herangetragen wurden.

• Stellt etwa Gott mir Fallen?
• Glaubst du wirklich an einen Gott, der uns versuchen will?
• Warum habt ihr das nicht schon längst geändert?

So oder ähnlich lauten die Anfragen, hinter denen ein sehr ernst zu nehmendes Ringen steckt. Mit dieser Bitte sitzt das Gottesbild auf der Anklagebank.

 

Gesuchte Auswege

Weil der Text so schwer verständlich ist, wurden oft Auswege gewählt und diese Bitte abgeände
„Lass mich in der Versuchung nicht fallen“ (so lautet in Zukunft die italienische Version) oder „Führe mich um die Versuchung herum“ bzw. „Geleite mich durch meine – von der Versuchung bedrängte – Lebensgeschichte“. Von Spanisch sprechenden Christen wird gebetet: „Lass uns nicht der Versuchung anheimfallen/erliegen.“
• Bereits in der alten Kirche gab es alternative Übersetzungsvorschläge: „Lass nicht zu, dass wir in Versuchung geraten“ (so schon Marcion) oder: „Lass nicht zu, dass wir in Versuchung geführt werden“ (Ambrosius, der sich auf die Vetus Latina stützt) bzw. „Führe uns nicht in eine Versuchung, die wir nicht zu tragen vermögen“ (Hieronymus).
„Führe uns aus der Versuchung.“


Diese Varianten wurden auch an deutschsprachige Bischofskonferenzen herangetragen mit der Bitte, doch endlich den Text zu ändern. Als eine nicht ganz unwesentliche Argumentation wurde dabei auf die Bibel selbst verwiesen: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung. Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt.“ (vgl. Jak 1,13–17) Offensichtlich will der Autor des Jakobusbriefes damit bereits ein falsches Verständnis der Vaterunser-Bitte zurückweisen.

 

Wörtliche Übersetzung

Im griechischen Text ist Gott eindeutig der Handelnde und nicht nur der, der etwas zulässt. Somit sind viele der oben genannten „Verbesserungen“ zwar durchaus gut gemeint, gehen aber am griechischen Bibeltext vorbei. Der Text in den Evangelien (Mt 6,13; Lk 11,4) ist die maßgebliche Quelle, die wir dazu haben. Jesu Worte im (aramäischen) Originalton lassen sich daraus freilich nicht rekonstruieren.
Feststeht allerdings: An zahlreichen Stellen im Alten (und auch im Neuen) Testament begegnen uns Versuchungserzählungen.
Die Übersetzung „und führe uns nicht in Versuchung“ sagt ja genau genommen nicht, dass Gott versucht (wörtlich: „und führe uns nicht in die Versuchung hinein, sondern rette/befreie von dem Bösen“). Es ist eben zu unterscheiden zwischen dem Subjekt, von dem die Versuchung ausgeht, und dem Subjekt, das mit der Situation der Versuchung konfrontiert, also in die Versuchung hineinführt. Das mit der Versuchung konfrontierende Subjekt ist Gott, der die aktuelle Situation nicht nur „erlaubt“, sondern aktiv herbeiführt. Er ist aber nicht der eigentliche Versucher, von dem das Böse ausgeht, wie auch die Anfügung „sondern erlöse uns von dem Bösen“ deutlich macht.
Gott ist nicht Initiator oder Beobachter eines Experiments mit den Menschen, sondern er begleitet die Menschen in und durch Situationen, die für sie Prüfungen sind.

 

Erprobungscharakter: Glaubenstreue

Hinter den letzten Vaterunser-Bitten liegt offensichtlich die Erfahrung der Macht des Bösen angesichts der menschlichen Schwachheit. Und diese Erfahrung hat die Angst des Versagens zur Folge, weil es in der Versuchung bzw. Erprobung um Heil oder Unheil geht – und Scheitern möglich ist.
Im Alten Testament wird oft die Glaubenstreue und der Glaubensgehorsam von Menschen „erprobt/getestet/versucht“: sowohl von Einzelnen (vgl. Abraham in Gen 22 oder Ijob) als auch vom ganzen Volk (Ex 15,25; Dtn 8,2). Durch Schicksalsschläge soll das Vertrauen zum himmlischen Abba aufgegeben werden. Abraham ist der Prototyp, der die Versuchung bestanden hat: „Abraham hielt das Gesetz des Höchsten und trat mit ihm in einen Bund; … und in der Erprobung wurde er treu befunden.“ (Sir 44,20)
In den älteren Schichten des Alten Testaments ist es Gott selbst, der einzelne Menschen erprobt; in jüngeren Überlieferungen wird dies durchaus als Problem empfunden und es ist dann der Satan, der Menschen „versucht/ erprobt“. In der Prüfung der Treue und des Gehorsams gegenüber Gott neigt der Mensch dazu, sich dieser Herausforderung nicht zu stellen. Weil der Mensch sich der Prüfung entziehen will, bekommt sie einen (negativen) Beigeschmack.

 

Erproben/versuchen/testen

Vielleicht ist es hilfreich, aus dem Bereich der Technik den Ausdruck „Versuch“ anzuschauen und neutral aufzufassen; im Sinne von „Experiment“ bzw. „einmal schauen, ob das Ganze der Herausforderung auch standhält, um zu wissen, wie belastbar es ist“. Eindeutig Positives verbinden wir mit dem Ausdruck „etwas Neues versuchen“.
Versuchung Jesu
Der Evangelist Matthäus formuliert als Ouvertüre, wie Jesus vom Geist Gottes mit der Versuchung durch den Teufel konfrontiert wird (Mt 4,1–11). Darin ist gleichsam das ganze Leben mit all den Erprobungen verdichtet. Jesus hat die Bewährung bestanden, weil er sich ganz am Willen Gottes festgemacht hat. Diese Herausforderung bleibt auch den Nachfolgern Jesu nicht erspart. Weil aber die an Gott sich wendenden Betenden in ihrer Schwachheit unsicher sind, ob sie in der Erprobung auch standhaft bleiben, beten sie: „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“

 

Paulus

„Noch ist keine Versuchung über euch gekommen, die den Menschen überfordert. Gott ist treu; er wird nicht zulassen, dass ihr über eure Kraft hinaus versucht werdet. Er wird euch mit der Versuchung einen Ausweg schaffen, sodass ihr sie bestehen könnt.“ (1 Kor 10,13) Nach der Vorstellung des Paulus bringt Gott nicht nur die Versuchung, sondern auch den Ausweg. Der Versucher erhält von Gott einen Handlungsspielraum zum Wirken. Gott tritt nicht als Versucher auf, sondern ist Herr der Situation, auch in der Konfrontation mit der Versuchung.

 

Woher kommt das Böse?

In der Diskussion um die Versuchung gerät häufig aus dem Blick, dass das Gewicht auf der zweiten Bitte liegt. Wie wir es auch aus dem heutigen Sprachgebrauch gewohnt sind, hat alles, was nach „aber“ bzw. „sondern“ gesagt wird, eine weitaus größere Bedeutung. Das galt schon in biblischen Texten (vgl. etwa Offb 2,19f) und spielt auch im Vaterunser eine große Rolle. Das Wort „Bösen“ steht in der deutschen Übersetzung im dritten Fall. Es kann somit (so wie im Griechischen!) männlich „der Böse“ oder sächlich „das Böse“ sein. Nach dem damaligen antiken Weltbild wird hier – wie an anderen Stellen in der Bibel – vom Satan/Teufel auszugehen sein, der als Urheber der Versuchung gemeint ist. Der moderne Mensch wird aber mit einer zu raschen Übernahme dieser Vorstellung vorsichtig sein, weil er damit ein sogenanntes dualistisches Weltbild mit in Kauf nimmt, wo Gott und ein widergöttliches Prinzip auf der gleichen Ebene stehen würden. Gott wäre dann nur für das Schöne und Angenehme zuständig. Es wäre dies ein „lieblicher“ Gott. Gott ist aber (durch Menschen) nicht vom Dunkeln zu entlasten, sondern es ist unser Auftrag, mit dem Dunkeln in unserer erfahrenen Welt zurechtzukommen. Ijob ringt mit Gott: „Habe ich gefehlt? Was tat ich dir, du Menschenwächter? Warum hast du mich zu deiner Zielscheibe gemacht, sodass ich mir selbst zu einer Last geworden bin?“ (Ijob 6,20; vgl. 16,12–14) Aber dennoch lässt Ijob von Gott nicht ab. Er wendet sich zwar vom Urheber des Leids ab, nimmt aber zugleich Zuflucht bei ihm als seinem Retter: „Dass du mich in der Unterwelt verstecktest, mich bergen wolltest, bis dein Zorn sich wendet, eine Frist mir setztest und dann an mich dächtest!“ (Ijob 14,13)
Nur so bleibt Gott was er ist: Gott. Es ist alles (somit auch das Dunkel) noch einmal von ihm eingebettet. Und in diesem dann von Menschen erfahrenen und so leidvoll erlebten Dunkel, in dieser äußersten Not bleibt noch die Möglichkeit, Gott als Urheber um Hilfe anzuflehen. Gott ist und bleibt Letztverantwortlicher und zugleich Ausweg. Deswegen können wir uns an ihn wenden mit der vertrauensvollen Bitte: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“.


Aus der Sicht der Betenden

Gott hat keine Freude daran, uns in Versuchung zu führen oder fallen zu sehen. Er ist kein Polizeispitzel und schaufelt keine hinterhältigen Gruben. Die Bitte macht den Betenden deutlich: Schwach bin ich, versuchbar und oft genug nur halbherzig dabei.
Die Versuchung steht im Singular – es geht somit um die Versuchung schlechthin. Gemeint sind also nicht irgendwelche (kleinere) Einzelversuchungen. Vielmehr geht es um die eine große Versuchung, die – mit Blick auf die Geschichte Israels – immer die Abwendung von Gott meint. Daher die Bitte: Überfordere uns nicht über unsere Kraft hinaus, lass uns deiner Nähe gewiss sein und komm uns deutlich entgegen, damit wir dich erfahren und dir vertrauen können. Gerade auch dann, wenn wir nicht mehr sehen, dass du mit uns bist. Gott soll uns die Kraft zum Durchhalten schenken, damit wir eben nicht von ihm abfallen oder ihn verleugnen: Der Beter nimmt damit Gott selbst in die Verantwortung.
Es geschieht alles in Freiheit. Sowohl Gott als auch der Mensch werden zu keinem direkten Eingreifen gezwungen. Es ist „nur“ eine Bitte – mit großem Nachdruck –, damit letztlich alles zum Guten führt.
Die gesamte Nachfolge steht auf dem Spiel. Deshalb der Schrei: Führe uns nicht in die Versuchung, angesichts der Vergeblichkeit unserer Gebete und Bitten zu verzweifeln. Lass uns (bitte!) nicht einen Weg gehen, der uns von dir, Gott, wegführt – um dann am Ende allein dazustehen. Erhalte in uns den Glauben und die Hoffnung auf die Vollendung deiner Herrschaft: Erlöse uns vom Bösen!

 

Was bleibt?

Die letzte Doppelbitte des Vaterunsers bleibt eine große Herausforderung, an der viele scheitern. Aber: Daran ist nicht unbedingt das Vaterunser schuld, sondern unser gut geübtes Ausweichen vor der Frage nach dem Bösen. Wer hätte das Böse nicht zu gerne möglichst weit von Gott (und auch der alltäglichen Erfahrung) weggerückt?
Die Sprache und die Bilder der Bibel sind nicht aus unserer Zeit und bedürfen nicht selten einer Erklärung, damit wir sie nicht zu sehr an der ursprünglichen Aussage vorbei verstehen. Predigten, Bibelrunden und vielleicht auch der Religionsunterricht sind mehr als gefordert.
Als alternatives Denkmuster und Kurzfassung für die Bitte könnte hilfreich sein: „Lass unser Vertrauen zu dir nicht erschüttert werden; gib uns die entsprechende Widerstandskraft in der Versuchung, um dir treu zu bleiben“.

Franz Kogler
Dr. Franz Kogler leitet seit 1991 das Bibelwerk im Pastoralamt der Diözese Linz.

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