Pfarrer P. Johannes zum 31. Sonntag im Jahreskreis
Lesejahr B
Ein Schriftgelehrter fragt Jesus und stimmt mit ihm überein: Das wichtigste Gebot ist, Gott aus ganzem Herzen, ganzer Seele und mit aller Kraft zu lieben, und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Wer so lebt, ist dem Reich Gottes schon nahe!
- Du sollst lieben! Wenn es selbstverständlich wäre, zu lieben, müsste man kein Gebot formulieren. Auch wenn das Gebot der Gottesliebe das oberste Gebot ist, offenbart sich seine Erfüllung doch in der Nächstenliebe. Oft geschieht das problemlos und entspricht der Natur des Menschen. Dem geliebten Partner gegenüber scheint es selbstverständlich. Die Mutterliebe kann große Anstrengung in Kauf nehmen, ohne zu klagen. Freundesliebe ist etwas Wunderbares. Wenn man aber schwierigen Menschen in Liebe begegnen soll, kann es eine große Herausforderung sein. Manchmal wird es auch in der Ehe mühsam. Öfters ist die Rede davon, dass die Liebe erkaltet. „Du sollst lieben!“, ist dann nicht mehr die Reaktion auf ein Gefühl, sondern kann auch Selbstverleugnung fordern. Jesus selbst zeigt im Beispiel vom barmherzigen Samariter, dass sogar Personen, die die Religion zum Beruf gemacht haben, zur Nächstenliebe in bestimmten Situationen unfähig sein können.
- „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht!“ (1 Joh 4,20). Eine Reihe ähnlicher Formulierungen steht im 1. Johannesbrief. Liebe ist nicht nur Gefühl, nicht nur eine emotionale Regung, es ist auch eine Entscheidung. Wenn die Bibel von Feindesliebe spricht, ist Extremsituation gemeint. Wie soll ich einen Nachbarn lieben können, der sich ständig neue Bosheiten gegen mich ausdenkt? Wie soll jemand, der gemobbt wird, den Täter lieben können? Das Liebesgebot kann uns an unsere Grenzen bringen. Mancher ist daran schon zerbrochen. Gibt es denn hier überhaupt eine sinnvolle Perspektive?
- „Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.“ (1 Joh 4,10). Darin liegt die Lösung: Wir können nur weitergeben, was uns vorher geschenkt worden ist. Wir könnten das Liebesgebot gar nicht erfüllen, wenn wir nicht vorher von Gott geliebt worden wären. Allerdings müssen wir das Geschenk der Liebe auch annehmen. Beim Erntedankfest habe ich davon gesprochen und geschrieben. Liebesfähigkeit hängt unmittelbar mit Dankbarkeit und Freude zusammen und daher mit dem Wahrnehmen der geschenkten Reichtümer. Großzügigkeit ist eine Haltung, die aus Dankbarkeit und Freude kommt. Wenn Gott uns so sehr geliebt hat, dann müssen wir doch auch einander lieben. Die göttliche Liebe soll durch uns den Nächsten zuteilwerden. Eigentlich sind nicht wir es, die lieben, sondern Gott liebt durch uns unsere Mitmenschen.
Der Text wird auch im PDF-Format angeboten, mit der Bitte, ihn auszudrucken und an die Nächsten und Näheren weiterzugeben, die kein Internet haben.