Pfarrer P. Johannes zum 14. Sonntag im Jahreskreis
Die Reaktion der Leute ist eine zweifache: Einerseits staunen sie. Sie spüren die große Weisheit und nehmen das Wunderbare am Auftreten des Herrn ganz deutlich wahr.
Gleich darauf folgt aber Ablehnung: Dieser Jesus ist doch seit seiner Jugend bekannt. Das ist doch der Zimmermann von Nazaret. Seine ganze Verwandtschaft lebt hier. Bisher ist alles normal abgelaufen und nichts war beunruhigend. Jetzt will er Kritik üben und Umkehr fordern!
Es scheint zu allen Zeiten so gewesen sein, und auch heute gibt es eine große Ablehnung gegen alles, was liebgewordene Gewohnheiten in Frage stellt. Sogar positive Überraschungen können lästig sein, wenn sie eine Veränderung des Lebensstiles nach sich ziehen. Menschen legen sich üblicherweise auf Jahre hinaus fest, haben ihre Karriereplanungen, Urlaubsplanungen, Pensionsplanungen, und sie erleben alles als Bedrohung, was die Regelmäßigkeiten über den Haufen wirft. Man beginnt solche neuen Ansprüche schnell zu verdrängen und stellt scheinbar rationale Argumente entgegen, oder man wird aggressiv.
So schlagen auch das erste Staunen und die Betroffenheit über die Worte und das Wirken Jesu sehr schnell in eine Gegenreaktion um. Man will alles wieder in die alte, gewohnte Welt einordnen. Rasch merken die Leute, dass Jesus eine Änderung des Lebensstiles fordert, dass Umkehr nötig ist und das Kommen des Reiches Gottes Konsequenzen für das Leben verlangt. Das scheint aber überhaupt nicht zu einem abgesicherten Leben zu passen.
Nicht übersehen dürfen wir das große Anliegen Jesu, wie es das Johannesevangelium in 10,10 formuliert: Jesus will für uns nicht ein alltägliches Dahinleben, sondern wir sollen das Leben in Fülle haben, nicht irgendwann, sondern jetzt, in unserem konkreten Leben!
Der Evangelist Markus betont, dass Jesus in Nazaret kein Wunder wirken kann und dass er in seiner Heimatstadt mit seiner Weisheit am Ende ist. Glaube verträgt sich nicht mit dem Festhalten an alten Gewohnheiten. Einen Glauben kann man nicht „haben“, sondern Glaube verlangt ständig Schritte der Umkehr, der In-Frage-Stellung des bisherigen Weges und der Bereitschaft zur Kurskorrektur. Die Parallelstelle bei Lukas (4,16-30) stellt die Reaktion der Leute aus Nazaret noch weit ärger dar. Da wirft man Jesus aus der Synagoge und will ihn einen Abhang hinabstürzen. Der das Leben einer etablierten Gesellschaft so in Frage stellt, ist nicht mehr tragbar, sondern muss beseitigt werden.
Das Evangelium dieses Sonntages macht also deutlich, dass die Botschaft Jesu eine ernste Herausforderung an uns alle ist – und dass eine Reaktion der Abwehr der Natur des Menschen entspricht.
Vielleicht sollten wir uns aber manchmal fragen, was wir uns unter einem Leben in Fülle vorstellen, und ob es nicht schon Augenblicke gegeben hat, wo uns das Leben in Fülle schon aufgeleuchtet ist, wo wir also etwas vom Reich Gottes schon erspürt haben.
Der Text wird auch im PDF-Format angeboten, mit der Bitte, ihn auszudrucken und an die Nächsten und Näheren weiterzugeben, die kein Internet haben.