Pfarrer P. Johannes zum 6. Sonntag in der Osterzeit
Liebe ist beglückend, aber oft auch mühsam. Liebe kann auch zur Überforderung werden, und doch sehnt sich jeder nach Liebe. Die heutigen Lesungen machen hier grundlegende Aussagen, die wir genauer betrachten wollen.
Der wichtigste Satz ist wohl: GOTT IST DIE LIEBE! Es geht nicht darum, Gott gegenüber eine Liebesleistung zu erbringen, sondern von Gott möglichst viel Liebe zu beziehen, um diese dann weiterzugeben.
- „Darin besteht die Liebe: Nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.“ (1 Joh 4,10)
Immer noch geistert bei Christen, aber auch bei Nichtchristen die Vorstellung herum, dass Gott von uns religiöse Leistung fordern würde, dass er uns das Leben schwer mache und uns an der Persönlichkeitsentfaltung hindern würde. Gott sei einer, der auf unsere Sünden achten würde, jeden Fehler registriere und am Ende strenge Abrechnung halte. Das Gegenteil ist der Fall. Wir wissen aus der Pädagogik, dass Kinder, aber auch Erwachsene so sehr nach Anerkennung und Wertschätzung dürsten und Verständnis und Zuwendung brauchen. Als Christen dürfen wir sicher sein, dass jeder einzelne von uns Gott unendlich kostbar ist. Genau das muss in unserer Kirche weitergegeben werden.
Manchmal stinken unsere Gottesdienste nach „Moralin“! Immer wieder höre ich vereinnahmende Selbstanklagen gerade bei modernen „Bußakten“. Das Gegenteil sollte gefeiert werden: Du bist von Gott geliebt, gratis, vor jeder Leistung, und du bist auch dann von Gott geliebt, wenn du dich schuldig fühlst. Die Antwort auf ein Schuldbekenntnis ist immer wieder: Gott hat dich lieb, so sehr, dass er seinen Sohn gesandt hat. Es ist bezeichnend, dass sich scheinbar fromme Menschen geärgert haben über die Zusage Jesu: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ – was nichts anderes heißt als: Gott hat dich lieb, du brauchst vor Gott nicht vollkommen zu sein. Ich finde es wunderbar, dass ich vor Gott „fehlerhaft“ sein darf und dass Gott viel wohlwollender urteilt als die Menschen. Gott sagt mir immer neu ein großes „JA“ zu, und das feiern wir im Gottesdienst.
- „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9)
Natürlich muss man Liebe und Zuwendung annehmen. Man könnte sich auch versperren. Viele können gar nicht mehr glauben, dass es da jemand gibt, der einen vorbehaltlos annimmt. Manche Menschen haben furchtbare negative Erlebnisse gehabt, ja, sie sind echt traumatisiert. Was Wunder, dass sie den Rest ihrer Persönlichkeit mit aller Kraft schützen und gewissermaßen das Herz einpanzern, um nicht noch mehr verletzt zu werden. Ja, es gibt viele Verletzungen, nicht nur Gewalt in der Familie oder sexueller Missbrauch. Es gibt so viele subtile kleine Verletzungen, die in Summe fast unheilbare Zerstörungen verursachen. Mit Geld sind sie sicher nicht heilbar, auch wenn manche versuchen, sie vor Gericht einzuklagen.
Kleinere Verwundungen hat aber wohl jeder. Und mit diesen Verletzungen stehen wir nach christlicher Überzeugung vor einem Gott, der sich verletzlich gemacht hat und schließlich der Grausamkeit von Menschen erlegen ist, die selbst zutiefst verletzt waren und durch Lust am Verletzen und Weitergabe der Verwundungen ihre Existenz zu stabilisieren versucht haben. Wir dürfen uns aber diesem Gott aussetzen, der im Ostergeheimnis diese Katastrophe überwunden hat. „Oh, wie die Wunden prangen, die er für uns empfangen!“, heißt es in einem Osterlied.
Möglicherweise müssen wir uns jahrelang dieser unfassbaren Liebe Gottes aussetzen, uns vom Gott der Liebe umarmen lassen, bis sich manche Verhärtungen lösen, sodass die Verwundungen heilen können.
- „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe.“ (Joh,15,12)
In diesem einzigen Gebot Jesu, das im Johannesevangelium überliefert wird, sind alle bisherigen Gebote zusammengefasst. Dabei dürfen wir nicht übersehen, dass die Liebe Gottes in Jesus Christus zuerst bei uns ankommen muss. Erst wenn das Feuer der göttlichen Liebe in uns brennt, können wir die Liebe weitergeben. Solange wir die Nächstenliebe als Belastung erleben, ist es noch nicht so weit. Wir dürfen das Bild vom Weinstock und den Rebzweigen nicht vergessen: Erst wenn wir als Rebzweige ganz durchlässig geworden sind für die göttliche Liebe des wahren Weinstockes, können wir auch Frucht der Liebe bringen. Aus uns selbst heraus können wir nicht lieben! Da käme es nur zu einem „Burn-out“ der Liebe.
- „Wahrhaftig, jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apg 10,34 f.)
In der ersten Lesung hören wir von der Taufe des heidnischen Hauptmannes Kornelius. Für die frühe Kirche war die Erkenntnis des Petrus eine gewaltige Errungenschaft. Auch für das Christentum bestand immer wieder die Gefahr, die Liebe auf einen kleinen Bereich zu reduzieren und alle anderen davon auszuschließen. Die göttliche Liebe lässt sich aber nicht eingrenzen, sie umfasst alle Menschen, alle Völker, alle Hautfarben, Rassen, Nationen, Kulturen und Religionen. Jesus hat in seinem Leben, Leiden, Sterben und in seiner Auferstehung DIE SÜNDE DER WELT hinweggenommen und alles in seine Liebe eingeschlossen. Nichts und niemand ist davon ausgenommen. Ziel ist, dass die göttliche Liebe alles so durchglüht, dass jeder ein gewaltiges Verlangen spürt, von dieser Liebe überzusprudeln und sie ohne Vorbehalt weiterzuschenken. Maßstab der Liebe ist die innere Freude, die in einer unbeschreiblichen Großzügigkeit erst ihre volle Erfüllung findet.
- Zum kommenden Muttertag
Die Mutter ist jedenfalls für das Kind der erste Wegbereiter. Ich habe das Bild vor mir, wie die Mutter das Kind gehen lehrt und es ermutigt. Ich sehe vor mir auch die Freude, in der das Kind die ersten Schritte geht. Vielleicht tritt die Mutter ein bisschen zurück, aber das Kind vertraut hundertprozentig, dass die Mutter da ist und es auffängt, wenn die Anstrengung zu groß wird. – Ein wunderschönes Symbol, eine Einladung, sich auf den Weg zur Selbstständigkeit, ja auch zur Selbstbestimmung zu machen. Dieses Bild mag das Wort Jesu noch verständlicher machen: Es geht einerseits um Selbstvertrauen: „Ihr kennt den Weg!“ Andererseits: Habt keine Angst, „ich bin der Weg“ (Joh 14,6). Dem entspricht auch das letzte Wort der Abschiedsreden:
„Dies habe ich zu euch gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33).
Vergleiche auch die Gedanken zum 6. Sonntag i.d. OZ. LJ A, in denen ein Teil der Abschiedsrede, die der heutigen voransteht (Joh 14), betrachtet wird.
Der Text wird auch im PDF-Format angeboten, mit der Bitte, ihn auszudrucken und an die Nächsten und Näheren weiterzugeben, die kein Internet haben.