Von rechnenden Menschen und einem verschwenderischen Gott

Nur auf gutem Boden, das heißt, wenn wir bereit sind, wirklich hinzuhören und uns vom Wort Gottes prägen zu lassen, wird die Saat aufgehen. – Aber ist das alles, was Jesus uns mit diesem Gleichnis sagen möchte? – Sehen wir noch einmal gemeinsam genauer hin:
Irgendetwas passt da nicht
Im Gleichnis geht ein Bauer in Palästina zu seinem Acker. Er hat Samen dabei und geht zu dem Feld, das er schon viele Jahre bestellt hat. Er kennt sein Stück Land. Und er wirft den Samen aus im hohen Bogen. Samen fallen auf den Weg, unter die Disteln, auf Felsen. Viel von dem, was er sät, verdirbt, geht verloren. Andere Samenkörner tragen Frucht.
Ein Gleichnis aus der Welt der Zuhörer Jesu. Scheinbar. Denn etwas passt an dieser Geschichte Jesu irgendwie nicht. Vielleicht haben die Zuhörer Jesu, möglicherweise viele Bauern, den Kopf geschüttelt oder sogar gelacht, als sie dieses Gleichnis Jesu gehört haben. Sie könnten sich gefragt haben: Warum hat dieser Sämann in der Geschichte das Gestrüpp, die Disteln nicht entfernt, bevor er aus-sät. Oder: Warum wirft er den Samen auch dorthin, wo klar ist, dass es nichts werden kann. Auf den Weg, auf den Felsen. Er kennt doch seinen Acker. Warum ist er so unachtsam?
Die Freude des Sämanns
Vielleicht will uns Jesus mit diesem Gleichnis noch etwas anderes sagen: Dieser Sämann hat so viel Freude am Säen, am Auswerfen, dass er nicht darauf achtet, dass ja alle Saat aufgeht und der Ertrag maximal ist.
Negativ könnten wir sagen: Der Sämann verschwendet seinen Samen. Daran ändert auch nichts, dass das, was schließlich aufgeht, mehr Ertrag bringt als gedacht. Es hätte noch mehr daraus werden können.
Positiv bedeutet die Art des Aussäens: Der Bauer ist großzügig und auch gelassen: Es wird genug aufgehen. Und das, was daraus wird an Frucht, ist ihm ausreichend.
Ein Gleichnis, das sagt schon das Wort, vergleicht etwas. Man könnte sagen: Der Sämann gleicht Gott. Und die Samenkörner gleichen Gottes Worten, Gottes Liebe und Zuwendung. Der Acker, den der Sämann, also Gott, kennt, ist die Welt, der Ort, wo wir Menschen leben.
Dann will diese Geschichte uns sagen: Gott schaut nicht darauf, ob seine Zuwendung und seine Botschaft auf guten Boden fallen, das heißt: offene Ohren finden. Gottes Liebe ist verschwenderisch. Er rechnet nicht kleinlich. Er ist nicht auf maximalen Profit aus. Und siehe da: Es geht doch etwas auf, von dem was Gott so verschwenderisch ausgibt. Seine Worte finden offene Ohren, offene Herzen. Und da, wo Gott ankommt, entsteht mehr Frucht, als zu vermuten war.
Sei freigiebig und großzügig
Tief im Herzen spüren wir Menschen, dass das Leben mehr ist als ein Abwägen zwischen Kosten und Nutzen. Immer nur zu berechnen, was mir mehr oder weniger bringt, kann der Freude, der Lust am Leben entgegenstehen. Wer nur auf maximalen Profit schaut, kann geizig werden, mit dem was er hat. Wer sich immer mit anderen vergleicht, denen es besser geht, die mehr haben, fühlt sich leicht zu kurz gekommen, wer immer genau rechnet, wieviel er gibt und dafür zurückerhält, kann bei einer negativen Bilanz leicht verbittern und verhärtet werden.
Das Beispiel Gottes hält dem entgegen: Hör auf zu rechnen. Gib, was du hast. Sei freigiebig, ja verschwenderisch. Und vertraue: Das, was du geben kannst, wird aufgehen und Frucht bringen. Und zwar mehr und oft auch anders als du dir ausrechnen kannst; manchmal sehen wir das auch erst später!
Das Gleichnis vom Sämann ermuntert uns, mit unseren Begabungen, Fähigkeiten und Möglichkeiten freigiebig, großzügig, ja verschwenderisch umzugehen. Wir dürfen darauf vertrauen: Es wird nicht vergeblich sein. Das, was wir verschenken, wird ertragreich sein: Dreißigfach, sechzigfach, ja hundertfach!
Martin Mitterwallner
zu den Bibelstellen:
Jes 55,10-11 | Ps 65,10-14 | Röm 8,18-23 | Mt 13,1-23 / 1-9 (Kurzfassung)
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