Die Bergpredigt – wem dient sie?
Die einen klagen die Christen an und sagen: diese Bergpredigt rechtfertigt ungerechte Zustände, und ihr meint, dass Gott das so will. Andere halten die Bergpredigt für komplett untauglich und weltfremd. Schöne Poesie, aber zu nichts zu gebrauchen.
Ihre Verheißungen wurden immer wieder missbraucht, etwa, indem die Armen auf das Jenseits vertröstet wurden. Jesus sagt ja, dass ihnen das Himmelreich gehört. Mit dieser Aussicht sei das karge Leben in Unterdrückung doch zu ertragen, meinten die Reichen und Mächtigen. Dass Jesus aber auch fordert, miteinander zu teilen und auf die Schwächeren zu achten, hat man geflissentlich übersehen – sodass die Ausgebeuteten und Armen denken konnten: Geh mir doch weg mit der Bergpredigt.
Die Kraft der Worte Jesu in der Bergpredigt hat immer wieder einzelne Menschen oder kleine Gruppen inspiriert. Sie haben sich engagiert und sogar ihr Leben riskiert, weil sie eine gerechte Welt wollten. Statt gesättigt zu werden, wie es Jesus verheißt, wurden sie inhaftiert, gefoltert, ermordet – sodass die Liebhaber der Gerechtigkeit sagen konnten: Geh mir doch weg mit der Bergpredigt.
Und haben wir es tatsächlich schon erlebt, dass die Sanftmütigen das Land erben? Die werden doch von den Mächtigen bloß für Schafe gehalten, mit denen man machen kann, was man will. Geh mir doch weg mit der Bergpredigt.
Es ist alles andere als einfach mit dieser Botschaft Jesu. Vertröstung, sagen die einen verächtlich. Nutzlose Utopie, sagen die anderen.
Der Mehrwert der Bergpredigt für uns heute
Was wäre, wenn wir versuchen, die Bergpredigt anders zu hören? Wenn wir sie befragen, was sie für unser Leben jetzt, in der Gegenwart, bedeuten könnte.
Es macht einen Unterschied für heute – wenn ich glaube, dass ich zum Himmelreich gehöre, zusammen mit meinen Schwestern und Brüdern. Es macht einen Unterschied für heute – wenn ich glaube, dass ich nicht ungetröstet bleibe. Es macht einen Unterschied für heute – wenn ich darauf hoffe, dass die Sanftmut ihre Kraft und Wirkung von Gott bekommt. Es macht einen Unterschied für heute – wenn ich darauf vertraue, dass Gott auf meine Sehnsucht nach Gerechtigkeit antworten wird. Es macht einen Unterschied für heute – wenn ich daran glaube, dass meine Liebe und meine Nachsicht ihre Wirkung entfalten und mich selbst reich machen. Es macht einen Unterschied für heute – wenn ich glaube, dass mein Beitrag zum Frieden mich näher zu Gott bringt. Es macht einen Unterschied für heute – wenn ich glaube, dass mich keine irdische Macht trennen kann von der Liebe und der Gegenwart Gottes.
Es macht einen Unterschied, wie wir die Bergpredigt hören. Sie ist weder nutzlose Utopie nach Vertröstung. Sie ist Jesu Verheißung und zugleich Aufforderung für unseren Glauben. Damit etwas vom Himmelreich hier Wirklichkeit wird.
Franz Starlinger, Pfarrer
zu den Bibelstellen:
Zef 2,3; 3,12-13 | Ps 146,5. 7-10 | 1 Kor 1,26-31 | Mt 5,1-12a
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