"Die arme Witwe hat mehr gegeben als alle anderen!"
Das Sonntagsblatt zum Ausdrucken und zum Nachlesen
"Dass der Jerusalemer Tempel nicht nur Ort des Gebets, sondern vor allem
auch „Schau-Platz“ war, das wussten zur Zeit Jesu alle. „Schau-Platz“ für Leute, die sehen und gesehen werden wollen. Dreizehn Opferstöcke luden dort ein, Geld einzulegen. Und das nicht nur still und heimlich. Die Beträge, die im Bauch der Opferstöcke verschwanden, wurden genannt. Was sage ich? Ausgerufen! Proklamiert! Wer viel gab, kam groß heraus. Dass vor diesem Hintergrund aus dem Schauplatz Tempel ein Marktplatz für Eitelkeiten werden konnte, lag nahe.
Wir finden heute Jesus mitten in diesem Geschehen wieder. Er sieht zu, wie Menschen kommen und gehen, wie sie geben und was sie geben. Er sieht die Reichen, die großzügig aus dem Vollen schöpfen – denen ihre Gabe keinesfalls weh tut, aber trotzdem große Wirkung auslöst. Er spricht kein Urteil über dieses Tun. Er weitet nur den Blick hin zu einer Witwe.
Sie ist vom Leben nicht verwöhnt. Allein zurückgeblieben, muss sie sehen, wie sie über die Runden kommt. Sie hat auch nicht viel. Aber das, was sie hat, bringt sie mit. Die Tagesration, abgezählt wie alles, legt sie in den Opferstock. Und mit den lumpigen Münzen sich selbst. Einen Tag, ihr Leben. ...."
Aus den Predigtgedanken von Dr. Josef Keplinger