Die Stimme erheben
Wir singen meist in einem Kollektiv, in einer Gemeinschaft, vielleicht in einem Chor oder Ensemble, mit einem Pianisten oder Orchester.
Dieses Wir macht das Musizieren so unglaublich spannend und erfüllend:
Wir gehören zusammen!
Ich selbst beherrsche mein Instrument und meinen Part, lasse mich nicht beirren und gehe dennoch im großen Ganzen auf. Oft gibt es Momente, da kann ich mich ein wenig anlehnen und mich auf jemanden neben oder vor mir verlassen. Dazu muss ich aber hören und spüren, was die anderen tun und dann gilt es, Rhythmus, Sprache, Melodie, Intonation, Phrase etc. umsetzen. Und dann ist da auch noch der Dirigent, auf den ich eingehen soll.
Wir gehören zusammen! Wir hören aufeinander und brauchen Zuhörer.
Eigentlich ist es ein Wunder, dass diese komplexen Abläufe funktionieren!
Besonders herausfordernd ist es, sich auf einen solistischen Auftritt vorzubereiten. Sich aus der Komfort-Zone heraustrauen, die Stimme alleine erheben und das Gelernte im „Jetzt“ umsetzen – dieser eine Moment, in dem die Fäden zusammenlaufen sollen.
In der Gruppe, gemeinsam, klappt das in der Regel ganz gut.
Aber wer sich schon einmal allein vors Publikum gestellt hat – alleine zu sprechen oder zu singen begonnen hat, kennt wohl dieses Gefühl: zitternde Knie, Angst, Lampenfieber.
Es braucht Mut.
Sich hinstellen, der Stimme vertrauen, den Frosch im Hals besänftigen und sich dem Publikum, aber noch mehr den eigenen Ängsten stellen!
Als Pädagogin beobachte ich diese Entwicklung bei meinen Studierenden mit großer Freude. Eine Vorstellung vor anderen, aber auch von sich selbst. Denn einem Auftritt folgt oft nicht nur ein Gefühl der Erleichterung, sondern eine ganz echte persönliche Entwicklung, ein Bekenntnis zu sich selbst.
Als Sängerin kämpfe ich oft selber mit Auftrittsängsten! Hab ich genug geübt? Kann ich das eigentlich? Genüge ich überhaupt?
Heuer, in diesem sehr aufwühlenden und anstrengenden Corona-Jahr durfte ich einige sehr besondere Auftritte absolvieren. Bei vielen hatte ich mit großer Nervosität zu kämpfen und merkte, dass dieser andauernde Ausnahmezustand an meinem Nervenkostüm nagt. Ich wünschte mir mehr Mut.
Zu Christi Himmelfahrt bekam ich die Einladung, im Linzer Mariendom ein Gedenken an den Wehrdienstverweigerer Franz Jägerstätter zu gestalten. Ich nahm natürlich sofort an. Seit vielen Jahren berührt mich diese Lebensgeschichte. Ein echter Christ, der es schlicht und einfach für falsch gehalten hat, eine Waffe in die Hände zu nehmen, um für Hitler in den Krieg zu ziehen.
Die Gedenkmesse beginnt und mein Mut kämpft mit meinem Lampenfieber.
Nun werden Briefe von Jägerstätter vorgelesen, aus dem Gefängnis.
Er erwartet die Todesstrafe und bleibt fest.
Und ich bin tief berührt und merke, dass meine Nervosität gar nichts zu bedeuten hat .
Und wieder einmal wurde mir da klar: „Die Stimme erheben“ kann noch viel mehr bedeuten! Aufstehen gegen Unrecht, gegen Intoleranz, für die Menschenrechte, für den Frieden, für die Nächstenliebe, für die Solidarität!
Wir gehören zusammen! Dafür müssen wir ein bisschen Mut aufbringen, der in unseren Zeiten im Vergleich zu Jägerstätter nur wie eine Feder wiegt.
In großer Demut hörte ich die Worte eines Menschen, der das schwerwiegendste Bekenntnis zu sich selbst und seinem Glauben abgelegt hat. Einer, der wahrlich seine Stimme erhoben hat!

