Nachlese Linzer Friedensgespräche „ Wahrheit im Wandel“
Über 200 Besucher:innen folgten der Einladung der Veranstaltergemeinschaft zu den Linzer Friedensgesprächen im Wissensturm, darunter auch Ferdinand Kaineder, Präsident der Katholischen Aktion Österreich. Mit dem Thema „Wahrheit im Wandel“ war man offenbar am Puls der Zeit.
Die Menschen sind verunsichert, was man in der Welt der digitalen Medien überhaupt noch glauben kann. Martina Mahrer, Professorin an der JKU Linz, ging in ihrer Keynote auf das Phänomen des Anthropomorphismus ein, ein Phänomen, das bewusst genutzt wird, um Menschliches in Maschinen zu sehen und damit emotionale Bindungen zu digitalen Produkten wie Chatbots oder Robotern zu wecken. „Menschenähnliche KIs stellen durchaus eine Gefahr dar“, so Mara, „und damit wird KI-Kompetenz zu einem Schlüsselfaktor für die Bildung der Zukunft.“
In eine ähnliche Kerbe schlug Medienexperte Andre Wolf. Aus seiner Sicht ist die Erosion der gemeinsamen Realität eine große Gefahr. Menschen nutzen unterschiedliche Medien und Informationsquellen und verlieren so die gemeinsame Faktenbasis auf der eine inhaltliche Auseinandersetzung stattfinden könnte. In der Informationsflut der sozialen Medien feiern Verschwörungstheorien fröhliche Urstände. Manche Player handeln überhaupt nach dem Motto „Flood the zone with shit (Flute die Zone mit Mist)“ um die Menschen zunehmend zu verunsichern und ratlos zurückzulassen, was sie denn noch glauben können. Diesen Zustand nutzen dann selbsternannte Heilsbringer, um mit einfachen, oft gefährlichen Antworten den Menschen Halt anzubieten. Das Resümee von Andre Wolf: „Wir müssen wieder eine gemeinsame Informationsgrundlage haben!“
Den beunruhigenden Befund ihrer beiden Vorredner:innen griff Melanie Wolfers, Bestsellerautorin und Mentorin für Resilienz in ihrer Keynote auf. Sie wies darauf hin, dass positive Entwicklungen auf dem Planeten Erde im Sog der Krisenmeldungen kaum mehr wahrgenommen werden. Dies kann man etwa anhand des „Gap Minder Tests“ (www.gapminder.org) mit einem Fragebogen zu globalen Entwicklungen schön aufzeigen. Melanie Wolfers sieht in der verbreiteten Mutlosigkeit eine große Gefahr. Ihre zentrale Aussage ist, dass wir gegen die auf uns einströmenden negativen Nachrichten kaum etwas tun können, wohl aber liegt es an uns, zu entscheiden, wie wir damit umgehen.
Ihr Plädoyer: „Angst bekommen wir von allein, aber für die Zuversicht müssen wir etwas tun“.
Wolfers nennt drei wesentliche Quellen der Zuversicht. Erstens, der Freude und Dankbarkeit Raum geben. Zweitens, die Kraft des Wir zu nutzen, denn gemeinsames Handeln macht Hoffnung. Und drittens, regelmäßig auf die Pausetaste zu drücken, weil wir Räume des Innehaltens und Reflektierens brauchen. Zuletzt ging Melanie Wolfers noch auf die Bedeutung von Religion und Glaube ein und verwies auf Studien, die in einer tragfähigen Spiritualität und einem gelebten Glauben einen wesentlichen Faktor für Resilienz und Zuversicht ausmachen.
Anschließend an die Keynotes konnten die Teilnehmenden das Gehörte in drei parallellaufenden Workshops mit den Referent:innen vertiefen, ehe in einer abschließenden Podiumsrunde auch noch Fragen aus dem Publikum besprochen wurden. Die Veranstaltung hat bei den Besucher:innen großen Anklang gefunden. Man konnte sich äußerst fundiert mit einer hochbrisanten gesellschaftlichen Entwicklung auseinandersetzen, Wissen generieren und sich mit anderen dazu austauschen. All das nährte schon die Vorfreude auf die Linzer Friedensgespräche im Februar 2027, deren Thema in den kommenden Monaten festgelegt werden wird.
Manfred Hofmann, Katholische Aktion OÖ