HIOB
Worum geht es im Buch Hiob?
Hiob ist ein wohlhabender und sehr frommer Mann. Er lebt gerecht und vertraut auf Gott. Doch eines Tages verliert er alles: seinen Besitz, seine Kinder, seine Gesundheit. Wie wir aus der Rahmenerzählung erfahren, geschieht das, weil im Hintergrund eine Art „Prüfung“ stattfindet: Der Widersacher (Satan) behauptet, Hiob sei nur deshalb gläubig, weil es ihm gut geht. Gott erlaubt daraufhin, dass Hiob geprüft wird.
Trotz seines großen Leidens bleibt Hiob zunächst Gott treu, beginnt aber später zu zweifeln und fragt, warum er so ungerecht behandelt wird. Dann kommen Freunde zu ihm und diskutieren mit ihm. Sie behaupten: Leid sei immer eine Strafe für Schuld. Hiob widerspricht und sagt: Er habe nichts getan, was dieses Leid verdient. Am Ende spricht Gott selbst zu Hiob. Er gibt keine direkte Erklärung, sondern zeigt, dass der Mensch Gottes Handeln nicht vollständig verstehen kann.
Auseinandersetzung mit einer der großen Menschheitsfragen
Es geht im Buch Hiob um den Umgang mit und das Verstehen von menschlichem Leid. Das Leid des Menschen ist ein zentrales Thema aller Religionen. Im Buch Hiob spiegelt sich eine Auseinandersetzung mit den Mythen und Religionen der umgebenden Großmächte wider. Mit der Frage nach dem Leid ist immer auch verbunden die Frage: Welche Rolle spielen die Götter, spielt Gott dabei?
Im Buch Hiob wird die in der damaligen Welt weit verbreitete Überzeugung in Frage gestellt, dass es den Menschen, die gerecht und gut leben, auch gut gehen wird. Der sogenannte Tun-Ergehen-Zusammenhang ist Kennzeichen dieser alten Tradition: Handelt ein Mensch gut – geht es ihm gut – an seinem Leiden kann man sehen, dass er schuldig geworden ist. Darin spiegelt sich auch ein bestimmtes Verständnis von Gerechtigkeit wider. Diese alte Tradition wird in unterschiedlicher Weise argumentativ bekämpft. Und genau hier kommen die Freunde Hiobs ins Spiel.
Die Rolle der Freunde Hiobs
Sie stehen für unterschiedliche Konzepte bzw. Erklärungsversuche für den Umgang mit dem Leid des Menschen:
Die drei Freunde (Elifas, Bildad und Zofar) kommen - auf unterschiedlichen Wegen - letztlich zum gleichen Ergebnis: Das Leiden Hiobs ist eine Folge seiner Sünde. Deshalb fordern alle Hiob auf, Buße zu tun.
Später kommt der junge Freund Elihu ins Spiel, der sich bis dahin offenbar zurückhält: er gibt weder den anderen drei Freunden noch Hiob Recht. Seine Erklärung: Gott ist gut und immer gerecht und er benützt Leiden, um den Gerechten zu reinigen.
Keiner von den Freunden weiß um den Wettstreit, auf den sich Gott und Satan eingelassen haben! Das erfahren wir aus der Rahmenerzählung.
Auffallend ist, dass Hiobs Freunde immer über Gott reden, aber nicht mit ihm. Bei Hiob ist das anders. Bei seinen Antworten wendet er sich nicht nur an seine Freunde, sondern auch an Gott. Hiobs Beziehung zu Gott ist sehr lebendig, während die Gottesbeziehung seiner Gesprächspartner emotional unverbunden und verkopft erscheint.
Was/Wer hilft im Leid?
Hiob klagt, schreit, ist verzweifelt wegen dem schweren Leid, das über ihn gekommen ist. Er findet Worte für das, was weh tut. Schmerz auszusprechen ist Teil des Verarbeitens. Er geht sogar in einen Streit mit Gott und begehrt gegen ihn auf. Es ist wichtig, in solchen Situationen alle Gefühle zuzulassen. In der Bibel ist die Klage eine wichtige Form des Gebetes.
Der Beistand von Menschen ist wichtig, auch wenn sich diese nicht immer hilfreich verhalten. Trotzdem ist es gut, in schwierigen Zeiten Freunde zu haben. Die Erfahrung „Ich bin nicht allein mit meinem Leid“ ist hilfreich und tröstlich. Ganze sieben Tage sind Hiobs Freunde einfach nur da, an seiner Seite, sind selber stumm angesichts seines Leids, finden keine Worte: „Denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.“ (Hiob 2,13).
Doch dann entwickelt sich der Trauerbesuch auf einmal zu einer Art Gerichtsverhandlung. Es kommen Anschuldigungen, Vorwürfe, Schuldzuweisungen und rationale, eigentlich stark moralisierende Erklärungsversuche. Damit verlieren sie aber die innere Verbindung zu ihrem Freund Hiob. Er fühlt sich nicht verstanden und unterstützt, sondern der bemühte Beistand der Freunde wird zur zusätzlichen Last. Neben dem schweren Tragen des erlittenen Leids wird ihm jetzt auch noch die Schuld dafür zugewiesen.
Eine wichtige Botschaft des Hiobbuches: man kann nicht immer für alles eine Erklärung oder einen Sinn finden. Manchmal müssen wir es aushalten, dass etwas unverständlich oder unerklärlich ist. Auch wenn wir keine Antwort bekommen, hören wir nicht damit auf zu (hinter)fragen. Hiob steht für das „Ich bin noch da“ auch trotz schweren Leids. Das ist eine kraftvolle Haltung und kann vielleicht auch ein gewisser Trost für schwere Zeiten sein. Erst am Ende seines Kämpfens und Ringens mit seinem Schicksal kommt Hiob zur Aussage: „… jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.“ (Hiob 42,5b)
Zuletzt führt die Fürbitte des Hiob für seine unverständigen Freunde, die ihm in seinem Elend noch zusätzliche Verletzungen zugefügt haben, dazu, dass sich sein Geschick wendet. Gott „rehabilitiert“ Hiob wegen seines tiefen Glaubens und er tadelt die Freunde. Er segnet Hiob und schenkt ihm sozusagen wieder ein neues Leben.
Das Buch Hiob – eine Kritik an problematischen Gottesbildern?
Im Buch Hiob geht es jedenfalls wesentlich auch um eine Kritik an einem Bild von Gott, der Machtspiele betreibt, der Unrecht bestraft, der zornig ist über die Schwäche und Fehlerhaftigkeit der Menschen oder der gänzlich vom Leben und Leiden der Menschen abgehoben ist. Darin steckt wohl auch eine Kritik von damaligen Herrschern, auch der umgebenden Großmächte.
Letztlich wird Gott als unverfügbar und auch unergründlich vorgestellt. Über lange Strecken des Hiobbuches schweigt Gott, er tritt erst sehr spät auf den Plan (ab Kapitel 38). Das Schweigen Gottes erschüttert das menschliche Bedürfnis nach „richtigen Erklärungen“. Es zwingt den Menschen, sich mit der eigenen Ohnmacht, der Begrenztheit des Verstehens und der Unvorhersehbarkeit des Lebens zu konfrontieren.
Ein Versuch der Erklärung für die ungelöste Menschheitsfrage nach dem Sinn von Leid ist begründet in der biblischen Weisheitstradition (Hiob 28). Sie besteht nicht darin alles zu durchschauen, sondern auf ein Verstehen zu verzichten und sich in Demut zu üben.
In den später zum Buch hinzugefügten Reden des Elihu (Hiob 29-31) treffen wir auf einen weiteren Zugang für das Bewältigen von Leid: Nicht die Frage nach dem Warum des Leidens hilft uns Menschen weiter, sondern vielmehr die Frage nach dem Wohin und Wozu: wohin führen uns Erfahrungen von Leid, Not und Tod im Leben und was konnten wir durch das Durchleben und Durchleiden dieser Erfahrungen lernen und in uns entwickeln?
Eine letztgültige Antwort auf die große Menschheitsfrage nach dem Sinn von Leid liefert uns das Buch Hiob aber nicht.
Vielmehr sind wir als LeserInnen dazu eingeladen, uns auf dieses Ringen einzulassen und Lösungen zu finden, die ein menschengerechtes und menschenwürdiges Leben auch im Leiden möglich machen.
Diese ungelösten Fragen werden uns Menschen auch weiterhin – und wohl immer – beschäftigen. Annäherungen und Antworten finden wir zuletzt wohl weniger über den Verstand als vielmehr über das Herz und die Erfahrung von Verbundenheit und Beziehung.
Fragen an uns Männer:
- Wie gehe ich mit Leid, Schmerz, Ohnmacht und Trauer um?
- Finde ich einen Ausdruck, eine Sprache dafür? (Fragen, Klagen, Konfrontation, Protest, Weinen, Körperausdruck)
- Kann ich mich anderen anvertrauen, wenn ich in Not bin?
- Wer oder was hilft mir im Bewältigen von Leid und Schmerz wirklich?
- Was sind die Möglichkeiten und Grenzen von Freundschaft?
- Was ist wirklich tröstlich? Wie schaut hilfreicher Trost aus?
- Hilft mir meine Beziehung zu Gott, wenn ich in Not bin? Hilft mir das Beten?
- Hiob – Dulder und Rebell: Wann ist es angesagt, Leid an- und hinzunehmen? Wann gilt es, gegen Leid und Ungerechtigkeit seine Stimme zu erheben und dagegen aufzubegehren?
