Wie oft muss ich vergeben? (Mt 18, 21–35)
Und wie es in Familien ist, so ist es auch in Gruppen, Vereinen und Gemeinden.
Auch unsere eigene Geschichte als Kirche hat uns das schon gelehrt.
Denken wir nur an Schlagworte wie: Evangelisch oder katholisch, alte oder neue Liturgie, Eucharistiefeier oder Wortgottesfeier – viele Themen wurden und werden auch heute noch heftigst diskutiert – und auch dort entstehen Spannungen und mitunter auch Spaltungen.
Oft erscheint Versöhnung dann fern, ja gerade zu unmöglich. Wie soll es nach vielen gegenseitigen Verletzungen noch möglich sein, Vergebung geschehen zu lassen? Wenn Worte zu Gift werden, wenn Mauern gezogen werden, wenn wir einander nicht mehr die Hand reichen können oder gar uns nicht mehr in die Augen schauen können?
Einfache Lösungen gibt es bei all diesen Themen wohl nicht.
Und doch gibt es am Ende keine wirkliche Alternative zur Vergebung. Ein endloses Aufrechnen der gegenseitigen Schuld führt nur zur Vertiefung der Gräben, das wiederum nur noch mehr Leid hervorbringt. Noch mehr Trennung. Ohne die Kraft zur Vergebung kann Gemeinschaft nicht gelingen.
Vergebung bedeutet dabei nicht, Unrecht zu verharmlosen oder gar zu negieren. Es geht darum die Schuld nicht zurückzufordern, sie nicht aufzurechnen oder gar zu vergelten.
Es geht eben nicht um eine Mathematik des Verzeihens. Wenn Petrus im heutigen Evangelium fragt, wie oft er einem, der an ihm schuldig geworden ist, vergeben muss und gleich einen Vorschlag gibt: siebenmal, dann ist dieses Aufrechnen da drin. Man könnte meinen nach sieben Mal verzeihen muss auch mal genug sein. Alles hat schließlich seine Grenzen! Auch die Vergebung?
Doch Jesus antwortet: Siebzigmal sieben, so oft sollen wir vergeben. Er meint damit wohl nicht tatsächlich 490mal, sondern damit ist symbolisch gesagt: unendlich mal sollst du verzeihen. Vergebung geschieht ohne Maß, ohne Limit.
Als Christen wissen wir, dass wir bei Gott grenzenlose Vergebung erfahren. Er vergibt uns aus Erbarmen und Mitleid, wie es der König im heutigen Evangelium tut.
Gleichzeitig zeichnet Jesus im heutigen Evanglium ein sehr anschauliches Bild davon, wie wir es eben nicht tun sollen.
Wenn Gott in seiner Güte uns immer und alles vergibt – sofern wir bereuen und um Vergebung bitten – dann sollten auch wir diese Vergebung in unserer Mitte leben und weitergeben und nicht wie der Mann in der Geschichte diese Vergebung verwehren.
Denn: Gottes Erbarmen ist weitaus größer als wir uns das jemals vorstellen können.
Gott gibt uns die Zusage: Ich verzeihe dir, immer wieder und aufs Neue. So sollen wir auch handeln.
Gar nicht so einfach finde ich. Doch wir können es versuchen, zumindest ein wenig, jeden Tag, im Wissen, dass wir Vergebung erfahren haben und immer wieder neu erfahren.
Amen

Stefanie Seiler, Seelsorgerin