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Väter auf Mission

39 Kinder, 25 Väter und ein Wochenende ohne Mütter. Geht das bis zum Mond und wieder zurück?

Die Zeichen stehen auf Abflug an diesem Samstagmorgen, dem 25. Juli 2026, im Stiftsmeierhof St. Florian. 39 Kinder zwischen fünf und sechzehn Jahren, 25 Väter und erstaunlich wenige verabschiedende Mütter haben sich zum Vater-Kind-Wochenende der KMB St. Florian eingefunden. Die Mütter wissen mittlerweile, dass ihre Kinder in guten Händen sind. Manche nutzen die unvermeidliche Nebenwirkung der Veranstaltung für ein Frühstück im Kaffeehaus, einen gemeinsamen Ausflug oder ganz einfach ein Wochenende, an dem einmal niemand fragt, wo die zweite Badehose liegt.

 

Hannes Hofer, Leitwolf der Florianer Vater-Kind-Gemeinschaft, kontrolliert die Anwesenheit, gibt das erste Ziel bekannt und regt zur Bildung von Fahrgemeinschaften an. Das Prozedere ist erprobt, die Autokolonne beinahe startklar. Beinahe. Ausgerechnet die Feuerwehrspritze, die später am See noch eine tragende Rolle spielen wird, wartet bei der Feuerwehr auf ihre Abholung. Ein Vater fährt mit seiner Tochter noch einmal zurück, während ein junger Teilnehmer vorerst am Parkplatz bleibt. Allein bleibt er freilich nicht. Andere Väter und Kinder warten mit ihm, bis die Familie wieder vollständig und die Feuerwehrspritze an Bord ist. Man fährt gemeinsam weg oder gar nicht. So funktioniert das hier.

 

Die erste Etappe führt ins Gläserne Tal. Rund eineinhalb Stunden wandert man durch den angenehm schattigen Wald, stets begleitet von einem kleinen Bach und gelegentlich von einigen Bremsen, die das Programm auf ihre Weise interaktiv gestalten. An verschiedenen Stationen erfahren die Kinder, woraus Glas besteht und was man daraus machen kann. Es wird gespielt, ausprobiert und durch ein großes Glaskaleidoskop geschaut. Die Strecke ist für Fünfjährige ebenso gut zu bewältigen wie für Sechzehnjährige, was bei einer Gruppe mit dieser Altersspanne keineswegs selbstverständlich ist.

 

Am Ende der Wanderung locken beim Wirt ein kühles Getränk oder ein Eis. Die Kinder zieht es bald wieder zum Bach. Kaulquappen werden entdeckt, dazu mehrere Flusskrebse. Ein besonders stattliches Exemplar, geschätzte acht bis zehn Zentimeter lang, wird zum Objekt einer engagierten Fangaktion. Der Krebs beobachtet das Treiben offenbar mit größerer Gelassenheit als seine Verfolger und bleibt am Ende dort, wo er hingehört. Die Kinder ziehen ohne Krebs, aber mit einer Geschichte mehr weiter.

 

Nächste Station ist das SeePoint – das Feriendorf in Nußdorf am Attersee, das Jugend- und Ausbildungszentrum der Österreichischen Wasserrettung. Die Anlage besteht unter anderem aus Holzhäusern mit Stockbetten sowie einem zentralen Gemeinschaftsgebäude. Mehrere Familien beziehen gemeinsam die kleinen Häuser. Für den einen oder anderen Vater mit ausgewiesener Schnarchkompetenz findet sich vorsorglich ein separates Zimmer. Die Kinder sichern sich die bevorzugten Stockbetten, die Väter versuchen, den Überblick über Taschen, Schlafsäcke und Bettzeug zu behalten. Noch gelingt das.

 

In der Zwischenzeit wartet im Zentralhaus das Mittagessen. Hendlhaxen mit Erbsenreis werden serviert und von einer Gruppe verspeist, die bereits einen Vormittag lang gewandert, geforscht und Krebse gejagt hat. Die Küche besteht die erste größere Belastungsprobe des Wochenendes ausgezeichnet.

 

Danach geht es die rund 150 Meter hinunter zum Attersee. Das im Vorfeld geplante „Discotaxi“ wird wegen akuter Überflüssigkeit gestrichen. Bei dieser Entfernung wäre eine Fahrt schwerer zu rechtfertigen als ein Sprung vom Steg, und von Letzterem gibt es an diesem Nachmittag ausreichend viele. Das Wetter hält, das Wasser ist angenehm, die Stand-up-Paddles werden zu Wasser gelassen. Ältere Kinder verbinden zwei Boards zu einer Art Expeditionsschiff und paddeln gemeinsam in die nächste Bucht. Anderswo wechseln die Besatzungen laufend, jüngere und ältere Kinder spielen miteinander Ball, auf der Airtrack-Matte wird geturnt.

 

Auch die gerettete Feuerwehrspritze kommt zum Einsatz. Ihr ursprünglicher Zweck tritt kurzfristig in den Hintergrund, als vorbeifahrende SUP-Besatzungen unter Beschuss genommen werden. Mit einem kräftigen Gummiband werden außerdem Tennisbälle in Richtung See geschossen. Offizielles Ziel ist es, einen Vater vom Brett zu holen. Die meisten Bälle geraten zu kurz oder verlassen die vorgesehene Flugbahn frühzeitig. Einige treffen immerhin das Board oder das Paddel. Der Vater landet schließlich tatsächlich im Wasser, allerdings nicht durch einen direkten Treffer, sondern beim Versuch, einem Ball auszuweichen. Man kann das als frühen Erfolg der psychologischen Kriegsführung verbuchen.

 

Am späten Nachmittag wandert jeder in seinem eigenen Tempo zurück zur Unterkunft. Die ersten Väter bereiten bereits die Grillstellen vor. Das Anheizen gestaltet sich etwas abenteuerlich, weil die bereitgestellten Gasflämmer nicht durch restlose Dichtheit überzeugen. Die eine oder andere flammende Überraschung sorgt für erhöhte Aufmerksamkeit. Mit angemessen großem Sicherheitsbewusstsein und einigen entschlossenen Handgriffen entsteht trotzdem eine solide Glut.

 

Nun grillt jeder Vater für seine Kinder, gelegentlich auch für sich selbst. Auf den Rosten liegt eine kulinarische Bandbreite, die von Würsteln und Smashed Burgern bis zu Steaks reicht, deren Größe auf eine Herkunft aus dem Erdmittelalter schließen lässt. Dazu gibt es „Kafka“, die Kurzbezeichnung für eine Käsekrainer in der Semmel mit Senf und Ketchup. Die Kinder drehen Steckerlbrot über dem Feuer. Es wird gegessen, getauscht, nachgelegt und beurteilt, welcher Vater das Fleisch besonders zuverlässig nicht verbrannt hat.

 

Dann hebt das Wochenende thematisch ab. Gernot Grömer ist gemeinsam mit seinem Sohn mitgefahren. Als Direktor des Österreichischen Weltraum Forums verfügt er über ein Fachwissen, bei dem selbst Erwachsene rasch erkennen, wie überschaubar das eigene Wissen über den Mond bisher war. Im großen Gemeinschaftsraum erzählt er von Mondkratern, Mondstaub und den Besonderheiten anderer Himmelskörper. Ein kleines Reagenzglas mit künstlichem Mondstaub wandert durch die Reihen. Öffnen darf man es nicht, dafür lässt sich genau beobachten, wie fein das Material schwebt und wie eigenartig es sich wieder absetzt. „Papa, Papa, der Gernot weiß so viel. Ich habe nicht gedacht, dass man über den Mond noch so viel mehr wissen kann“, stellt ein Kind beeindruckt fest. Besser lässt sich die Wirkung dieses Vortrags nicht zusammenfassen.

 

Das Motto „Bis zum Mond und wieder zurück“ passt auch zur Raumfahrtgeschichte dieses Jahres. Erst im April hatte Artemis II vier Menschen mit der Orion-Kapsel um den Mond und sicher zurück zur Erde gebracht. Das von der Europäischen Weltraumorganisation bereitgestellte Servicemodul versorgte das Raumschiff dabei unter anderem mit Antrieb, Strom, Luft, Wasser und Temperaturregelung. In Nußdorf fällt das Raumfahrtprogramm etwas kleiner aus, bleibt dafür ausgesprochen handgreiflich.

 

In einer Schale werden Sand, Mehl und Kakao übereinandergeschichtet. Die Kinder lassen Murmeln und Steine aus verschiedenen Höhen und Winkeln einschlagen. Es staubt, tiefere Schichten werden nach oben geschleudert, große und kleine Krater entstehen. Plötzlich wird verständlich, warum die Mondoberfläche so aussieht, wie sie aussieht. Schräger Einschlag, gerader Einschlag, mehr Kraft, weniger Kraft: Wissenschaft kann recht einfach sein, wenn man anschließend den Tisch abwischt.

 

Mehrere Teleskope stehen bereit, darunter auch ein elektronisches Gerät, mit dem einzelne Mondkrater detailliert hätten betrachtet werden können. Hätten. Denn ausgerechnet während des Vortrags ziehen Wolken auf. Der Mond bleibt über dem Höllengebirge zwar sichtbar, versteckt sich aber hartnäckig hinter einem dünnen Schleier. Man trägt die Geräte trotzdem zum Steg, baut alles auf und hofft auf eine Lücke. Sie kommt nicht.

 

Das macht erstaunlich wenig. Der Weg zum See wird zum lauen Abendspaziergang, anschließend sitzt man wieder am Lagerfeuer. Marshmallows und Steckerlbrot werden geröstet, Väter führen Gespräche über Familie, Alltag, Erziehung und Gott und die Welt. Manche von ihnen sehen einander das ganze Jahr nur flüchtig. Hier ist Zeit, länger zuzuhören und andere Meinungen kennenzulernen.

 

Nach und nach verschwinden die Familien in den Holzhäusern. Dort zeigt sich, dass ein mitgebrachter Schlafsack nur dann zuverlässig wärmt, wenn man ihn vor Einbruch der Dunkelheit findet und ausrollt. Während die ersten bereits schlafen, suchen andere möglichst geräuschlos zwischen Taschen und Betten nach ihrer Nachtausrüstung. Gemeinschaftliches Wohnen schafft Erfahrungen, die das eigene Kinderzimmer nur eingeschränkt bieten kann. Schließlich wird es ruhig. Erstaunlich ruhig sogar.

Vater/Kind-Wochenende 2026

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    Der Sonntag beginnt unterschiedlich motiviert. Manche stehen rasch auf, andere müssen erst davon überzeugt werden, dass Frühstück bereits eine reale Möglichkeit ist. Brot, Semmeln, Wurst, Käse, Marmelade, Kaffee und Tee bringen die Lebensgeister zurück.

     

    Danach versammelt Hannes die Gruppe zur traditionellen Morgeneinheit. Zunächst wird Pizza gebacken, allerdings auf den Rücken der Teilnehmer. Es wird geknetet, belegt, gebacken, geschnitten und schließlich verspeist. Kinder massieren ihre Väter, Väter ihre Kinder. Aus einer eben noch ausgelassen herumtollenden Gruppe wird innerhalb weniger Minuten ein ruhiger Kreis. Später wird die Geschichte „Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab?“ erzählt. Väter und Kinder sagen einander, was sie am anderen schätzen. Es wird nachgedacht, zugehört und Nähe zugelassen. Der leiseste Programmpunkt gehört zu den stärksten des Wochenendes.

     

    Anschließend beginnt die Mission Wasserrakete. Aus jeweils zwei leeren PET-Flaschen entstehen Flugkörper mit Finnen, einer zusätzlichen Spitze und einem versteckten Fallschirm. Dazu bauen die Familien eigene Startrampen, deren Bauteile von technisch versierten Vätern teilweise mit dem 3D-Drucker vorbereitet wurden. Wasser kommt in die Flasche, mit einer Luftpumpe wird Druck aufgebaut, dann wird die Verriegelung gelöst. In der Theorie steigt die Rakete auf, der Fallschirm öffnet sich und bringt sie sanft zurück.

     

    In der Praxis öffnet sich der Fallschirm manchmal nicht. Gelegentlich bricht eine Finne ab, ein Stoppel hält nicht dicht oder das Wasser verlässt die Konstruktion vor dem vorgesehenen Zeitpunkt. Einzelne Raketen landen auf einem Dach. Man repariert, holt Rat ein und startet ein zweites, drittes oder viertes Mal. „Wie hast du das gemacht?“ ist an diesem Vormittag eine der wichtigsten Fragen. Jeder Vater hilft nicht nur den eigenen Kindern. Einer erklärt den Raketenbau, ein anderer knotet Fallschirme, der nächste betreut die Startrampen.

     

    Ein technikbegeisterter Vater ergänzt die Mission mit Lautsprecheranlage, Mikrofonen, passender Musik und einem eigens mithilfe künstlicher Intelligenz erstellten Vater-Kind-Wochenende-Song. Beim Raketenstart läuft „Rocket Man“. Mit einem Laser werden außerdem runde Metallanhänger graviert: auf der Rückseite das Emblem des Vater-Kind-Wochenendes, vorne der eigene Name. Kinder gestalten Anhänger für ihre Väter, Väter für ihre Kinder.

     

    Zum Abschluss werden rund 20 Raketen gleichzeitig aufgestellt. Gernot Grömer fragt die einzelnen Stationen professionell nach „Go“ oder „No-Go“ ab. Noch ist es bemerkenswert still. Dann beginnt der Countdown: „Ten, nine, eight …“ Jetzt zählt die gesamte Gruppe laut mit. Beim Start schießen die Wasserraketen gleichzeitig in den Nußdorfer Himmel. Es folgen Jubel und Applaus. Mit Argusaugen wird beobachtet, welche Rakete am höchsten steigt, welcher Fallschirm sich öffnet und wo mit einem etwas härteren Wiedereintritt zu rechnen ist.

     

    Zu Mittag gibt es Spaghetti Bolognese, danach wird geräumt, geputzt und der Platz für die nächste Gruppe vorbereitet. Das Wetter ist kühler geworden. Einige Unerschrockene gehen trotzdem noch einmal zum See, die anderen treten nach und nach die Heimreise an.

     

    Hannes dankt allen, die vorbereitet, gebaut, transportiert, erklärt und Verantwortung übernommen haben. „Väter für Väter“ ist das Prinzip. Keine Agentur organisiert dieses Wochenende. Familienväter gestalten es für andere Familienväter und deren Kinder. Einige sind seit vielen Jahren dabei, andere zum ersten Mal. Ältere Kinder wachsen langsam hinaus, jüngere Familien kommen nach und bringen neue Ideen mit.

     

    Auf der Heimfahrt schlafen viele Kinder ein. Einige schaffen es noch bis zum Baumi und holen sich ein Eis. Im Gepäck liegen feuchte Badesachen, selbst gebaute Raketen, gravierte Schlüsselanhänger und Geschichten, die vermutlich noch in vielen Jahren erzählt werden. 

     

    Klaus Harrer-Nemecek
    © Fotos: Teilnehmer_innen des KMB Vater/Kind Wochenende & besonderer Dank an Peter von bodis.tv

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