Eduard Dörfler †
Eduard Dörfler
Meine Lebensgeschichte – Verfasst 2003 anlässlich 10 Jahre Wohngemeinschaft Bachweg
Ich bin 48 Jahre alt und habe in meinem bisherigen Leben immer wieder Höhen und Tiefen durchlebt.
Mein Vater verstarb, als ich fünf Monate alt war und somit stand meine Mutter mit drei Kindern allein da. Meine Schwestern waren zwei und drei Jahre alt.
Es begann eine schwere Zeit für meine Mutter. Zu meinem Bedauern wuchs ich von meinen Schwestern getrennt auf, die die bei meiner Großtante in Hellmonsödt aufgezogen wurden.
Ich selber war bis zum dritten Lebensjahr im St. Josefsheim. Meine Mutter holte mich zurück und zog mich in einer kleinen Wohnung in Linz auf.
Nach der Pflichtschule besuchte ich die HTL für Hochbau in Krems und lebte dort im Internat. Diese Kosten waren für meine Mutter zu hoch und so brach ich die Schule ab und stieg in den Lehrberuf für Einzelhandel ein.
Bei diesem Lehrherrn blieb ich bis zum Bundesheer, welches ich in Ebelsberg absolvierte. Ich kehrte wieder in meinen erlernten Beruf zurück und entschied mich bald, das Abendgymnasium zu besuchen. Diese Anforderung, ganztags zu arbeiten und abends in die Schule zu gehen, das bisschen Freizeit um zu lernen, wurde mir zu viel. Nach einem Jahr brach ich die Schule ab und ging nur mehr der Arbeit nach. Der Alkohol wurde immer mehr zum Problem. In dieser Zeit lernte ich viele (falsche) Freunde kennen, mit denen ich viel unterwegs war. Anfangs glaubte ich die familiären Defizite durch Alkoholkonsum ausgleichen zu können, was jedoch ein großer Irrtum war.
Auch meine Mutter hatte massive Alkoholprobleme und mehrere Aufenthalte im Wagner Jauregg-Krankenhaus sowie die Delogierung der Wohnung hinter sich.
Diese Umstände belasteten meine Psyche immer mehr und mehr. Es begleiteten mich Angst- und Schamgefühle. In dieser Zeit hätte ich eine Vertrauensperson gebraucht, der ich mein Herz ausschütten hätte können. Nach einigen Wohnungswechseln war mein letzter Aufenthalt im Kolpinghaus.
Bei meinem ersten stationären Aufenthalt 1980 in der Psychiatrie wurde erstmals Alkoholpsychose diagnostiziert. Mein Vorsatz, mich von der Abhängigkeit zu lösen, misslang mir. Es folgten noch weitere sechs Aufenthalte, wobei ich in den Altbau asyliert wurde.
Die Vermittlung vom Arbeitsamt an einen neuen Arbeitsplatz gestaltete sich sehr schwierig. Bei den Vorstellungsgesprächen bekam ich immer wieder zu hören,- sie waren im Jauregg?
Sozusagen kommt man auf das zweite Gleis der Schiene. Für mich begann die schwerste Zeit in meinem Krankheitsverlauf. Insgesamt verbrachte ich sechs Jahre im Wagner Jauregg-Krankenhaus. In dieser Zeit besuchte mich keiner von meinen Angehörigen und Verwandten, das zur Folge hatte, dass das Krankenhaus mein Zuhause wurde. Dort verlernte ich jedes Alltagsleben.
Man läuft gegen eine Wand der eigenen Probleme. Ich glaubte nicht, dass ich nochmals eine Chance auf ein normales Leben haben werde, als ich entmündigt wurde. Wie es so heißt, wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von wo ein Lichtblick her. Das war in diesem Fall Prim. Tahedl. Er hat es mir ermöglicht, einen Platz im Wohnhaus St. Severin in Sarleinsbach zu bekommen. Dort lernte ich wieder einen normalen Tagesablauf in der Beschäftigungstherapie, wo mir Aufgaben zugeteilt wurden und ich dafür Taschengeld bekam.
Nach sieben Jahren Aufenthalt im Wohnheim, hatte ich das Glück, ein Reihenhaus mit drei Mitbewohnern zu beziehen. Dafür haben sich besonders Prim. Tahedl und der Heimleiter vom Wohnheim eingesetzt. Mein Selbstwertgefühl wurde wieder aufgerichtet. Nun wohnen wir schon beinahe zehn Jahre in der Wohngemeinschaft, wo uns zwei Betreuerinnen die Haushaltsführung lernten. Ich durfte das normale Leben und die Integration in die Bevölkerung erfahren. Für mich ist es hier ein richtiges Zuhause, was ich auf keinen Fall mehr missen möchte.
Wir vier Bewohner fahren am Morgen zur Arbeit in die Tagesstruktur, den Abend genießen wir daheim wie eine Familie.
Meine Krankheit ist stabil, dank der guten Nachbetreuung des Konziliararztes, der uns einmal im Monat besucht.
Für die Zukunft wünsche ich mir, in der Tagesbeschäftigung bleiben zu dürfen, wo ich meine Aufgabe in der Druckerei habe.
Inzwischen wurde auch meine Schwester psychisch krank, auch sie haben die familiären Verhältnisse krank gemacht.
So schwer es mir gefallen ist, diese lange Lebensgeschichte mir von der Seele zu schreiben, hoffe ich doch, dass es für mich positiv war.
Ich danke Gott dafür, dass ich ein so schönes Zuhause bekommen habe.