"Monster" weniger gefährlich als Mitläufer
"Monster gibt es, aber es sind zu wenige, um eine echte Gefahr darzustellen", zitierte er den italienischen Schriftsteller und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Gefährlicher seien "gewöhnliche Menschen, Funktionäre, die bereit sind, zu glauben und zu handeln, ohne Fragen zu stellen".
Die internationale Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen wurde am Sonntagvormittag traditionellerweise mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle der Gedenkstätte eröffnet. Ihm standen neben dem Linzer katholischen Bischof die evangelische Bischöfin Cornelia Richter und der Wiener orthodoxe Bischofsvikar Ioannis Nikolitsis vor.
Von Hannah Arendt stamme das Wort von der "Banalität des Bösen", so Scheuer weiter: "Es sollte die Durchschnittlichkeit des Täters bezeichnen und nahe legen zu sagen: Die große Masse war nicht besser als Eichmann." Die jüdische Philosophin habe damit den Sachverhalt des moralisch durchschnittlichen Schreibtischtäters benannt, der kein Unrechtsbewusstsein aufzubringen vermochte. In einer technisierten und bürokratisierten Welt seien der Völkermord und die Ausrottung "überflüssig" erscheinender Bevölkerungsgruppen "geräuschlos und ohne moralische Empörung der Öffentlichkeit" zur Gewohnheit geworden, erinnerte der Bischof.
Und Scheuer stellte die Frage, wie ein sittliches Bewusstsein auf ein solch niedriges Niveau hinabgezogen werden könne, wie Abwehrkräfte dagegen gemindert werden. Eine Antwort darauf habe der von den Nazis ermordete evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer versucht: "Der tyrannische Menschenverächter macht sich das Gemeine des menschlichen Herzens leicht zunutze, indem er es nährt und ihm andere Namen gibt: Angst nennt er Verantwortung, Gier heißt Strebsamkeit, Unselbständigkeit wird zur Solidarität, Brutalität zum Herrentum." Unter den heiligsten Beteuerungen der Menschenliebe treibe die niedrigste Menschenverachtung ihr finsteres Geschäft, so Bonhoeffer. Die verbleibende kleine Zahl der Aufrechten werde mit Schmutz beworfen.
Gedenken heiße nicht, sich automatisch auf die richtige Seite zu stellen, wies Bischof Scheuer hin. Erinnerung sei mehr als Rückblick: "Sie verlangt, sich nicht vorschnell als "die Guten" zu sehen, sondern die eigene Verantwortung ernst zu nehmen." Und: Gedenken sei nicht bequem, vielmehr verbunden mit Trauer, Scham, dem Eingeständnis von Schuld, mit der Bereitschaft zur Veränderung, Menschlichkeit und mit Willen zu lernen. "Gedenken fordert uns heraus", betonte Scheuer. "Nicht nur zu erinnern - sondern aufmerksam zu bleiben."
Bischöfin Richter: "Sagen, was ist"
Die evangelische Bischöfin Cornelia Richter wandte sich in einem Gebet an Gott: "Verzagt stehen wir vor Dir, weil wir wissen, dass diese Welt selten aus der Geschichte lernt. Weil sich die Gewalt langsam ihren Weg bahnt, weil Menschen jeder Zeit wieder zu Täterinnen und Täter werden können." Richter äußerte Vertrauen in die Gnade Gottes, der die Kraft gebe, "inne zu halten, aufzustehen und zu sagen, was ist". Auch in einer krisenhaften Welt würden sich immer wieder Menschen für andere einsetzen. "Deshalb kommt, lasst uns gehen und mit Gottes Hilfe an seinem Frieden bauen!", so der Schlussappell der Bischöfin.