"Konradkirche" - Filialkirche zum hl. Martin
Historischer Überblick
Lage
Etwas außerhalb des im Mondseer Hügelland gelegenen Ortes Oberwang steht im Gemeindeteil Gessenschwandt die im Volksmund stets „Konradkirche“ genannte Filialkirche St. Martin. Ihre Alleinlage am Fuße des bewaldeten Kulmberges verstärkt noch die markante Prägung der eigentümlich herben, rein gotischen Baugestalt, die sich harmonisch in die Landschaft einfügt. Der schlanke, hohe Chorschluss ragt „wie ein Pfeil gegen den Himmel, das steile Zeltdach darüber erhöht den Eindruck zum Gebet gefalteter Hände“ (Agnes Kolbinger).
Entstehung und Kult
Ihren Ursprung verdankt die Kirche dem Kult um den Mondseer Abt Konrad II. Bosinlother. Er wurde 1127 vom Regensburger Bischof Chuno aus Siegburg ins Kloster Mondsee berufen, das dann unter seiner Führung eine Blütezeit erlebte. Abt Konrad wirkte als bedeutender Reformer, erreichte die freie Abtwahl wieder und ordnete die Besitzverhältnisse des Klosters. Dies schuf ihm Feinde unter den Landadeligen, die ihn am 15. Jänner 1145 auf dem Heimritt von Oberwang im Kulmwald erschlagen ließen. Die heutige Kirche steht angeblich an jener Stelle, wo die Mörder seine Leiche verbrennen wollten, was aber nicht gelang.
Sein Leichnam wurde nach Mondsee überführt. In der dortigen Stiftskirche befindet sich noch die romanische Grabplatte von Abt Konrad. Nach verschiedenen Berichten über erfolgte Wunder auf dessen Fürbitte begann sich ein reger Wallfahrtskult zu bilden. Dieser Kult hielt auch in der Barockzeit unvermindert an.
Als man 1679 bei der Renovierung der Mondseer Klosterkirche die Gebeine des Seligen bergen konnte, wurden diese kirchlich als authentisch anerkannt und deren öffentliche Aussetzung gestattet. Abt Bernhard Lidl (reg. 1729–1773) ließ die Reliquien zu einem Skelett zusammenfügen und, angetan mit kostbarem Ornat, in einem Glasschrein über dem Tabernakel der Mondseer Stiftskirche aufstellen. 1745 wurde die 600-Jahr-Feier des Martyriums des sel. Konrad in der restaurierten Konradkirche feierlich begangen.
Baugeschichte
Wann die erste Kirche zu Ehren Konrads errichtet wurde, ist nicht bekannt. Die früheste Erwähnung von St. Konrad („sand Chuenrat“) in einem Lehensbrief von 1407 weist gleichzeitig auf die damals schon bestehende Kirchfahrt hin. Aus dem Mondseer Urbar von 1416, in dem die Kirche in Oberwang mitsamt der Kapelle zum hl. Konrad erwähnt ist, geht auch hervor, dass die Konradsverehrung damals stärker im Mittelpunkt des religiösen Interesses stand als die dem hl. Kilian geweihte Pfarrkirche.
Vermutlich war die alte Konradkirche zu diesem Zeitpunkt zu klein, sodass der baufreudige Mondseer Abt Simon Reuchlin (reg. 1420–1463) um 1450 die bestehende gotische Kirche errichten ließ. Um 1453 wurde sie zu Ehren des hl. Martin geweiht. Der damals nicht mehr als heilig, sondern als selig bezeichnete Konrad konnte aus kirchenrechtlichen Gründen nicht als Patron gewählt werden.
Vielleicht geht das zur Bauzeit im 15. Jahrhundert ungewölbte Langhaus noch auf den Vorgängerbau zurück. Die Bausubstanz wurde später bis auf ein hölzernes Scheingewölbe nicht wesentlich verändert, die Einrichtung 1601 (Weihe eines Konradsaltares) und nach der Auffindung von Konrads Gebeinen in Mondsee 1679 in Erwartung einer Zunahme des Pilgerstroms erneuert. Allerdings wurde diese Ausstattung beim Brand 1842 bis auf das „Totenbrett“ zerstört. Anstelle der im Krieg abgelieferten früheren Glocken, die schon dem hl. Martin und dem sel. Konrad geweiht waren, wurden 1949 zwei neue angeschafft.
Baubeschreibung
Das Äußere
Vor dem Hintergrund des Kulmwaldes erhebt sich, von Wiesen und alten Baumgruppen umgeben, die spätgotische Konradkirche. Geschlossene, graue Mauerflächen mit hohen schmalen Fenstern, das fast turmartig aufragende Chorpolygon sowie das steile, schindelgedeckte Satteldach mit hölzernem Dachreiter kennzeichnen die eindrucksvolle Baugestalt. Die Höhe des Kirchturmes beträgt 27,20 Meter.
Der Innenraum
Das Kircheninnere verdankt sein heutiges Aussehen der Innenrenovierung von 1969, als drei vermauerte Fenster freigelegt und im Langhaus das wohl im 18. Jahrhundert eingezogene Tonnengewölbe durch eine hölzerne Flachdecke ersetzt wurde.
Neben diesem Eingriff im Sinne der ursprünglichen Baugestalt verleiht die von der Künstlerin Lydia Roppolt (1922–1995) in ihrer farbenprächtigen und charakteristischen Formensprache gestaltete Bildausstattung der Konradkirche ihre unverwechselbare Prägung – als „bemerkenswerte Synthese von historischen und zeitgemäßen Formen“ (Erich Kaessmayer)
Einrichtung
Der Hochaltar
Der mächtige, frühbarocke Hochaltar entstand wohl um die Mitte des 17. Jahrhunderts in der von Hans Pernegger d. J. geleiteten Werkstatt des 1630 verstorbenen Hans Waldburger (Schöpfer des Hochaltars in der Mondseer Stiftskirche, 1626). Der mehrfach umgestaltete Altar wurde nach dem Kirchenbrand von 1842 in die Konradkirche übertragen und stammt vermutlich aus der unter Joseph II. aufgehobenen Mondseer Spitalskirche.
Ein vorzügliches manieristisches Bildwerk ist die in der Mittelnische aufgestellte Maria mit dem Jesuskind (um 1600), flankiert von den etwas jüngeren Statuen der heiligen Bischöfe Nikolaus (links, mit drei Goldkugeln) und Virgil (rechts, mit dem Modell des Salzburger Domes, vor dem Turmausbau nach 1651); oben im Auszug die beiden Heiligen Andreas und Franziskus.
Über den Mensen der ehemaligen Seitenaltäre sind heute zwei farbkräftige, von Lydia Roppolt geschaffene Bilder angebracht. Das linke Bild trägt den Titel „Sonnenuntergang – Der große Ozean“, das rechte „Mauerbild – Die Sonne ist untergegangen“ (beide Acryl auf Leinwand)
Das „Totenbrett“
An der linken Chorwand über dem Sakristeiportal ist hinter einem Eisengitter das auch als „Konradsbrett“ bezeichnete Totenbrett des 1145 erschlagenen Abtes Konrad II. angebracht. Die barocke Inschrift von 1689 verweist auf die Legende des Seligen, wonach das Brett zweimal auf wundersame Weise den Flammen getrotzt hat und von den Pilgern als Zeugnis für die Wahrhaftigkeit seines Martyriums aufgesucht wurde. Auch den Kirchenbrand von 1842, als die gesamte Inneneinrichtung der Konradkirche den Flammen zum Opfer fiel, überstand das Totenbrett ohne Schaden. Dies hat wohl auch zum Entschluss beigetragen, das Gotteshaus anschließend wieder aufzubauen.
Die Farbglasfenster
Zu den bedeutendsten Arbeiten im künstlerischen Schaffen von Lydia Roppolt zählen ihre Farbglasfenster. Mit ihrem ersten, 1953 für die Wiener Kirche St. Ruprecht geschaffenen Fenster begann auch die lange Zusammenarbeit mit der Glasmalerei des Stiftes Schlierbach, die sie auch hier in Oberwang fortführte. Wichtige Bezugspersonen für ihr Engagement in der Konradkirche ab den späten 1950er Jahren waren ihre Adoptivmutter Emma Agnes Roppolt sowie Erzabt Dr. Jakobus Reimer († 1958 in Oberwang) von der Erzabtei St. Peter in Salzburg, für deren gotische Marienkapelle die Künstlerin schon seit 1950/51 als Freskantin tätig war. Bis auf das vom Hochaltar verdeckte, farblos gebliebene mittlere Apsisfenster schuf sie im Lauf der Jahre für alle weiteren neun Kirchenfenster einen markanten, die Lichtatmosphäre in der Konradkirche prägenden Farbglasschmuck.
Für die Chorfenster wurden von Erzabt Reimer 1957 die Geheimnisse des Rosenkranzes als Thema vorgegeben. Er ist im folgenden Jahr am Rosenkranzfest gestorben. 1958/59 schuf die Künstlerin Farbglasscheiben für die damaligen beiden Fenster der Südwand, die „Messias-Fenster“. Sie beziehen sich thematisch auf Schriftstellen aus dem Alten Testament, die als Messias-Prophezeiungen gedeutet werden. 1959 folgte das „Konrad-Fenster“ auf der Empore.
Nach der Öffnung von zwei Fenstern in der Südwand und einem in der Nordwand im Zuge der Restaurierungsarbeiten wurden auch diese 1968/69 neu verglast: ein drittes „Messiasfenster“ mit Szenen aus dem Neuen Testament sowie ein „Prophetenfenster“ mit Jesaja, Jeremias, Ezechiel und Daniel im Süden, ferner ein zweites „Konrad-Fenster“ im Norden, darüber die Gottesmutter. Gut lässt sich dabei die „Entwicklung der Künstlerin von den erzählfreudigen, bunten Chorfenstern zu den späteren, stark abstrahierten und geschlosseneren Scheiben“ (E. Kaessmayer) nachvollziehen.
Textilien und Epitaph
Zu den von Lydia Roppolt geschaffenen und die Farbigkeit der Raumatmosphäre prägenden Ausstattung zählen auch textile Arbeiten, die teils dekorative, teils liturgische Funktion besitzen. Dazu gehört der Teppich für die Altarstufen (1962) und der heute im Konradhaus aufbewahrte sogenannte „Hochzeitsteppich“ als Läufer für festliche Anlässe (1965-67). Zwei früher an der Emporenbrüstung angebrachte abstrakte Tapisserien aus den Jahren 1970 und 1972 befinden sich jetzt an der Emporenrückwand und über dem Zugang zur Grabkapelle.
Im Steinplatten-Boden ist vor dem Zelebrationsaltar ein Epitaph für Erzabt Jakobus Reimer aus dem Stift St. Peter in Salzburg eingelassen, eine Mosaikarbeit aus Murano-Glas von Lydia Roppolt aus dem Jahr 1962. Erzabt Reimer wirkte, 1942 vom NS-Regime gauverwiesen, zeitweise als Kirchenrektor von St. Konrad, reaktivierte auch die Konrad-Verehrung und ist 1958 im „Konradhaus“ gestorben.
St. Georgener Kruzifix
An der Nordwand hängt eine von Lydia Roppolt geschaffene farbige Holzplastik des gekreuzigten Heilands. Sie schuf 1969 zunächst eine ähnliche Arbeit, wobei sie als Rückwand entsorgte Bänke der Pfarrkirche verwendete („Oberwanger Kruzifix“).
1992 tauschte sie dieses Kruzifix gegen jenes aus, das sie für den Festsaal im ehemaligen Kloster St. Georgen am Längsee (Kärnten) vorgesehen hatte – daher die Bezeichnung „St. Georgener Kruzifix“. Die „monumentale Gestaltung des polychromierten Corpus will Christus nicht als Leidenden zeigen, sondern bereits als Überwinder des Todes, uns Hoffnung spendend“ (E. Kaessmayer).
Grabkapelle
Ebenfalls an der Nordwand, dem Eingang gegenüber, gestaltete Lydia Roppolt im Jahr 1986 die Nische beim einstigen Nordtor als Grabkapelle mit ihrer charakteristischen Fresko-Ausstattung.
Unter einer Pietà-Darstellung (Maria mit dem vom Kreuz abgenommenen Jesus) ist die hier beigesetzte Adoptivmutter der Künstlerin, Emma Agnes Roppolt, in Form einer gemalten Tumbaplatte verewigt. Lydia Roppolt, die sich auf der linken Seitenwand selbst dargestellt hatte, fand dann 1995 hier ebenfalls ihre letzte Ruhestätte
Links neben der Grabkapelle erinnert an der Wand unter der Empore eine Gedenktafel an die 1918 in Wien gegründete Laiengemeinschaft der Sühneschwestern des hl. Benedikt, zu deren Mitgliedern in Oberwang auch Lydia Roppolts Adoptivmutter Emma Agnes Roppolt und die Künstlerin selbst gehörten.
Die Konrad-Orgel
Im Zuge des Wiederaufbaues nach dem Brand von 1842 kam die zierliche Orgel aus Mondsee (Kloster bzw. Hl.- Geist-Kirche) in die Oberwanger Konradkirche, wo sie auf der eigens errichteten hölzernen Westempore aufgestellt und seither mehrmals restauriert wurde. Im Zuge einer umfassenden Erneuerung durch die Firma Allgäuer im Jahre 1990 hat Lydia Roppolt das Schleierbrett ergänzt und das Gehäuse durch zwei Flügelbilder (links Mondsee mit Drachenwand, rechts St. Konrad mit Schafberg) sowie ein Aufsatzbild (sel. Abt Konrad) bereichert.
Die Künstlerin Lydia Roppolt
Lydia Roppolt kam 1922 als Tochter einer russischen Mutter und eines österreichischen Vaters in Moskau zur Welt. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wurde sie 1936 von der in Wien lebenden Lehrerin Emma Agnes Roppolt adoptiert. Ab 1943 studierte sie an der Wiener Kunstakademie. Nach dem Abschluss als Akademische Malerin verlegte sie ihren Hauptwohnsitz nach Oberwang.
Als Vertreterin eines neoexpressionistischen Kunststils schuf sie in einer unverwechselbaren Formensprache und in leuchtenden Farben neben zahlreichen Werken für Kirchen in und außerhalb von Österreich, darunter Glasfenster, Fresken, Plastiken und Textilarbeiten, auch profane Gemälde und Zeichnungen. 1995 starb sie in Wien und fand in der Konradkirche bei Oberwang ihre letzte
Ruhestätte.
Das Konradhaus
In Sichtweite der Kirche steht das „Konradhaus“ mit einigen Nebengebäuden. Es diente Lydia Roppolt nach ihrer Übersiedelung von Wien nach Oberwang bis zu ihrem Tod 1995 als Wohnhaus und Atelier (letzteres wurde 1967 vom Wiener Architekten Karl Mang errichtet). Der Initiative der Künstlerin ist das jährliche „Konradfest“ am ersten Augustsonntag zu verdanken, das der Pflege zeitgenössischer Kunst verpflichtet und stets mit einer Messe in der Konradkirche verbunden ist, gemeinsam mit Bischöfen oder Äbten als Zelebranten, mit Gästen aus Landespolitik, Wirtschaft und Kunst sowie der einheimischen Bevölkerung. Ein Höhepunkt war die Uraufführung der 1996 von Martin Haselböck komponierten „Konradmesse”.
In Erinnerung an den sel. Konrad schuf Lydia Roppolt im Jahr 1960 das Fresko des Seligen an der Ostseite des Konradhauses.