Gedanken zum Tag von Pfarrer Maximilian
Predigt Allerheiligen – Segnung der Gedenkstätte für Sternenkinder, Neustift, 1.11.2026
Perikopen: 1 Joh 3,1-3 Mt 5,1-12a
Liebe Brüder und Schwestern im gemeinsamen Glauben!
Gerade in der Trauer braucht man einen Ort, wo man hingehen kann. In der Trauer um einen Menschen ist es so um ein Bild zu verwenden, dass ein Gefäß in Bruch gegangen ist, dass die Scherben am Boden liegen. Dieses Bild passt für die sogenannten Sternenkinder, für alle Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind. Scherben. Das Glück, einen neuen Menschen geschenkt zu bekommen, ist zerbrochen. So ein kleines Gefäß, das schon im Mutterleib viel an Zuneigung und Freude aufgenommen hat, konnte nicht bestehen. Mit Sicherheit hat es jedoch die bereits empfangene Liebe und die Tränen derer, die es geliebt haben, schon zu Gott mitgenommen. Dennoch, Scherben lassen sich nicht wegdiskutieren, nicht schönreden, oft auch nicht vermeiden. Es gibt gar nicht so wenige Familien, die vor derartigen Scherben stehen, auch wenn viel im Verborgenen bleibt. Die Gedenkstätte für Sternenkinder, die wir heute segnen, ist ein Ort, wo Menschen mit ihren Scherben hingehen können.
Dieser Ort hat für mich eine dreifache Botschaft.
Erstens: Ein Ort, der für die Würde und den Wert des menschlichen Lebens steht. Nicht erst, wenn ein Mensch durch die Geburt auf die Welt gekommen ist, ist er ganz Mensch. Nein, schon viel früher, wenn Ei- und Samenzelle verschmolzen sind kommt ihm die vollkommene und ganze Menschenwürde zu. In unserer Gesellschaft wird Wert oft an Leistung, an messbarer Zeit, an Plänen und Zukunftsperspektiven gemessen. Ein Sternenkind, ein Kind, das vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben ist hatte keine Zeit, Spuren in Statistiken oder Kalendern zu hinterlassen, aber im Herzen der werdenden Eltern, vor allem der Mutter hat es oft schon viel hinterlassen. Unser Glaube, gestützt auf die biblische Perspektive sieht es anders als unsere Gesellschaft: Gott misst anders. Psalm 139 spricht davon, dass wir „wunderbar gemacht“ sind und Gott unsere Tage schon kannte, als noch keiner von ihnen da war. Ein Denkmal für Sternenkinder durchbricht das Schweigen und setzt ein sichtbares Zeichen: Jedes Leben hat von der ersten Sekunde an eine unendliche, unverlierbare Würde. An diese Botschaft sollen wir uns immer wieder erinnern. Da braucht es, denke ich viel Sensibilität und Fingerspitzengefühl für werdendes Leben. Es handelt sich eben nicht nur um einen Zellhaufen, nein es war ein Mensch, wie du und ich. Er ist zu den Sternen gegangen, das heißt zu Gott. Und von dort ist er weiterhin leuchtender Stern. „Dein Stern leuchte uns,“ steht ja auf dem Denkmal. Es ist ja auch sprachlich schöner von einem Sternkind zu sprechen, als von einer Fehlgeburt, einer Totgeburt, einem Abort. Das Wort Sternenkind ist da schon sensibler und mag ein guter Anwalt für die menschliche Würde zu sein.
Zweitens: Ein Ort, der uns sagt, dass durch die undichten Stellen Neues kommt. Von Leonhard Cohem gibt es ein Lied mit dem Titel „Anthem.“ Es dichtet dort: „Ring the bells that still can ring. Forget your perfect offering. There is a crack in everything, that´s how the light gets in.” Dieser Vers aus gehört zu den kostbarsten Hinweisen einer trostvollen Spiritualität, die sich auch einer schmerzlichen Wirklichkeit stellt: „In allem gibt es eine Bruchstelle, auf diese Weise kommt das Licht herein.“ Ja, durch die Bruchstellen, die gerade Eltern von Sternenkindern erleben mussten, soll neues kommen, nämlich das Licht Gottes, die Liebe Gottes und Hoffnung. Licht, Liebe, Hoffnung, sind die drei Blöcke, auf denen unsere Sternenkindergedenstätte ruht. Und dann ist da noch der Regenbogenen, Zeichen dafür, dass wir in all diesen Bruchstellen die Brücke zu Gott haben, auf der und Licht, Liebe und Hoffnung herkommen sollen. „There is a crack in everything, in allem gibt es eine Bruchstelle.“ Das kennen wir alle. Genau jene Momente, die uns peinlich sind, Erfahrungen, die wir am liebsten vergessen würden und schmerzhafte Ereignisse können diese Bruchstellen sein. Wenn wir sie bewusst annehmen und nicht verdrängen, können sie Einfallstore für Gottes Licht sein. Die Sehnsucht nach diesem göttlichen Licht tragen wir jedenfalls alle in uns. Dieses Licht ist uns in Christus aufgestrahlt. Wir werden das zu Weihnachten bald wieder feiern. Das trostvolle Licht Gottes ist keine anonyme Energie, sondern Gott selbst – Jesus, der Christus. Er hat unsere Schwäche, auch unsere Verletzlichkeit selbst angenommen. Nichts, was uns zustoßen kann, ist ihm fremd, kein Leid und keine Tränen, keine Scherben. Sein Licht ist heilsam und befreiend. Lassen wir es an den vielen Bruchstellen in unser Innerstes. Es wird uns nicht nur streifen, sondern ganz erfüllen und innerlich bewohnen. Jesus selbst wird uns bewohnen, weil er gekommen ist, „den Armen eine entlastende Botschaft zu bringen und zu heilen, die
gebrochenen Herzens sind.“ Die vielen Bruchstellen beginnen durch seine Gegenwart zu leuchten. Diese Botschaft gilt besonders den Angehörigen von Sternenkindern, und uns allen in unseren Bruchstellen.
Drittens: Ein Ort einer gewissen Initiative. Es ist schön, dass es die Initiative zum Ort für Sternenkinder in Neustift gegeben hat. Eine Gruppe von fünf Menschen unserer Pfarre, haben nachgedacht, diese Initiative verfolgt. Es sind dies alphabetisch: Dorfer Karin, Dorfer Walburga, Moser Herbert, Stadler Gerlinde, Wagner Angelika. Danke für diese Initiative und, dass ihr sie gut verfolgt habt. Die Kosten für die Sternenkindergedenkstätte betragen rund 6300 Euro. Mehr als die Hälfte davon wurde bis jetzt schon durch Spenden gedeckt. Diese Spendenden im nächsten Pfarrblatt werden sie auch mit Beträgen angeführt, entstammen: Gemeinde Neustift und Errichten der Grundfeste, ÖVP Neustift, SPÖ Neustift, FPÖ Neustift, Nikolausaktion 2025, Goldhaubengruppe Neustift, schöne Männerunde, Bestattungsunternehmen Thaller, Busunternehmen Dikany. Heute besteht noch die Möglichkeit bei der Sammlung nach der Messe an der Kirchentüre das Projekt zu unterstützen und den Rest der Kosten übernimmt die Expositur Neustift. Danke allen, die etwas gegeben haben. Es war mehr, als ursprünglich erwartet. So erinnert und dieser Ort an eine gute Initiative. Und die gute Initiative Gottes feiern wir auch zu Allerheiligen. Gott hat die Initiative ergriffen in den vielen Heiligen, auch in den vielen heiligen, unschuldigen Kindern. Heiligkeit bedeutet Indienstnahme durch Gott. Gott ist der Initiator – nicht wir Menschen. „Seht wie groß die Liebe ist, die der Vater uns geschenkt hat: wir heißen Kinder Gottes und wir sind es.“ So hat es im Johannesbrief geheißen. Das ist der Urgrund der Heiligkeit. Sie beginnt mit der Erwählung durch Gott, sie hat ihren Ursprung darin, dass Gott uns liebt. Die Grundlage für die Heiligkeit ist nicht die Leistung, ist nicht ein makelloser Lebenswandel, sondern eine Gabe Gottes. Das darf nicht so verstanden werden, dass manche dazu berufen sind, und andere nicht, sondern die Gotteskindschaft ist in der Taufe grundgelegt und ein Geschenk Gottes. Weil die Heiligen gespürt haben: Gott liebt mich, er legt viel in mein Herz, darum haben sie den Ruf aufgenommen und haben sich dem gestellt, wo sie gebraucht wurden. Weil Mutter Teresa spürte, dass Gott sie liebt, darum hat sie den Auftrag angenommen die zu lieben, die niemand mehr liebte. Ein Journalist begleitete Mutter Teresa durch das Sterbehaus in Kalkutta und sah, wie sie Wunden verband, die entsetzlich stanken. Da sagte dieser: „Mutter Teresa, nicht für eine Million Dollar würde ich diese Arbeit tun.“ Sie sagte nur darauf: „Ich auch nicht! Weil Gott mich liebt und ich diese Liebe weiterschenke, darum tut ich das!“ Mögen wir im Leben die Initiative des heiligen Gottes immer wieder spüren und sie im Glauben aufnehmen in unserem Herzen. „Durch den Glauben wohnne Christus in eurem Herzen.“ Dieser Satz aus dem Epheserbrief ist mir nun einige Zeit ein guter Begleiter.
Liebe Brüder und Schwestern!
Die Gedenkstätte für Sternenkinder auf dem Neustifter Friedhof, die wir heute segnen und eröffnen dürfen, ist ein wichtiger Ort. Ein Ort, der für die Würde und den Wert des menschlichen Lebens steht. Ein Ort, der uns sagt, dass durch dir undichten Stellen Neues kommt. Ein Ort einer gewissen, guten Initiative. Wir haben einen Ort, wo wir hingehen können. Amen.