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Pfarrgemeinde Linz-Martinskirche
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Di. 23.06.26

Trauer, Erinnerung und digitale Identität

Begegnungen zwischen Kunst und Kirche in der Martinskirche

Von 3. bis 7. Juni 2026 verwandelte das FMR Festival den Linzer Schlossberg in einen Ort zeitgenössisch künstlerischer Auseinandersetzung und gesellschaftlicher Reflexion. Über 20 internationale Künstler:innen aus den Bereichen Internetkunst, Medienkunst und digitaler Kunst verwandelten den Linzer Schlossberg in eine lebendige, wenn auch flüchtige Plattform, um aktuelle Fragen auf unsere Gegenwart und unser Zusammenleben zu werfen. Vier Themenschwerpunkte bildeten den Rahmen für das Festival: „Digital Afterlife and Immortality“, AI Societies, Power Structures, and Resistance“, Future Archaeology and Digital Artifacts“ sowie „Digital Deceleration, Isolation, and the New Idyll“. Dabei wurden bewusst offene Räume für Begegnung geschaffen – zwischen Kunstschaffenden und Publikum, zwischen unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und nicht zuletzt zwischen Kunst und Kirche.

Die Martinskirche am Römerberg, eine der ältesten erhaltenen Kirchen Österreichs, wurde während des Festivals zu einem Ausstellungs- und Begegnungsraum, in dem Fragen nach Vergänglichkeit, Erinnerung und menschlicher Verbundenheit verhandelt wurden. Die historische Kirche bot dabei nicht nur den Rahmen für die künstlerische Präsentation, sondern wurde selbst zum Resonanzraum für Themen, die sowohl die Kunst als auch religiöse Traditionen seit Jahrhunderten beschäftigen.

 

Im Zentrum der Ausstellung stand die interaktive Installation Tutta Notte Buia des Künstler:innenduos MAalex, bestehend aus (Alex) Alessia Fallica und Martina Pizzigoni. Die Arbeit setzt sich mit Trauer, Verlust, Vergessenwerden und dem Fortleben von Erinnerungen im digitalen Zeitalter auseinander. Ausgangspunkt sind die „Chiangimuerti“, traditionelle Klagefrauen aus einer Region Süditaliens, deren rituelle Totenklagen über Generationen hinweg Bestandteil gemeinschaftlicher Trauerarbeit und Sorgearbeit umeinander waren.

 

Die Installation übersetzt diese archaischen Rituale in eine zeitgenössische, digitale Form und entwickelt dadurch eine „spekulative Liturgie für ein digitales Zeitalter“ (MAalex). Über ein Webinterface konnten Besucher:innen ihren Namen und ihre E-Mail-Adresse eingeben. Daraufhin wurden in Echtzeit öffentlich zugängliche Informationen und digitale Spuren aus dem Internet gesammelt und sichtbar gemacht. Die Teilnehmenden wurden mit ihrer eigenen digitalen Präsenz konfrontiert und dazu eingeladen, über die Frage nachzudenken, was von einem Menschen bleibt, wenn sein digitales Leben verschwindet. Darüber hinaus: Wer wird da sein, um um mich zu trauern, wenn mein Leben zu Ende geht? Wie werden wir uns in Zukunft umeinander kümmern, wenn der Verlust um einen geliebten Menschen, ein Loch in das gesellschaftliche (Familien-)Gefüge reißt? Welche heilsamen Rituale braucht es heute, um den Schmerz des Verlustes ertragen zu können? Welches Leben wird betrauert? Am Ende des Prozesses steht die zentrale Frage: „Möchtest du vergessen werden?“

 

Tutta Notte Buia ist Teil der Werkreihe Death on the Internet, die 2023 mit I Died on Facebook begann. In dieser Reihe untersucht das Künstler:innen und Kurator:innen-Duo MAalex den Umgang mit digitalen Hinterlassenschaften und die Frage, wie Erinnerung in einer zunehmend vernetzten Welt bewahrt, verändert oder gelöscht wird. Ermöglicht wurde das Projekt durch das Traumstipendium 2024 von Energie AG und OÖ Landes-Kultur GmbH.

 

Im Rahmen einer Spezialführung am 7. Juni waren Mitglieder der Pfarre Linz-Mitte und insbesondere der Pfarre Martinskirche eingeladen, die Ausstellung gemeinsam mit den Künstlerinnen zu erkunden. Viele der Teilnehmenden kamen direkt aus einem zuvor gefeierten Gottesdienst. Daraus entwickelte sich eine besondere Begegnung zwischen kirchlicher Gemeinschaft und zeitgenössischer Kunst, die von Offenheit, Neugier und gegenseitigem Interesse geprägt war.

 

Gerade solche Begegnungen zeigen die Bedeutung von Kunst im Kirchenraum. Kirchen sind seit jeher Orte, an denen Menschen existenzielle Erfahrungen wie Geburt, Tod, Hoffnung, Verlust und Erinnerung miteinander teilen. Zeitgenössische Kunst greift dieselben Grundfragen auf, allerdings mit den Ausdrucksformen und Fragestellungen der Gegenwart. Wenn Kunstwerke in einem Kirchenraum gezeigt werden, entsteht daher ein Dialog, der über ästhetische Erfahrungen hinausreicht: Kunst eröffnet neue Zugänge zu vertrauten Themen, während der sakrale Raum den Werken eine zusätzliche spirituelle Dimension verleiht.

 

Besondere Aufmerksamkeit fand der in der Ausstellung gezeigte Dokumentarfilm über die süditalienischen Klagefrauen. Im anschließenden Gespräch wurden Fragen nach der Bedeutung von Trauerbegleitung, gemeinschaftlichen Abschiedsritualen und dem Umgang mit Tod und Verlust in unterschiedlichen Kulturen diskutiert. So entstand ein lebendiger Austausch über die Frage, wie Menschen heute trauern und welche Rituale dabei Orientierung und Halt geben können. Die dokumentierten Klagerituale besitzen dabei auch einen hohen kulturellen Wert. Seit den 1970er-Jahren sind die traditionellen Klagefrauen weitgehend verschwunden. Viele ihrer Praktiken wurden ausschließlich mündlich weitergegeben und drohen mit dem Tod der letzten Zeitzeuginnen verloren zu gehen. Die Arbeit von MAalex leistet deshalb auch einen Beitrag zur Bewahrung dieses kulturellen Erbes und übersetzt dessen Bedeutung in die Gegenwart.

 

In der Installation selbst findet diese Übersetzung ihre konsequente Fortsetzung: Der mögliche Verlust der eigenen digitalen Identität wird von virtuellen Klagefrauen begleitet und betrauert. Auf diese Weise verbindet Tutta Notte Buia historische Trauerrituale mit den Herausforderungen einer digitalisierten Gesellschaft und eröffnet neue Perspektiven auf Erinnerung, Vergänglichkeit und menschliche Verbundenheit.

Die Begegnung in der Martinskirche macht deutlich, welches Potenzial im Zusammenspiel von zeitgenössischer Kunst und kirchlichen Räumen liegt. Wo Kunst und Glaube miteinander ins Gespräch kommen, entstehen Orte der Reflexion und des Austauschs, an denen gesellschaftliche Fragen ebenso ihren Platz haben wie persönliche Erfahrungen. Das FMR-Festival hat dafür einen inspirierenden Rahmen geschaffen und die Martinskirche für einige Tage zu einem Ort lebendiger Begegnung zwischen Kunst und Kirche werden lassen.

 

Ein großer Dank geht an Seelsorgerin Mag. Stefanie Hinterleitner und an das Team ehrenamtlich engagierter Mitglieder der Pfarre Martinskirche am Römerberg, die von Anbeginn an der Kunst gegenüber aufgeschlossen waren und alle Vorbereitungen tatkräftig unterstützt haben. Wir bedanken uns beim Team des FMR-Festivals, die es möglich gemacht haben, die künstlerischen Positionen von Martina und Alex zeigen zu können. Die Zusammenarbeit war von hoher Professionalität und gegenseitiger Wertschätzung geprägt.

FMR-Festival

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