Lebenserinnerungen: Johanna S., geb. 1918
Am 22. Mai 1918 um 2 Uhr früh bin ich in Alkoven, Bezirk Eferding, bei meiner Großmutter (mütterlicherseits), Barbara D., geboren worden.
Meine Eltern waren Dienstboten bei Bauern. Bei meiner Geburt war mein Vater, Michael S., Knecht bei einem Bauern in Emling. Die größeren Bauern stellten ihren verheirateten Dienstboten eine Wohnung zur Verfügung. So ein ebenerdiges "Gesindehäusl" bestand aus vier Zweizimmerwohnungen und einer Holzstiege auf den Dachboden. Dort wurde Heu für die Ziegen gelagert. Bei großem Kindersegen musste der Vater aus Platzmangel am Heuboden schlafen.
In Emling wurden meine Brüder Franz und Josef geboren. Wir wohnten dort, bis Mutter im März 1921 starb. Sie wurde mit einem Pferdefuhrwerk (Leiterwagen) von Emling nach Linz geführt. Im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern verstarb sie (Blinddarmdurchbruch). Ich war 3 Jahre, Franz 1½ Jahre und Pepi 6 Wochen alt.
Nach dem Begräbnis nahm Vaters Schwester, Josefa S. (Pepitante), den 6 Wochen alten Pepi gleich mit nach Linz, Hagen. Bruder Franz nahmen die Großeltern in Alkoven auf. Ich kam zu Mutters Schwester in Schauersfreiling. Dort blieb ich bis zum sechsten Lebensjahr.
Schauersfreiling war aber kein guter Pflegeplatz (keine Liebe). Nachbarn rieten meinem Vater, mich woanders unterzubringen. Vater fand einen Platz für mich bei einem kinderlosen Ehepaar in Straß bei Alkoven. Neben dem "Gesindehäusl", in dem wir wohnten, stand ein großer Bauernhof, ein Vierkanter. (Vater sagte mir später, der Bauer habe mit Butter die Wagenräder geschmiert.) Mein Vater und die neuen Zieheltern waren dort im Dienst.
Durch den öfteren Wohnungswechsel bedingt, vergaß man auf meinen Schulbeginn. Erst mit sieben Jahren fing ich mit der Schule an.
Bei den Zieheltern in Straß hielt ich es nicht lange aus (keine Kinder, Ziehmutter nicht freundlich). Und so packte ich meine Siebensachen in ein Schaltuch, hängte mir die Schuhe zusammengebunden über die Schulter und marschierte barfuß zur Großmutter nach Alkoven (ca. 1 Stunde).
Auf dem Weg dorthin fragte mich eine Frau, wohin ich ginge. (Diese Frau heiratete neun Jahre später meinen Vater und ich bekam noch fünf Halbgeschwister.) Ich sagte: "Ich gehe zur Großmutter, weil mich die Zieheltern nicht mehr wollen." (Das war eine Notlüge.) Die Frau verständigte meinen Vater von meinem Ausreißversuch. Am Abend kam der Vater mit dem Ziehvater zur Großmutter, und sie wollten mich abholen. Ich wollte aber nicht zurück. Vater verstand mich und sagte: "Wenn sie nicht will, braucht sie nicht mehr zurück." Ich war froh. Kurze Zeit lebte ich mit Vater beim Bauern, bei dem Vater gerade Knecht war, und konnte bei ihm schlafen.
Inzwischen schrieb mein Vater in seiner Verzweiflung an seine drei Schwestern in Urfahr und bat um Hilfe in seiner Notlage. Die Schwester Josefa (Pepitante) hatte schon seit dem Tod der Mutter den jüngsten Bruder aufgenommen. So kam ich 1925 zur Familie von Vaters Schwester, Cäzilia S.
Da sie einen Widerstand wegen des neuerlichen Wohnortwechsels befürchteten, gingen sie mit mir ins Gasthaus "Schableder". Inzwischen sollte sich mein Vater, der mich nach Linz gebracht hatte, entfernen. Ich gewöhnte mich aber schnell ein, denn infolge der bisherigen vielen Veränderungen war dieser Umzug für mich nichts Neues.
In der Familie S. (Cäzilia und ihr Mann) gab es drei Kinder, alle älter als ich. Als jüngstes und viertes Kind wurde ich angenommen und in die Familie aufgenommen und akzeptiert. Das war neu für mich.
Wir waren eine intakte Familie, aber keine direkten Geschwister, denn
Bruder Hans war der Sohn von Vater (Mutter verstorben),
Schwester Herma war das ledige Kind der Mutter,
Gretl war das Kind von Beiden
und ich, Johanna, war von keinem Elternteil,
und trotzdem wurden wir im weiteren Leben echte Geschwister in einer guten Familie.
An Vaters Namenstag, dem 15. November, gab es stets eine Kaffeetorte, an Mutters Namenstag, dem 22. November, eine Schokotorte – das war Tradition – und jeden Karfreitag einen Karpfen. Papitante meinte einmal, "dies sei keine Fastenspeise", und damit war es vorbei mit dem Karpfen am Karfreitag. Vater war nämlich früher Hausdiener bei den Kapuzinern, und dort gab es am Karfreitag immer Karpfen.
Nach dem Besuch von vier Klassen Volksschule und vier Klassen Hauptschule – ich lernte leicht und hatte immer ein gutes Zeugnis, und das war gut, damit machte ich meinen Pflegeeltern keine Sorgen – wurde die Berufswahl aktuell. Ich sollte im Wurst- und Fleischwarengeschäft Glöckler, Urfahr, Hauptstraße, als Lehrling beginnen. Daraus wurde aber nichts. Stattdessen besuchte ich den ½-jährigen Gattikurs (Maschinschreiben, Steno, Buchhaltung). Am 12.Feber 1934 unterbrach Dr. Gatti den Unterricht. In der Stadt wurde geschossen. Ich bekam weiter nichts mit. Nur ein Anhänger dieser Gruppe (Schutzbund) patrouillierte mit einem Gewehr vor unserem Geschäft in der Hagenstraße.
Nach dem Gattikurs kam ich zur Firma Fränkl in der Rudolfstraße, eine Spirituosenhandlung. Die Fränkls waren äußerst nette Menschen. Zwei Jahre war ich dort. (Im Jahre 1947 erfuhr ich von einer ehemaligen Angestellten, Frau M., dass die ganze Familie im KZ umgebracht wurde; sie waren Juden.)
Durch Vermittlung eines Verwandten von Vater (NR. G. aus Getzing, Gmd. Arnreit) kam ich im Feber 1936 zur Genossenschafts-Zentralkasse (später Raiffeisen-Zentralkasse). Ich war 17½ Jahre alt. Der damalige Leiter, Dr. Ruttensteiner, fand mich zu jung für so einen Posten. Die auf sechs Wochen angesetzte Probezeit verlief sehr positiv, und schon nach drei Wochen wurde ich fix angestellt. Mir fiel ein Stein vom Herzen.
Das Arbeitsklima bei der Raika war sehr angenehm. War ich zu Hause als jüngstes Familienmitglied mehr oder weniger unbedeutend, so war ich dort plötzlich wer, hatte einen eigenen Schreibtisch mit Telefon. Mein Selbstwertgefühl wuchs. Bei der Kasse war ich die jüngste Angestellte, und mein Vorgesetzter (Schauer) behandelte mich fast wie sein Kind. (Er war kinderlos verheiratet.) Mein erster Urlaub war total verregnet, deswegen gab man mir später noch eine weitere Woche. So kulant war man damals noch.
Die Raika bestand damals (1936) aus sieben Angestellten (Chef, Prokurist, vier Angestellte und Amtsdiener). Erst 1939, mit Beginn des Krieges, vergrößerte sich unser Wirkungsbereich. Die Familien der eingerückten verheirateten Soldaten erhielten über uns und unsere Zweigstellen im Lande das Gehalt.
Vom Februar 1936 bis Dezember 1943 war ich bei der Raika. Dort lernte ich Ferdinand Z. kennen. Während eines Heimaturlaubs heirateten wir am 30. Dezember 1941. Im Juni 1943 ist er gefallen. Im August 1943 kam Uli zur Welt und ich zog zur Oma Z., Hörschingergutstraße. Dort hatte ich eine kleine Dachzimmerwohnung. Infolge des großen Blutverlustes bei der Geburt war ich sehr geschwächt. Oma sprang hilfreich ein. Ich denke dankbar an sie zurück.
Die Bombenangriffe nahmen zu und es begannen die Evakuierungen. Ich zog mit der acht Monate alten Uli im März 1944 zum Bauern Balthasar G. (Hausname: Hauser z'Getzing, Gmd. Arnreit).
Das Leben auf dem Lande war mir ja nicht neu. Frühmorgens krähten die Hähne in den Nachbargehöften. Auf dem Dach gurrten die Tauben. Im Stall wurden die Kühe unruhig, sie wollten gemolken werden. Ich erlebte von der Aussaat bis zur Ernte das bäuerliche Arbeitsjahr. Es war eine gute, friedliche Zeit, und Uli gedieh prächtig. Nur manchmal hörte ich wie ein fernes Gewitter die Bombenangriffe auf Linz oder München.
Weihnachten und Neujahr 1944/45 verbrachte ich zu Hause bei den Eltern und Oma Z. Bombenalarm gab es fast jeden Tag. Die Hermann-Göring-Werke, die heutige VÖEST, wurden des öfteren schwer getroffen. Wir fanden meist Unterschlupf im Poschacherstollen an der "Urfahrwänd" (ein Felsen neben der Donau). Uli erkrankte an der Stollenkrankheit.
Am 8. Jänner 1945 erlitt Urfahr den schwersten Bombenangriff. Im Keller des Elternhauses (Hagenstraße 28) suchten Schutz: Vater, Mutter, Schwester Herma mit der 6-jährigen Liesl, Schwester Gretl (ihr Mann fiel in Stalingrad), Schnöronkel, Lenitante und Onkel Sepp. Niemand überlebte. Bruder Hans blieb in Stalingrad, Bruder Josef fiel in Frankreich. (Damals wurde auch das Schloss Hagen schwer getroffen; auch dort gab es Tote.)
Ich blieb als einzige der Familie S. am Leben.
Nach dem Begräbnis fuhr ich ehestens zurück nach Getzing. Dort kam Uli's Krankheit zum Ausbruch. Ich bangte um ihr Leben. Die Bäurin machte ihr "Topfenwickel", und sie brachten Erfolg. Ab nun ging es mit ihr wieder aufwärts.
Es war immer noch Krieg; zum Trauern ob der Familientragödie blieb nicht viel Zeit. Ich musste nun mein Leben neu ordnen, ab nun war ich ja alleine. Zum Glück wurde der Mann meiner Schwester Herma von Balthasar G. nach Getzing eingeladen (beim Begräbnis). Damit begann eine gute Wende. Wir kannten uns natürlich jahrelang. In weiterer Folge besuchte er mich jeden Samstag. Durch die gemeinsame Sorge um Uli kamen wir uns näher. Er holte für Uli Medikamente vom Arzt in Neufelden. Da Schnee lag, fuhr er mit den Skiern. Auf dem Heimweg schmolz der Schnee fort, er musste die Bretteln heimtragen. So kleine Begebenheiten förderten das Gefühl der Zusammengehörigkeit.
Nun nahte das Kriegsende. Die Ami kamen aus Richtung Rohrbach. Die vergangene Nacht war unruhig. Sie schossen von Rohrbach über Getzing nach Neufelden. Am Morgen kamen die Ami. Wir schwenkten weiße Tücher. Ein Trupp machte bei uns Halt. Lagebesprechung in der Bauernstube. Plötzlich kamen einige zu mir ins "Austragstüberl", wo ich wohnte, und setzten sich gleich rund um den Tisch! Oma Z., die auf Besuch hier war, sagte: "Pst, Baby schläft". Uli schlief im Gitterbett nebenan. Darauf waren wirklich alle ruhig. Die Spannung war gebrochen. Wir haben uns sogar gut verstanden. Ein Ami freute sich über die Ähnlichkeit seiner Mutter mit Oma Z.
Inzwischen war vor meinem seitlichen Fenster ein Geschütz vorgefahren und feuerte Richtung Neufelden. Der Knall erschreckte uns natürlich, und ein Ami stellte sich in Positur und sagte stolz: "America".
Kaum waren die ersten Amis weitergezogen, marschierte Herr G. gegen die nachrückenden Ami nach Rohrbach, um nach dem Rechten zu sehen; er war ja Politiker.
Ein weiterer Trupp blieb ca. 1 Woche im Bauernhaus. Die Bäurin mit den fünf Töchtern schliefen bei mir. Beim Abzug hinterließen die Ami für die Bäurin und für mich je einen Karton mit Lebensmitteln (Kaffee, Zwieback, Schoko, Kondensmilch – lauter gute Sachen). Das war fein!
Am 5. Mai 1945 marschierten die Amis in Urfahr ein. Linz ergab sich kampflos und wurde nicht beschossen. Später erfuhr ich, dass Prim. Rosenauer als Parlamentär mit Fahne den Amis entgegenging. Das KZ Mauthausen wurde befreit. In der Schule von Arnreit waren ca. 20 – 30 russische KZler untergebracht. Sie warteten dort auf ihren Heimtransport. Den heimstrebenden deutschen Soldaten wurden Uhren und Fahrräder abgenommen. Unter den KZlern in der Schule war auch ein Frisör, der Uli zweimal die Haare schnitt.
Ende Mai 1945 war es dann endlich soweit. Ich zog heim nach Urfahr in das Haus am Fuße des Pöstlingbergs, in dem ich heute noch (2003) wohne. Rückschauend danke ich der Familie G., besonders der Bäurin, Frau G., die mir stets hilfreich zur Seite stand.
Nun begann ein neuer Lebensabschnitt.
Am 20.2.1946 heiratete ich den Mann meiner verstorbenen Schwester Herma, und es begann für mich eine glückliche Zeit. Uli bekam noch zwei Schwestern. Alle drei Töchter haben eine intakte Familie, und wir fünf Enkel und zwei Urenkel.
1996 feierten wir Goldene Hochzeit, und ich hoffe, dass wir noch einige schöne Jahre in Harmonie verbringen dürfen.
(Nach einer handschriftlichen Niederschrift der erzählenden Mutter)