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Pfarre Aigen im Mühlkreis
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Sa. 31.10.26

Allerseelenpredigt

von Pfarrer Wolfgang
Kerze

Irgendwann wird ein fallendes Blatt das letzte sein. Irgendwann wird ein goldener Morgen der letzte sein. Irgendwann wird eine ausgeführte Handlung die letzte sein. Irgendwann wird eine versuchte Erklärung die letzte sein. Irgendwann wird ein aufsteigender Gedanke der letzte sein. (Peter Klever)

Liebe Hinterbliebene, oder liebe Überlebende! Nach dem festlichen Gottesdienst am Vormittag zu Ehren der Heiligen, lassen uns jetzt ans Sterben erinnern , erst recht dann sinnenfällig an den Gräbern am Friedhof. Es ist nicht nur ein Brauch, ein toter Kult dieser Kult um die Toten, dass er uns nicht angriffe mit der ganzen Härte dieses „Irgendwann“. Leichten Herzens hinnehmen können wir ihn nicht wie ein Kind. So wie es Max Frisch von seiner kleinen Tochter erzählt: Heute fragt Ursel, unsere Sechsjährige, mitten aus dem Spiel heraus, ob ich gerne sterbe. „Alle Leute müssen sterben“ sagte ich hinter der Zeitung. „Aber gern stirbt niemand.“ Sie besinnt sich „Ich sterbe gerne!“ „Jetzt?“ Sage ich: “Wirklich?“ „Jetzt nicht, nein, jetzt nicht -“ Ich lasse die Zeitung etwas sinken, um sie zu sehen; sie sitzt am Tisch, mischt Wasserfarben. „Aber später“ sagt sie und malt mit stiller Lust: „Später sterbe ich gerne.“
Später sterbe ich gerne. Dahinter steckt vielleicht der Traum vom Leben, das sich vollenden muss, damit man sterben kann und die feste Hoffnung, dass das auch möglich ist, diese Erfüllung: Später, wenn ich fertig bin, da sterbe ich gerne.
Da möchten wir, die in die Jahre gekommenen, einhaken und widersprechen, wir, die um nichts weiser geworden sind als um die Erfahrung, das sich das Leben allzu oft nicht erfüllt. Und deshalb finden wir uns, die Jungen nicht weniger als die Alten, unruhig auf der Suche, denn irgendetwas muss es doch hergeben, dieses Leben, zu irgendetwas muss es doch gut sein, damit wir dann sterben können. Es annehmen können nicht die Augen davor verschließen Und deshalb werden so viele süchtig nach Erfolg und Ansehen, nach Unterhaltung und Arbeit, die nur Freude machen muss, nach allem, was Lust verspricht. Weil es die letzte Gelegenheit ist nach Leben. Und dann auch die Versuchung nach allem, was alle tun und keiner mehr fragt, hinterfragt, ob es auch gut ist, was man denkt und tut. Und so nicht mehr Herr ist über sein Leben.
Da möchten unsere Grabbesuche uns ein wenig helfen, heraushelfen aus dieser Klemme. Warum tun wir das: Blumen setzen, immer wieder neu, das Unkraut jäten, Wasser gießen, auch wenn wir wie in diesen dürren Zeiten damit sparen sollten. Lichter anzünden. Grabpflege ist Erinnerungsarbeit. An die Menschen denken, die uns ans Herz gewachsen sind, warum? Weil sie sich darin eingegraben haben, ihre Spuren in unserem Leben hinterlassen haben. Die schönen Erfahrungen, das Glück der gemeinsamen Zeit, das miteinander Durchgestandene, das oft mehr verbindet. Dankbar sein für diese(n) Menschen. Es ist gut, dass du da warst.
Und dann das Wesentliche erkennen, worauf es ankommt: Die Frage, wer war glücklich, dass du lebtest? Nicht erst am Grabe, am Ende des Lebens, sondern jeden Abend sich selbst dieser Frage stellen.
Und auch das Schlimme nicht ausklammern, mit dem wir nicht fertig geworden sind, die ungesagten Worte und jene, die uns leidtun. All das Unfertige und Unvollkommene, die Unfähigkeit, so oft nicht über den Augenblick hinauszudenken, das Nicht verstehen können: ein schwerer Schicksalsschlag, ein schwieriger Mensch oder das Rätsel, das wir uns oft selber sind.
Wie können wir leben ohne das eine, das Schöne und mit dem anderen, dem Schweren? Wie können wir lernen zu sagen: Später – und wann immer das ist – später sterbe ich gerne!
Das Kreuz am Grab, buchstäblich oder in Stein gemeißelt, erinnert uns an unseren christlichen Glauben: Die zwei Balken, der eine steht fest in der Erde und weist nach oben. Da ist Jemand, der unser Leben hält, in dem wir fest gegründet sind, in ihm Halt haben bei allen Unsicherheiten und ungelösten Fragen. Und der Querbalken, mit der Er die ganze Welt umarmt und der auch mich annimmt mit meinen Halbheiten und Schwächen, mit dem Versäumten und allem, womit wir nicht fertig werden. Seine Liebe macht alles gut. Und er lädt auch uns zu dieser Weite ein, die uns immer wieder fragt: Wer war glücklich, dass du lebtest? Darauf kommt es an: Halt haben in Gott, dann können wir auch Halt geben einander. Dann kann Ruhe einkehren in unser Herz, jene Ruhe, um die wir für die Verstorbenen beten, dass sie mit uns aufgehoben sind wie ein kostbarer Schatz.
 

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