Predigt 6.9.2026
Bei uns wird diese Haltung des Verschließens aber im negativen Sinn verstanden: Nichts sehen wollen, nichts sagen wollen, nichts hören wollen, wo man das aber gerade tun sollte. „Misch dich nicht ein, du machst dir nur Ärger damit!“ Und doch ist das mit einem unguten Gefühl verbunden, das das Gewissen auslöst, unser inneres Wissen: Ich müsste eigentlich, ich sollte: Nicht wegschauen, mich zu Wort melden, hinhören und nicht die Wahrheit ausblenden. Aber gerade das fordert heraus, kostet Mut und Überwindung. Es weist mich darauf hin: Ich bin da ein Stück verantwortlich, ich dürfte mich da nicht heraushalten. Aber traue ich mich? Verbrenn ich mir dabei nicht die Finger, den Mund? Denn es wird heikel, wenn es darum geht, jemand auf eine Grobheit hinzuweisen im Umgang mit einem Schwächeren, einem Untergebenen. Etwas, das verstörend ist und dem Klima des guten Miteinanders buchstäblich die Luft wegnimmt. Dabei ist aber ein klares Wort vonnöten, damit die Lage nicht eskaliert. Das heutige Evangelium gibt uns davon ein Beispiel. Wir haben es hoffentlich noch im Ohr. Die Vorgangsweise, behutsam dabei vorzugehen, zuerst in fast intimen Gegenüber etwas zu sagen, nicht öffentlich bloßzustellen, wird die Gemeinderegel genannt.
Als Matthäus ca. 80 nach Christus das Evangelium niederschrieb, musste man sich längst mit der Tatsache befassen, dass auch Christen keine vollkommenen Menschen sind. Es mussten also grobe Verletzungen in der Gemeinde vorgekommen sein. Wie geht man nun als Christ mit solchen Menschen um? Wir kennen ja das Sprichwort, das allerdings sehr schlecht vom Menschen denkt: Wenn zwei oder drei beisammenstehen, dann haben sie sicher eine/n vierten im Mund oder schärfer: zwischen den Zähnen.
Nicht über jemand, sondern mit jemand reden, das wäre der richtige und angemessen gute Weg. Aber warum fällt uns gerade das meist so schwer? Sich miteinander mehr verbunden wissen/fühlen, einander spüren lassen: Du bist mir ein Anliegen als Teil der Gemeinschaft. Du gehst mich etwas an und ich fühle mich verantwortlich für das größere Ganze.
Das kann man wohl nur üben und lernen in geschützten Räumen, d.h. in kleinen Gemeinschaften, in der Familie, unter echten Freunden, wo ein Vertrauen da ist, ein Grundvertrauen: Du meinst es gut mit mir. Ein Ort, wo ich mich heraustrauen kann aus meinem Schneckenhaus, aus meiner scheinbar so sicheren Burg, wo ich auch meine Ängste zugeben kann, meinen Ärger laut machen, wo ich ernst genommen werde, wo ich sagen kann, was mich am anderen schmerzt. Und wo ich mir auch etwas sagen lasse, weil ich die Sorge des anderen um mich, ums Ganze wahrnehme und es annehmen kann, dass der /die es gut meint mit mir.
Wenn das gelingt, dieser behutsame und liebevolle Weg, da wird wahr, was Jesus sagt: Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen, da bin ich dabei. Da wird etwas von meinem Licht leuchten, für das ich in die Welt gekommen bin.
Erst wenn wir das im Kleinen erfahren dürfen und einander erfahren lassen, dann kann sich auch der Kreis vergrößern, für den ich mich verantwortlich weiß, wenn die innere Verbindung da ist, die den Zusammenhalt erst sichtbar macht und fördert. Wenn die Würde des anderen über die Grenzen politischer und religiöser Anschauungen und Meinungen hinweg so geachtet wird. Hass und Häme und Hetze im Internet – sind Folgen dieser inneren Trennung, die sich in der Anonymität verstecken.
Die Gemeinderegel der Bibel wird also in der globalen Welt des Internets greifbar werden müssen in Gesetzen, die Hass und persönliche Verletzungen zu löschen verlangen. Und das hat nichts, wie manche meinen behaupten zu müssen, mit Einschränkung der Meinungsfreiheit zu tun, wenn es jemand Schaden zufügt.
Die Feier des Gottesdienstes möchte nicht nur Liturgie sein mit schönen Worten und Liedern, dass der Herr mit uns ist, sondern Er selbst möchte wieder zu einem Stück Wegzehrung werden für unsere Sinne: In beiden Richtungen: sie geschlossen halten, um uns zu verwehren gegen Böses eindringt in unser Denken und Reden und Tun und zugleich öffnen für das rechte Wort zur rechten Zeit am rechten Ort.