Tagebucheinträge einer Turmeremitin
Die gebürtige Mühlviertlerin zog sich im Februar für eine Woche in die Türmerstube des Mariendoms zurück – getragen von einer Sehnsucht nach Stille, innerer Sammlung und geistlicher Einkehr. Die vergangenen zwei Jahre hatten ihr vieles abverlangt, umso wertvoller wurde für sie der bewusste Schritt aus dem Alltag heraus. Zugleich verfolgte Monika Weilguni ein pastorales Anliegen. Aus der Höhe des Domturms wollte sie den pastoralen Handlungsraum Linz‑Mitte in einem neuen Blickwinkel wahrnehmen. Mehrmals täglich umrundete sie in Ruhe den Steinbalkon in 68 Metern Höhe, dachte an die Pfarrgemeinden, Priester, Seelsorger:innen, Ehrenamtlichen sowie die Menschen, die dort leben und arbeiten – und schloss sie in ihr Gebet ein, verbunden mit der Bitte um Gottes Segen.
Auch der Bitte, das Eremit:innetagebuch weiterzuführen, ist Weilguni gerne und mit Leidenschaft nachgekommen. Ein Tagebuch, welches von Eremit*in zu Eremit*in weitergegeben wird und das von Erfahrungsberichten, Gedichten, Dankesworten und Gebeten, aber auch Bildern und Zeichnungen geprägt ist.
In den folgenden Auszügen lässt uns Monika Weilguni an ihren Eintragungen teilhaben.
Freitag, 13. Februar 2026
Mein Anliegen für die Zeit, für die geschenkte Zeit als Eremitin:
Weitblick und Überblick aus einer anderen Perspektive bekommen – auf die Menschen, die hier leben, wohnen und arbeiten.
Rückzug und Stille
Meditation und Gebet
Angelangt am Ende des Tages
lege ich mich und mein Leben
mit all seinen Höhen und Tiefen,
Licht- und Schattenseiten
vertrauensvoll in die Hände Gottes.
Ich versöhne mich mit allen
Ereignissen dieses Tages.
Ich bitte darum, dass der Friede der Nacht
in mein Herz einkehren möge.
Gut Aich
Samstag, 14. Februar 2026
Heute gehe ich der Frage nach: Was ist HEILSAM?
Bin ich nach meiner Krebserkrankung GEHEILT oder GESUND?
Gesundwerden ist die körperliche Komponente. Heilwerden hat eine psychisch-seelische Dimension. Heil werden an Leib und Seele. Im christlichen Kontext meint man mit HEILIGKEIT all die Momente, in denen das HEILGE in der Welt aufleuchtet, wenn etwas von der HEILIGKEIT durchschimmert.
WAS IST HEILSAM?
Gehen ist HEILSAM … weitgehen, durchgehen, mitgehen
Stille ist HEILSAM … da sein, aushalten, einfach sein
Bewegung & Gespräch ist HEILSAM …ehrliche Begegnung, ein gutes Gespräch, etwas aus- und ansprechen
Dankbarkeit ist HEILSAM … für das Kleine, für das Erlebte und Geschenkte, Staunen über das Wunder, heil zu sein
HEILUNG braucht Zeit … das heißt nicht: „Die Zeit heilt alle Wunden.“
HEILUNG ist ein Beziehungsgeschehen … Das zeigen die biblischen Heilungserzählungen. Bei den Heilungswundern Jesu geht es nicht um magische Gesundung. Auch nicht um Glaubensbeweise. Letzlich ist es ein Beziehungsgeschehen zu Gott.
HEILUNG bedeutet, das Auf und Ab hinzunehmen und dem Fluss des Lebens zu folgen.
Sonntag, 15. Februar 2026
STAUNEND MICH FREUEN
Ich staune und freue mich über den Schnee in der Früh, wenn ich raschen Schrittes drei Runden am „Balkon“ drehe. Dann langsam und innehaltend, Schritt für Schritt.
Mein Ritual für die Pfarrgemeinden und pastoralen Orte und die Menschen, die hier leben, wohnen und arbeiten, zu beten und Segen zu erbitten, behalte ich bei – jeden Tag zwei bis drei Mal.
Ich frühstücke mit tanzenden Schneeflocken vor dem Fenster.
Montag, 16. Februar 2026
Ich blicke auf den Domplatz. Jugendliche, Jugendbeauftragte und die kj OÖ bauen die alljährliche Fastenaktion auf.
SHEKINAH – BAUEN WIR EIN ZELT lautet das Motto heuer.
Es schneit, es ist kalt. Und ich erinnere mich:
Vor fünf Jahren habe ich im Zelt am Domplatz übernachtet. 13 Mal – bei Schnee, Regen, Kälte, Sonnenschein. „Wochenende für Moria“ war ein Solidaritäts- und Protest-Camp. Wir haben uns für die Aufnahme von Geflüchteten aus dem griechischen Lager Moria eingesetzt. Wir haben gegen die unmenschlichen Zustände dort protestiert. Und wir haben protestiert, weil Österreich niemanden aufgenommen hat.
Shekinah – bauen wir ein Zelt!
Dienstag, 17. Februar 2026
Heute war ein Tag mit Begegnungen und guten, tiefen, ehrlichen Gesprächen, ganz besonders mit Herta, meiner geistlichen Begleiterin.
Die Balance zu finden zwischen
Stille & Gespräch
Am Turm heroben & Unten im Mariendom sein
Rückzug & Begegnung
Bei mir sein & Mit anderen Menschen sein
Aktion & Kontemplation
Arbeit & Freizeit
Leidenschaft & Ruhe
beschäftigt mich (nicht nur) in diesen Tagen.
Mittwoch, 18. Februar 2026
Mit dem Aschermittwoch beginnt für uns Christinnen und Christen die 40tägige Fastenzeit. Heute beginnt für meine muslimischen Freundinnen und Freunde auch der Ramadan.
Ich war am Nachmittag zuerst wieder bei der STUPA am Freinberg oben. Die Verbindung zwischen den Religionen ist mir wichtig.
Dann führte mich mein Weg in die Ursulinenkirche. „Ashes To Go“ wird dort angeboten. LASS SCHWERES LOS UND FINDE LEICHTIGKEIT ist das Motto.
Die Tage hier, meine täglichen Runden am, Balkon, die Spaziergänge in der Stadt machen
mein HERZ achtsam
meinen BLICK weit
meine SEELE leicht.
Ich glaube, das hängt auch mit dem SCHWEIGEN & HÖREN zusammen.
HÖRE ist das erste Wort in der Regel des Hl. Benedikt.
Ich darf hier SCHWEIGEN & HÖREN üben, um die Leichtigkeit zu spüren.
Was für ein Geschenk!
Donnerstag, 19. Februar 2026
Heute begleitet mich das Buch von Pater Johannes Pausch:
NIX MACHEN MÜSSEN.
Wenn ich das Buch lese, ist es so als ob er neben mir sitzen und mit mir reden würde – mit seinem verschmitzten Lächeln, seiner Aufmerksamkeit, seiner Freundlichkeit und seinem Humor, seiner Weisheit. Ich weiß aber auch um seine „zusammengekniffenen“ Augen, von seinen Schmerzen.
In „Nix machen müssen“ lese ich:
GELASSENHEIT ist etwas anderes als WURSCHTIGKEIT. In der Gelassenheit sind das Wohlwollen und die Klugheit Lehrmeister.
Um diese Gelassenheit bitte ich – vor allem dann, wenn es im Alltag wieder schnell und zügig gehen muss.
Freitag, 20. Februar 2026
Eine letzte ausführliche Runde am Turm, dieses Mal bewusst in die „andere“ Richtung als die bisher gewohnte. In den letzten Tagen bin ich intuitiv gegen den Uhrzeigersinn gegangen. Gegen die Beschleunigung, gegen das schnelle Weiterkommen ... heute steige ich wieder bewusst in die Zeit ein, gehe mit dem Rad der Zeit, gleichzeitig innerlich anders – gestärkt, genährt.
Bruder David Steindl-Rast sagt:
Es ist nicht das Glück, das uns dankbar macht.
Es ist die Dankbarkeit, die uns glücklich macht.
Ich blicke zufrieden, dankbar und erfüllt auf diese Zeit hier am Turm und auch den Ereignissen in nächster Zeit entgegen.
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