„Hier kann man gar nicht anders, als zur Ruhe zu kommen“
6:15 Uhr. Die Stadt erwacht, im Winter noch im Dunkeln. Am Turmportal bekommt jeder eine Kerze in die Hand und geht langsam durch den Dom bis zum Chorraum. Der Raum ist erfüllt von Musik. „Das hat mich sofort gefangen. Die Musik stammt vom norwegischen Jazzsaxophonisten Jan Garbarek, der hier auch schon live gespielt hat", sagt Roswitha Samhaber. Seit drei Jahren ist sie einmal im Monat – in den Sommermonaten auch öfter – bei der Morgenmeditation dabei.
Nach und nach treffen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vorne ein und nehmen Platz – auf einem der Meditationshocker auf dem Boden, im Chorgestühl oder auf einem der Sessel davor. „Ich sitze immer auf dem gleichen Platz und schaue Richtung Osten. Die Lichtspiele durch die Fenster sind faszinierend, vor allem im Frühling und Sommer", sagt Samhaber. Die Fenster im Kapellenkranz sind moderner gehalten und lassen viel Raum für eigene Deutungen.
Kein Gedanke an die Arbeit
Alois Mayer leitet die Meditation an. Bevor er seine Gedankenimpulse einbringt, wird gemeinsam gesungen. Danach Schweigen. Und Stille. Ich denke oft intensiv an Menschen, die mir wichtig sind, etwa meine verstorbenen Großeltern“, sagt Samhaber. Sie ist Geschäftsführerin des OÖ Volksbildungswerks – doch die Arbeit findet in diesen Momenten keinen Platz.
„Der Raum macht das besondere Erlebnis aus. Diese riesigen Säulen, die Höhe, die alten Steine – das ist so erhaben, alles viel größer als man selbst. Ich komme hier zur Ruhe und vergesse alles rundherum." Der Mariendom wird so zum Ort der Stille und der Kraft. „Ich meditiere sonst nicht, aber hier kann man gar nicht anders, als zur Ruhe zu kommen. Diese Stille war von Anfang an stimmig für mich", sagt sie.
Ein ganz besonderes Gefühl
An anderen Tagen kommt Roswitha Samhaber einfach, um eine Kerze anzuzünden. Sie schätzt den Dom als Veranstaltungsort und hat auch das Domcafé als Ort der Begegnung und des Austauschs ins Herz geschlossen.
Was es aber nur bei der Morgenmeditation gibt, ist dieses besondere Gefühl, den Dom für sich zu haben – als eine der Ersten durch das Turmportal zu treten. „Diese stillschweigende Gemeinschaft ist sehr angenehm, und die Anleitung von Alois Mayer ist sehr gelungen. Jede und jeder kann mitnehmen, was gerade passt", sagt sie.
Nach dem Schweigen wird gebetet und noch einmal gesungen. Mit dem Läuten der Glocken um 7 Uhr gehen alle langsam wieder hinaus – wer möchte, kann noch den Turm besteigen. „Vom Dunkel ins Helle hinauszugehen ist wirklich erfüllend. Ich habe dann das Gefühl, schon viel geschafft zu haben", sagt Samhaber. Eine Leichtigkeit, die den ganzen Tag anhält.