Unterwegs im Dom
Ich betrete den Mariendom (fast) immer von hinten, vom Turmeingang her: da hat er etwas Einladendes, Großzügiges, ja Überwältigendes. Er vermittelt das Unterwegssein, das Pilgerdasein des Menschen und der Kirche mit einer klaren Orientierung nach vorne und nach oben. Der Blick geht nach vorne auf den historischen Hochaltar mit dem lebensgroßen Kruzifix. Oder man wendet sich zurück und schaut nach oben zur Rudigierorgel. Diese habe ich in der 3. Klasse des Petrinums zum ersten Mal gehört – für mich war das ein unvergessliches Erlebnis von Klang und Raum.
Geht man weiter nach vor, kommt man in die Mitte des Doms. Seit der Neugestaltung im Jahr 2017 ist das Schnittfeld der Hauptachsen als Versammlungsraum gestaltet. Menschen, die „unterwegs“ sind, kommen hier zur Feier der Eucharistie und zum Hören des Wortes Gottes zusammen. In der exakten Mitte des Domes entsteht so eine Zone, in der die Spannung von Versammlung und Aufbruch, die jede Liturgie prägt, spürbar wird.
Der Mariendom als größte Kirche Österreichs und als „Leitkirche“ in Oberösterreich ist Wahrzeichen und Sehenswürdigkeit. Er ist aber auch ein Ort, an dem Zeichen gesetzt werden. So beispielsweise bei der Seligsprechung von Franz Jägerstätter, bei der ich als Konzelebrant dabei war.
Der Mariendom war nie mein Wohlfühlort oder mein „Wohnzimmer“. Aber gerade, weil er Nähe und Distanz, Vertrautheit und Fremdsein, Weg und Kreis in Balance bringt, hat er die Kraft, Gottes Gegenwart, seine Nähe und Unverfügbarkeit anzuzeigen. Wozu ist der Mariendom letztlich da? Damit mehr Freude, mehr Vertrauen, mehr Hoffnung und mehr Liebe in die Welt kommen.
Text: Herbert Schicho