Wenn die Hilfe am Domplatz Halt macht
Jeden Montag und Freitag macht das Help-Mobil vor dem Mariendom Station – hier bekommen Menschen, die meist auf der Straße leben, medizinische Grundversorgung.
Montag, später Nachmittag. Unter dem großen Baum vor dem Haupteingang des Linzer Mariendoms steht ein weißer VW-Bus mit grüner Aufschrift: Help-Mobil. Im Inneren warten eine Ärztin und eine diplomierte Krankenpflegerin auf jene Menschen, die an diesem Abend medizinische Hilfe brauchen. Draußen suchen Sozialarbeiter das Gespräch, hören zu und sind für die Anliegen der Menschen da.
Nach und nach kommen die ersten Klient:innen. Manche brauchen einen frischen Verband, andere Medikamente oder eine medizinische Einschätzung. Für wieder andere ist vor allem wichtig, dass jemand da ist und sich Zeit nimmt. Bis zum Ende der medizinischen Sprechstunde am Domplatz werden zehn Menschen das Angebot genutzt haben. „Das ist eine übliche Zahl, manchmal sind es auch ein paar mehr“, sagt Christian Koschka, Leiter des HELP-Mobils.
Hilfe ohne e-Card
Das Help-Mobil bringt medizinische Hilfe direkt zu Menschen, die auf der Straße leben und vom regulären Gesundheitssystem oft nur schwer erreicht werden. „Viele haben keine e-Card, andere scheuen den Weg in eine Ordination oder können sich notwendige Medikamente nicht leisten“, sagt Koschka. Neben der medizinischen Grundversorgung geht es darum, zuzuhören, Vertrauen aufzubauen und die Menschen bei Bedarf an weitere Hilfsangebote zu vermitteln. „Die Menschen erzählen uns oft ihre Lebensgeschichten. Wenn Vertrauen entstanden ist, erfährt man viel darüber, was sie erlebt haben und wie sie in ihre heutige Situation gekommen sind“, sagt Ärztin Ursula Fuchs, die an diesem Tag Dienst im Help-Mobil hat.
Getragen wird die „Hilfe auf Rädern“ gemeinsam von der Caritas, dem Arbeiter-Samariter-Bund Oberösterreich, der Kongregation der Barmherzigen Schwestern Linz, dem Lazarus-Orden Hilfsdienst Oberösterreich und dem Roten Kreuz Linz.
Schattiger Platz vor dem Dom
Dass der Bus am Domplatz Station macht, ist kein Zufall. Das Help-Mobil steht hier seit seinen Anfängen vor zwölf Jahren. Der Platz liegt zentral, ist gut erreichbar und zugleich vergleichsweise ruhig. „Wir sind von Beginn an hier, die Menschen kennen den Standort. Für uns ist es der beste Platz“, sagt Koschka. Nur während „Klassik am Dom“ weicht das Help -Mobil zur früheren Dombibliothek aus. Auch dieser Ersatzstandort ist den Klient:innen mittlerweile bekannt.
Auch Ursula Fuchs schätzt den ruhigen Standort vor dem Mariendom. "Früher schaute auch der damalige Dompfarrer Maximilian Strasser immer wieder vorbei. Er suchte das Gespräch mit den Menschen, die das Angebot nutzten, ebenso wie mit uns Mitarbeitenden", erzählt sie. Gemeinsam mit der diplomierten Krankenpflegerin Ingrid Lange übernimmt die Ärztin an diesem Tag die medizinische Versorgung. Beide engagieren sich ehrenamtlich für das Help-Mobil.
Von Zahnschmerzen bis Hautproblemen
Die Beschwerden sind vielfältig. „Es geht um offene Wunden und Entzündungen, Schmerzen, Hautprobleme oder Erkrankungen, die längere Zeit nicht behandelt wurden. Auch Zahnschmerzen sind sehr häufig“, erzählt Fuchs. Sie untersucht die Patient:innen und entscheidet, was direkt im Bus behandelt werden kann und wann eine weiterführende Versorgung notwendig ist. „Wenn nötig werden sie ins Krankenhaus geschickt, bei Bedarf begleiten wir sie auch dorthin“, erklärt Koschka. Ist ein Transport notwendig, wird die Rettung verständigt. Menschen mit einem grippalen Infekt oder anderen Erkrankungen, die vorübergehend einen geschützten Ort zur Genesung brauchen, können unter bestimmten Voraussetzungen im Krankenzimmer der Caritas aufgenommen werden. Für Koschka ist dieses Angebot eine wichtige Weiterentwicklung der medizinischen Versorgung wohnungsloser Menschen.
Gerade an heißen Sommertagen bekommt die Nähe zum Mariendom eine zusätzliche Bedeutung. Ärztin Ursula Fuchs erlebt, wie sehr die Hitze jene Menschen belastet, die sich viel im Freien aufhalten und kaum einen kühlen Rückzugsort haben. Neben ausreichend Flüssigkeit empfiehlt sie ihnen, Schatten und Möglichkeiten zur Abkühlung zu suchen. Koschkas Rat ist ebenso einfach wie naheliegend: „Geht in den Dom und kühlt euch ab!“
Versorgung und Vertrauen
Jede medizinische Versorgung wird dokumentiert. So kann das Team beim nächsten Einsatz nachvollziehen, mit welchen Beschwerden eine Person bereits gekommen ist, wie sie behandelt wurde und welche Medikamente sie erhalten hat. Das ist besonders wichtig, weil nicht immer dieselben medizinischen Fachkräfte Dienst haben.
Viele Klient:innen sind bereits „Stammkund:innen“ im Help-Mobil. Durch die Dokumentation lassen sich gesundheitliche Entwicklungen über längere Zeit verfolgen. Zugleich wächst mit den wiederholten Begegnungen das Vertrauen – eine wichtige Voraussetzung für die medizinische Versorgung und das persönliche Gespräch.
Bevor es weitergeht, fährt der ehrenamtliche Fahrer – Josef Wild – den weißen Bus noch ein Stück nach vorne, direkt vor den Mariendom. Für ein gemeinsames Foto versammelt sich das gesamte Team vor dem HELP-Mobil. Dann steigen alle wieder ein. Die nächste Station ist der Linzer Hauptbahnhof.
Dort werden Weckerl und Getränke verteilt, es wird geredet, gefragt und zugehört. Die medizinische Versorgung ist für diesen Abend beendet – sie findet ausschließlich am Domplatz statt.
Text: Claudia Riedler-Bittermann