„Der Dom schafft den Raum für Klang, Poesie und Stille“
„Wir wollen damit Menschen erreichen, die mit traditionellen Gottesdiensten wenig anfangen können, aber auf der Suche nach geistiger Nahrung, nach Kraftquellen und spiritueller Wegweisung sind“, sagt Judith Hamberger über die Dienstagabende im Mariendom Linz. Seit Dezember 2024 bündelt ein fixer Dienstagabend unterschiedliche spirituelle Angebote im Dom – orientiert am Jahreskreis und offen für verschiedenste Zugänge. „Innehalten – Hören – In die Tiefe gehen“ zieht sich als roter Faden durch die Abende, die bewusst kompakt gehalten sind: meist 40 Minuten, die Akzentabende rund eine Stunde.
Die Idee dazu hatte Dompropst Johann Hintermaier. Sein Wunsch: alles Spirituelle am Dienstagabend zu versammeln – vom Rosenkranz bis zur Meditation. Daraus entstanden die Formate „Anbetung – Mystik im Dom“ mit Johann Hintermaier, „Musik und Wort“ mit Christoph Niemand, Andreas Peterl, Maria Mülleder und Judith Hamberger, die vierzehntägige Abendmeditation mit Alois Mayer und das Taizé-Gebet mit Stefanie Hinterleitner.
Mit Tiefgang leben
„Die Zusammenarbeit im Team ist toll“, sagt Judith Hamberger. Die Linzerin studierte Restaurierung in Rom und arbeitete zunächst als Restauratorin. Nach der Familiengründung führte sie ihr Weg über eine Chorleiter:innen-Ausbildung schließlich in die Krankenhausseelsorge, wo sie heute teilzeitbeschäftigt ist. „Ich bekomme viele Krisen und tragische Schicksale mit. Mit Tiefgang leben, das Leben würdigen und schätzen – diese spirituelle Dimension ist mir ein Anliegen.“
Die Dienstagabende mit Wort und Musik greifen Literatur, Poesie, Musik und spirituelle Persönlichkeiten auf. Es gab etwa Abende zu Rilke, Viktor Frankl oder Teresa von Ávila, „Zeiten des Aufatmens“, einen Abend zu „Laudato si’“ oder ein Raumerlebnis im Dom mit Tanz und Musik im Rahmen der Dombaumeistertagung. „Wir bemühen uns um eine Kommunikation zwischen Text und Musik“, sagt Hamberger. Musiker:innen – darunter auch junge Menschen vom Stiftergymnasium oder der Anton Bruckner Privatuniversität – greifen Inhalte improvisierend auf, unterlegen Texte musikalisch oder entwickeln eigene Zugänge.
Neue Besucher:innen im Mariendom
„Der Dom schafft den Raum“, sagt Hamberger. „Und darin ist die Mystik schon vorhanden.“ Viele der Dienstagabend-Besucher:innen sind nicht bei Gottesdiensten zu finden. Das sind oft junge Menschen, Künstler:innen, Tourist:innen. Einmal sei ein Ehepaar zufällig in Linz gewesen, als der Dienstagabend mit Rilke-Texten gestaltet wurde. Sie waren große Rilke-Fans – „und zu Tränen gerührt“.
Begeistert hat Judith Hamberger am Dom immer die Offenheit. Über die Mittagsmessen kam ihre Familie zur Dompfarre. Der ehemalige Dompfarrer Maximilian Strasser habe sie angesprochen, mit anderen vernetzt und schließlich gefragt, ob sie im Pfarrgemeinderat mitarbeiten wolle. „Dieser Stil und die gelebte Vielfalt haben mich angezogen. Es gibt eine gemeinsame Mitte, die das zulässt.“ Genauso wie sie selbst, sind auch ihre drei Töchter musikalisch aktiv, teilweise im Vocalensemble und in der Dommusik.
Was Hamberger antreibt, beschreibt sie so: „Ich möchte das, was ich als wertvoll erkenne, auch anderen anbieten.“ Einer ihrer Kollegen habe die Dienstagabende einmal als „Kultur-Diakonie“ bezeichnet – „mit Kunst und Kultur Botschaften senden, stärkende Gedanken weitergeben, diese wie kleine Lichtpunkte verbreiten“.
Tipp:
Am 29. September, 19.30 Uhr, gibt es einen Akzentabend mit dem Titel „Der Himmel öffnet sich in dir“ – mit Musik des Frauenensembles der Dommusik unter der Leitung von Domkapellmeister Andreas Peterl und kraftvollen Klängen der Rudigierorgel von Domorganisten Gerhard Raab.
Zu diesem besonderen Dienstagabend lädt der Verein Pro Mariendom - OÖ Dombauverein ein - als Dankeschön an alle, denen die Erhaltung der größten Kirche Österreichs am Herzen liegt.
Text: Claudia Riedler-Bittermann