„Das Domviertel ist meine Hood – man schaut hier aufeinander“
Wenn Gernot Kremser (55) am Abend nach Hause kommt, führt ihn sein Weg fast immer über den Domplatz. Es ist kein Umweg, sondern ein Übergang: vom Arbeitsalltag im Posthof zurück ins Privatleben. „Der Dom ist ein Marker“, sagt er. Einer, der den Tag rahmt – morgens am Weg zur Arbeit, abends beim Heimkommen.
Seit 15 Jahren prägt Gernot Kremser das Kulturprogramm von einem der wichtigsten Veranstaltungsorte der Stadt. Noch länger – 20 Jahre – lebt er in der Hafnerstraße und sagt: „Das ist meine Hood.“
Ein eigenes Ökosystem
Wer hier lebt, kennt sich. Vom Domplatz aus ziehen sich die Wege wie Lebensadern in die Stadt hinein, bis in die Herrenstraße. „Man schaut aufeinander“, sagt Kremser. Es sei eine Mischung aus urbanem Leben und gewachsener Nachbarschaft, fast ein eigenes Ökosystem.
Vom Balkon aus blickt er direkt auf den Mariendom – und auf einen Engel. Ein Bild, das bleibt, auch im Alltag. Vielleicht ist es diese Nähe, die vieles selbstverständlich macht: dass man sich grüßt, dass man sich begegnet, dass der Dom einfach dazugehört.
Auch sein Sohn ist hier aufgewachsen und hat am Domplatz. Die Öffnung des Platzes hat Kremser bewusst wahrgenommen – und wie sie angenommen wurde. „Er überrascht immer wieder mit Interventionen“, sagt er. „Und er wird genutzt.“
Ein Platz, der sich verwandelt
Wer hier wohnt, erlebt den Domplatz nicht nur als Raum, sondern als Bühne. Bei Festen, bei Konzerten, bei Begegnungen. „Manchmal sitze ich am Balkon, wenn unten etwas stattfindet“, erzählt der Posthof-Manager. Dann verändere sich die Stimmung. „Der Platz bekommt ein mediterranes Flair, wie in Syrakus.“ Ein Ort, der sich öffnet, der sich zeigt, der sich auch selbst ein bisschen feiert.
Gerade diese Momente schätzt er. Wenn unterschiedliche Menschen zusammenkommen, etwa bei interkulturellen Festen oder zu Erntedank. „Das funktioniert gut“, sagt er.
Zwischen Big Apple und Linz
Der Dom selbst bleibt für ihn ein spannungsvoller Ort. Einerseits die Größe, die ihn an große Kathedralen erinnert, wie etwa die St. Patrick’s Cathedral in New York „Man kann sich hier gut in den Big Apple träumen.“ Andererseits diese Bodenständigkeit, die so gut zu Linz passt.
Kremser kommt aus einer Historiker-Familie, die Auseinandersetzung mit Kirche ist für ihn auch eine kunsthistorische. Aber nicht nur.
„Ich bin in der österreichisch-katholischen Tradition eingebettet“, sagt er. Sein Sohn wurde im Dom getauft, Gespräche mit Pfarrer Maximillian Strasser sind ihm in Erinnerung geblieben. Und auch wenn er selbst nicht regelmäßig in die Messe geht – zu Weihnachten ist es fix.
Spiritualität beschreibt er nicht laut, eher als etwas, das mitwächst. „Der rebellische Anteil wird im Alter weniger“, sagt er. „Vielleicht ist das schon Spiritualität.“
Mut zur Gestaltung
Ein Ort, an dem sich dieser Wandel auch zeigt, ist für ihn das Domcenter. „Ein Glücksfall“, sagt Kremser. Die Architektur, die Zeltidee, das Zusammenspiel aus Kirche, Begegnung und Tourismus – all das beeindruckt ihn.
„Wenn sich Kirche etwas traut, imponiert mir das.“ Es sei ein Gewinn für die Stadt und für alle, die hierherkommen.
Ein täglicher Weg
Und so führt sein Weg weiter – jeden Tag mit dem Rad über den Domplatz in die Arbeit und wieder zurück. Kaum ein Tag, an dem er niemanden trifft. „Es ist eine positive Grundstimmung“, sagt er.
Vielleicht ist es genau das, was diesen Ort ausmacht: dass er nicht nur Kulisse ist, sondern Teil des Lebens.
Text: Claudia Riedler-Bittermann