Mit den Augen der Domfrauen
Der Impuls dafür entstand an der Katholischen Privat-Universität Linz. In einem interdisziplinären Seminar von Anna Minta und Martina Resch wurden die Frauenfiguren in den Domfenstern erforscht, eine Broschüre erstellt und gemeinsam mit zwei Künstlerinnen neue Perspektiven entwickelt. „Dieses Spannungsfeld zwischen Sichtbarkeit und Zuschreibung hat mich sofort gepackt“, erzählt Veronika Kitzmüller. „Es wäre schade gewesen, wenn diese Erkenntnisse einfach wieder verschwinden.“ Nach dem zweiten Domfrauen-Projekt reifte daher die Idee, Führungen anzubieten – um die Ergebnisse des Seminars breiter zugänglich zu machen, für alle Interessierten, ausdrücklich auch für Männer.
Blickwechsel
Dass die neue Führung von den Domfrauen gestaltet wird, ist ein bewusst gesetztes Zeichen. Die Domfrauen – Frauen verschiedenster Berufe, Lebenswege und Glaubensrichtungen – bringen ihre eigenen Perspektiven und persönlichen Geschichten ein. Acht von ihnen gestalten das neue Angebot. Sie knüpfen damit an das erfolgreiche Domfrauenprojekt an, bei dem Frauen mit ihren Erfahrungen und Fragen den Mariendom aus weiblicher Sicht erlebbar gemacht haben. Diese Vielfalt an Stimmen, sagt Kitzmüller, öffne Räume, ermögliche Begegnung und spreche Menschen weit über klassische Domführungsbesucher:innen hinaus an.
In den Führungen öffnen die Domfrauen den Blick für Details, die leicht übersehen werden können. Ein Beispiel ist das Lourdes-Fenster: Eine Familie pilgert nach Lourdes, eine erkrankte Mutter, eine kranke Tochter, daneben die zweite Tochter, die behutsam das Lourdes-Wasser auffängt. Ein Fenster, das fast nebenbei davon erzählt, wer Pflegearbeit trägt – damals wie heute meist Frauen. „Uns ist wichtig, diese Alltagsrealitäten sichtbar zu machen und zu fragen, was sie uns heute sagen können“, sagt Veronika Kitzmüller.
Verbindung zur Gegenwart
Die hundert Jahre alten Fenster zeigen „Land und Leute“ ihrer Zeit: Frauen in Alltagssituationen, Gläubige, Sponsorinnen, die Mutter des Bischofs – Frauen, die damals gelebt haben. Spannend wird es, wenn man genauer hinsieht: Wie groß werden Frauen dargestellt? Auf welcher Seite des Mannes? In welcher Haltung? Warum erscheint eine Professorin in bäuerlicher Tracht? Und ebenso wichtig: Welche Frauen fehlen? Arbeiterinnen in Arbeitskleidung sucht man vergeblich. Die Führungen laden dazu ein, darüber zu sprechen, welche Frauen damals sichtbar waren – und welche nicht. Und was das über unsere heutige Wahrnehmung aussagt.
So entsteht ein Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart, der die Fenster des Mariendoms neu lesbar macht – und der Frauen, deren Geschichten über Jahrzehnte im Hintergrund standen, in den Blickpunkt rückt. „Ich freue mich sehr darauf, wenn es los geht“, sagt Kitzmüller.
Führung DOM.FRAUEN.BLICK – Frauenbilder im Mariendom
5. und 12. Dezember 2025, 15 Uhr
Ab Jänner jeweils an jedem 2. und 4. Freitag im Monat (April–Oktober um 16 Uhr, November–März um 15 Uhr); Dauer: ca. 1 Stunde
Infos und Buchung:
Domcenter, Domplatz 1, 4020 Linz
Tel. 0732/946100
E-Mail: domcenter@dioezese-linz.at
Text: Claudia Riedler-Bittermann