HIMMELssturm

„O Heiland, reiß die Himmel auf“ – dieses fast vierhundert Jahre alte Adventslied präsentiert sich gar nicht sanft und lieblich, es zeigt sich fast ein wenig herb, mit sperrigem Text und fremd klingender Melodie. Und doch ist genau dieses Lied Wolfgang Kreuzhubers Lieblingslied im Advent.
| Liedtext |
| 1. O Heiland, reiß die Himmel auf; herab, herab, vom Himmel lauf. Reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloß und Riegel für. 2. O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß; im Tau herab, o Heiland, fließ. Ihr Wolken, brecht und regnet aus den König über Jakobs Haus. 3. O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd, dass Berg und Tal grün alles werd. O Erd, herfür dies Blümlein bring, o Heiland, aus der Erden spring. 4. Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm tröst uns hier im Jammertal. 5. O klare Sonn, du schöner Stern, dich wollten wir anschauen gern; o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein in Finsternis wir alle sein. 6. Hier leiden wir die größte Not, vor Augen steht der ewig Tod. Ach komm, führ uns mit starker Hand vom Elend zu dem Vaterland. |
Der erstmals 1622 in der Würzburger Liedersammlung „Das Allerschönste Kind in der Welt“ publizierte Text wird dem Jesuiten Friedrich Spee von Langenfeld (1591–1635) zugeschrieben. Der Text entstand demnach in einer Zeit, in der Elend und Not, Finsternis und Jammertal eine ganz besondere Bedeutung hatten: Der Dreißigjährige Krieg währte bereits einige Jahre, Pest und Cholera wüteten und leerten ganze Landstriche, Hungersnöte fegten durchs Land und Hexenverfolgung, Plünderer und vieles mehr verbreiteten Angst und Schrecken. Zunächst wurde das Lied offenbar auf eine andere Melodie gesungen, bevor die heute bekannte Melodie im ersten Kirchenton 1666 erstmals im „Rheinfelsischen Gesangbuch“ belegt ist.
Im Gespräch verrät Wolfgang Kreuzhuber, Direktor des Konservatoriums für Kirchenmusik der Diözese Linz, mehr über seine persönliche Beziehung zum Lied.
Warum ist das Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ so besonders für Dich?
Für mich ist das Lied so besonders, weil es in seiner Verbindung von Text und Melodie einzigartig ist. Text und Melodie passen nahezu kongenial zusammen. Auch wenn die dorische Kirchentonart in unseren Ohren heute eher fremd erscheint – sie entspricht dem, was im Text spannungsreich ausgeführt wird.
Während die ersten drei Strophen des Liedes mit Bildmotiven aus dem Buch Jesaja, die sich auf Jesu Geburt beziehen, arbeiten, spielt in den restlichen drei Strophen jeder und jede, der/die dieses Lied singt, die Hauptrolle. Denn es ist der Aufschrei, dass die Erfüllung von Jesajas Prophezeiung noch aussteht – nämlich in ihrer ganzen Konsequenz: Der Heiland der Welt ist zwar schon vom Himmel herabgestiegen, auf Erden grassiert aber noch immer Unglück und Unheil.
Das Lied „O Heiland, reiß die Himmel auf“ rückt diese Spannung in den Fokus – und nicht nur diese, es verbindet auch auf außergewöhnliche Weise die Spannung zwischen der Rauheit des Advents und die Sehnsucht nach dem erlösenden Weihnachtsfest. Man spürt diesen anklagenden Aufschrei mit allen Fasern: „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?“ Damit ist dieses Lied also weit entfernt vom Bild eines Weihnachtsmarktes mit Glühwein, Punsch, Spekulatius und Zimtsternen.
Das Lied beschönigt und beschwichtigt nicht. Es ist kein Lied, das mich trägt, es ist ein Lied, das mit dynamischen Verben und klagenden Ausrufen immer wieder danach schreit: „Komm endlich zu mir und erlöse mich!“
Hast Du über das Lied schon einmal improvisiert?
Nicht nur einmal. Im Gottesdienst improvisiere ich natürlich öfters darüber. Und es ist als Motiv für eine Improvisation besonders spannend – aufgrund der verwendeten Kirchentonart, seiner außergewöhnlichen Melodik und der interessanten Modulationen innerhalb des Liedes.
Wieso ist „O Heiland, reiß die Himmel auf“ für Dich auch heute noch zeitgemäß?
„O Heiland, reiß die Himmel auf“ ist der unaufhörliche Ruf nach Gerechtigkeit. Der Textdichter Friedrich von Spee klagte damals bitter darüber, dass das wirkliche Weihnachten einfach nicht kommt – obwohl es im Kalender steht. Er war enttäuscht und tat das, was er als Einzelner in dieser dunklen Zeit tun konnte: Er schrie auf nach Erlösung und Gnade von oben.
Denn wer solche Zeilen verfasst, nimmt die augenblickliche Situation nicht einfach hin, sondern leidet bitter darunter und schreit nach Veränderung, nach Erlösung, nach Heil. Und wünschen wir uns nicht auch heute Veränderung, wünschen wir uns nicht auch, er möge Gerechtigkeit und Frieden vom Himmel herabregnen lassen?
